POLITIK
09/07/2018 07:56 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 12:15 CEST

Seenotrettung: Während Deutschland "Asyl-Wende" feiert, sterben Hunderte

Die HuffPost-These.

Darrin Zammit Lupi / Reuters
Eine verzweifelte Retterin der Lifeline-Crew.

Es ist schon zynisch.

Während Deutschland darüber diskutiert, wie pro Tag fünf Flüchtlinge zuverlässig an der Grenze abgewiesen werden können, ein Streit, an dem fast die Regierung zerbricht, sterben im Mittelmeer im Juni über 600 Menschen.

Männer, Frauen, Kinder.

Während die Nation den Atem anhält, weil Helfer aus aller Welt in Thailand ein Fußballteam aus einer Höhle retten, müssen Retter in Malta, Italien und Spanien tatenlos zusehen, wie ganze Familien vor ihren Augen ertrinken.

Ein Kapitän, der doch über 200 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt, muss sich dafür vor Gericht verantworten. Er hat das Recht gebrochen. 

Das ist Europa im Juli 2018. Europa in seiner ganzen hoffnungslosen Unmenschlichkeit.

NGOs springen ein, wo die Regierungen versagen

Lange nicht mehr war die Lage zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Kontinent so dramatisch. Lange nicht mehr starben so viele Menschen in den Fluten. 

Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) kamen allein seit dem 19. Juni 483 Migranten auf der zentralen Route Richtung Italien ums Leben. Im ganzen Mai waren es keine 50. 

Eine zentrale Ursache ist schnell ermittelt: Die europäischen Regierungen, allen voran die Rechten in Italien, haben begonnen, mit lange ungekannter Schärfe gegen die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) vorzugehen, die seit Jahren dort einspringen, wo die politische Führung versagt.

Bei der humanitären Aufgabe, Menschen vor dem Tode zu retten.

Es müssten wieder mehr Rettungsschiffe unterwegs sein, um noch mehr Tote zu verhindern, twitterte IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo zuletzt. Stattdessen lassen die Populisten in Rom keine NGOs mehr in ihren Häfen anlegen. 

Es bräuchte politische Lösungen

Völlig klar: Der Streit um die Rettungsmissionen darf nicht die politische Diskussion ersetzen. Es kann nicht die Lösung sein, Flüchtlinge aus dem Meer zu ziehen und sie ohne Absprachen an das europäische Festland zu karren.

Genau hier wäre die EU in der Pflicht – und eben nicht die ehrenamtlichen Helfer, die in den allermeisten Fällen nur eins treibt: der Kampf um Menschenleben. 

Mehr zum Thema: Seehofers Labor: So schlimm geht es im angeblichen Vorzeige-Flüchtlingslager der CSU zu

Es bräuchte längst ausgelagerte Flüchtlingszentren in Nordafrika, in denen humanitäre Standards herrschen, die nicht von menschenverachtenden Milizen kontrolliert werden – und in denen im besten Fall bereits über Asylgesuche in der EU entschieden werden kann. 

Es bräuchte große Bemühungen um internationale Kooperationen, um die Todes-Zone Mittelmeerraum zu beruhigen. Entlastung für Italien, Spanien, Griechenland.

Stattdessen wird dieser Tage vor allem in eine Richtung Anstrengung unternommen. Auch in der deutschen Debatte geht es immer wieder um die Frage, wie das Helfen unterbunden, die Hilfesuchenden abgewiesen werden können. 

Und vor allem: Abgeschreckt. Das Wort “Sogwirkung” ist zum zynisch aufgeladenen politischen Kampfbegriff geworden.

Im Juli 2018 sollte klar sein: Den Tod als Abschreckung zu verwenden, ist mittelalterliche Barbarei.