GOOD
10/09/2018 17:44 CEST | Aktualisiert 10/09/2018 17:44 CEST

Seetang: Das Superfood, das gegen den Klimawandel helfen könnte

Forscher halten die Algen für die Lösung vieler Probleme.

Enrique Díaz / 7cero via Getty Images
Ein Algen- oder Seetangsalat mit Sesam

Seetang bedeckt die Strände, auf denen wir spazieren gehen. Er landet getrocknet in unserer Instant-Miso-Packung und weltweit untersuchen ihn Forscher in ihren Laboren.

Wissenschaftler, Lebensmittelunternehmen und Umweltschützer wollen, dass wir mehr von diesen Algen essen – die manchmal auch etwas ansprechender als Seegemüse betitelt werden. Aber Menschen, die in westlichen Haushalten aufgewachsen sind, haben wahrscheinlich keine allzu hohe Meinung von Seetang auf dem Teller.

“Zu glitschig für Verbraucher”

Jonathan Kauffman, Autor des Buches “Hippie Food”, sagt, dies liege zum Teil daran, wie Seetang in die westliche Gesellschaft eingeführt wurde – als gesundes Lebensmittel gegessen vor allem von Hippies in den 1960er Jahren.

“Seetang hat auf den Großteil der Bevölkerung nicht wirklich Eindruck gemacht. Die Leute haben ihn mit anderen sonderbaren Gesundheitsprodukten über einen Kamm geschert, denen sie sowieso ablehnend gegenüber standen.”

Laut Kauffmann war Seegemüse nie Teil der allgemeinen Küche – außer bei Personen, die die ernährungsbezogenen Vorteile von Tang hochlobten, so etwa bei makrobiotischen Diäten.

“Ich denke, dass er zu sehr nach Meer geschmeckt hat und die Konsistenz zu glitschig war für Verbraucher, die nicht von Anfang an mit Seetang als Essen aufgewachsen sind”.

Milliarden-Geschäft mit den Algen

Doch Seetang wird beliebter. Es wird angenommen, dass der globale Seetang-Markt in den kommenden sechs Jahren auf einen Wert von neun Milliarden US-Dollar klettert.

Der größte Teil der Summe wird auf Tang als Lebensmittel entfallen, vor allem in den Ländern des asiatisch-pazifischen Raums, darunter Japan.

 

Bloomberg via Getty Images
Die japanische Taucherin Machiyo Yamashita hat Wakame-Seetang gesammelt

Obwohl die Bevölkerung des Westens Seetang viel langsamer in ihren Speiseplan aufgenommen hat, geht man davon aus, dass sich dieses Konsumverhalten ändert. Und zwar sobald sich die Gesellschaft an den Tang gewöhnt hat und der Hype um die möglichen Vorteile bei Ernährung, Gesundheit und Umwelt stärker geworden ist.

Sushi und Salat

Kauffman spricht über verschiedene Varianten des Seegemüses, in denen es uns heute begegnet: in den Küchen Japans und Ostasiens.

Nori umhüllt Sushi, Hijiki kann die knackige Komponente in Seetangsalat und man wird kaum eine Schale Miso-Suppe ohne ein bisschen Wakame-Algen darin finden.

Die Algen sind lange haltbar

Nancy Singleton Hachisu jedoch würde argumentieren, dass die Algen noch viel mehr kulinarische Möglichkeiten eröffnen.

Die gebürtige Kalifornierin lebt seit zwanzig Jahren in Japan und schreibt über die einheimische Küche. Eine der großen Vorteile des Seegemüses, so Hachisu, sei seine Haltbarkeit.

Hachisu hat eine simple Herangehensweise, Menschen aus dem Westen an Seegemüse heranzuführen: Sie verwendet es als Basiskomponente des Geschmacks, so wie in einer Dashi – einer klaren und pikanten Brühe, die aus Tang gemacht wird. Dieser ist in Japan als Konbu bekannt.

Superfood Seetang

Seetang wurde mit dem allgegenwärtigen und nichtssagenden Etikett Superfood belegt.

Aber es existieren tatsächlich Forschungen zu seinen möglichen gesundheitlichen Vorteilen. Es heißt, Tang wirke positiv auf das Herz und führe zu einer höheren Lebenserwartung. Chigozie Okolie und Beth Mason von der Cape Breton University in Nova Scotia, Kanada, untersuchen, inwiefern Seetang dem Darm guttut.

“Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Ballaststoffe aus Seetang präbiotisch wirken, zum Beispiel als Nahrungsquelle für nützliche Darmmikroben”, schreibt Okolie in einer E-Mail. Er glaubt, dass das erhöhte Interesse an Seetang zum Essen auf seine Nachhaltigkeit zurückzuführen ist. Gerade im Vergleich zu Lebensmitteln, die aus an Land gewachsenen Pflanzen stammen.

Seetang als klimafreundliches Lebensmittel

Seetang wird aufgrund seiner Umweltfreundlichkeit gepriesen. Die Weltbevölkerung wächst – man geht von zehn Milliarden Menschen bis 2050 aus – und damit auch der Nahrungsbedarf. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass wir die Essensproduktion zwischen 2007 und 2050 um 70 Prozent steigern müssen. 

Dies führt zu enormem Druck auf Land- und Wasserressourcen in einer Zeit, in der wegen des Klimawandels laut Wissenschaftlern extreme Wetterereignisse ohnehin schon häufiger werden. Wetterereignisse, die der Landwirtschaft schaden.

In diesem Kontext sprechen Befürworter von Seetang als einer nahezu perfekten Lösung. Er benötigt weder Dünger noch Frischwasser, um zu wachsen. Er saugt klimaschädliches Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre. Und er hilft, der Meeresversauerung entgegenzuwirken.

Laut dem australischen Wissenschaftler Tim Flannery wächst er zudem sehr schnell, mit einer 30 bis 60 mal höheren Wachstumsrate als Landpflanzen.

Algen als Kläranlage für die Fisch-Fäkalien

Thierry Chopin ist Professor für Meeresbiologie und Direktor des Seaweed and Integrated Multi-Trophic Aquaculture Research Laboratory an der Universität von New Brunswick, Kanada. Chopins arbeitet vor allem an Meeressystemen, in denen Lachs, Krebstiere und Seetang gemeinsam wachsen sollen.

Chopin sagt, Seetang absorbiere nicht nur Kohlenstoff, sondern helfe, überschüssigen Stickstoff und Phosphor aus Fischfäkalien wiederzuverwerten. Diese würden andernfalls das Wasser verschmutzen.

Er sieht Seetang als wichtige Chance, um ein Gleichgewicht zu fördern – sowohl ökonomisch als auch ökologisch.   

Forscher untersucht, ob die Algen ihn zu einem Parkinson-Medikament führen

Chopin untersucht des Weiteren auch mögliche medizinische Verwendungszwecke. Seine Arbeit führt ihn zu der Bay of Fundy im Osten Kanadas, wo die Wassertemperatur massiv schwankt. Der Seetang müsse das aushalten, sagt er, die Algen müssten also ihre Proteine sehr gut schützen können.

Es sind Studien wie diese, die, so hofft Chopin, ihn zu einer möglichen Behandlung von Parkinson bringen werden. Parkinson ist eine neurologische Erkrankung, die auf einen Abbau einiger Proteine im Körper zurückzuführen ist.

“Leider nicht sonderlich lecker”

Manch einer allerdings zweifelt am Seetang und der Wirkung, die man ihm zuschreibt.

In Cape Cod im US-Bundesstaat Massachusetts versucht Tamar Haspel über den Medizinschrank, die Vorratskammer oder die Umwelt hinaus zu denken.

Es geht darum, grundsätzlich herauszufinden, ob Nordamerikaner Seetang tatsächlich als Lebensmittel akzeptieren werden.

Haspel ist Austernfarmerin und bekannt als Autorin der “Unearthed”-Kolumne in der “Washington Post”, die mit dem James-Beard-Preis ausgezeichnet wurde. Die Kolumne beschäftigt sich mit Problemen der Nahrungsmittelversorgung.

Wenn es um Seegemüse geht, ist sie geteilter Meinung. Wir sollten es anbauen, aber nicht davon ausgehen, dass wir auf einmal wie aus dem Nichts anfangen, es haufenweise zu essen. 2015 schrieb sie in einer Kolumne, dass der Geschmack von Seetang “eine Art Hürde ist. Seetang ist, leider, nicht sonderlich lecker”.

Die Entscheidung der Konsumenten

Für Haspel sind die Entscheidungen der Konsumenten am Ende ausschlaggebend. Sie hängen davon ab, was die Verbraucher als wohlschmeckend wahrnehmen. 

“Wenn es eine fundamentale Wahrheit gibt über die amerikanische Ernährungsweise, dann, dass wir mehr Gemüse essen sollten”, hebt sie in einem Skype-Interview hervor. “Aber wenn man auf den Verzehr schaut, sieht man, dass dieser Vorsatz seit den 1970ern gescheitert ist. Wenn wir die Leute nicht einmal dazu bringen können, Gemüse zu essen, wie wollen wir sie dann davon überzeugen, Seegemüse zu verspeisen? Menschen bedenken Geschmack, Preis und persönliche Gesundheit in dieser Reihenfolge.”

 

Smitt via Getty Images
Als Hülle für die Sushi-Rollen haben viele Menschen im Westen Algen schon gegessen

Haspel gefällt die Argumentation, dass die Anpflanzung von Seetang gut für die Ozeane sei, da auch sie am und mit dem Meer arbeitet. Aber sie glaubt nicht daran, dass ökologische Argumente dafür sorgen werden, dass Tang auf den Tellern der Bevölkerung landet. “Das ist kein Problem der Verbraucher”, sagt sie, “das ist ein Problem der Versorgungskette”.

Sie sieht die großen Lebensmittelunternehmen in der Pflicht. Sie müssten die Verbraucher bei angepackten Lebensmitteln mit besserem Nährwertangaben überzeugen. Allerdings, sagt sie, werde das nicht einfach. “Die Wahrheit über Seetang und die amerikanische Ernährung ist, dass die Leute sich gerne Produkte verkaufen lassen, die auch gut schmecken.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Dennis Meischen aus dem Englischen übersetzt.

(sk)