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21/07/2018 17:24 CEST | Aktualisiert 22/07/2018 13:04 CEST

Seenotretter: "Schlauchboote sind das i-Tüpfelchen der Menschenverachtung"

Es gibt ein viel zu lautes Schweigen.

Erik Marquardt
Gorden Isler mit einem geretteten Jungen.

Du legst dich kurz hin, bist bis auf die Knochen erschöpft. Dann reißt dich eine Sirene aus dem Schlaf. Du schreckst hoch, stopfst dir ein Stück Brot in den Rachen und hechtest an Deck. Und dann siehst du es. Den absurdesten Anblick, den sich ein Mensch vorstellen kann: eine Einweg-Gummiwurst mit 160 Menschen darauf.

Und du hast das Gefühl, diese Schlauchboote sind nicht dafür gemacht, Menschen zu retten, in Sicherheit zu bringen. Nein. Es gibt sie nur, um Menschen in Gefahr zu bringen und sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Für mich sind diese Boote das i-Tüpfelchen der Menschenverachtung. Das kann man gar nicht erklären, das muss man gesehen und gefühlt haben, um es gänzlich zu verstehen.

Das Plastik ist nicht einmal einen Millimeter dick. Ein Jeansknopf kann ausreichen, um ein ganzes Boot zu zerstören. 

Wie kann es sein, dass es Menschen auf diesem Planeten gibt, die für Geld Menschen in eine solche Situation bringen? 

Niemand kann sich ausmalen, wie menschenunwürdig das alles ist

Und dann siehst du auf dieser Gummiwurst die Kinder, mit ihren Wunden am ganzen Körper. Sie reiben ihre kleinen Beinchen und Ärmchen am Gummi auf. Denn alles vermischt sich mit Salzwasser und Benzin. Dieses Gemisch auf ihrer Haut reibt am Gummi der Boote. Davon haben sie Wunden und Blasen am ganzen Körper, während sie sich in Todesangst an ihre Eltern klammern.

Erik Marquardt

Das ist so menschenunwürdig, das kann sich niemand ausmalen, und auch nicht empfinden, selbst wenn man es selbst sieht.

Als ich im September 2015 die Bilder des kleinen toten Jungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum gesehen habe, wusste ich, ich muss etwas tun. Ich war selbst vor kurzem Vater geworden und konnte nachempfinden, wie furchtbar es den Menschen gehen muss, deren Lebensmittelpunkt dieses kleine Lebewesen gewesen war.

Dann habe ich Kontakt zur Seenotrettung gesucht und bin das erste Mal im November 2016 mit einer Organisation aus Hamburg, die es jetzt nicht mehr gibt, nach Valletta auf Malta gefahren.

Wenn du es einmal gesehen hast, suchst du weiter nach Möglichkeiten gegen das Sterben

Das war das bisher krasseste Erlebnis meines Lebens. Wir haben teilweise drei Tage am Stück auf dem Meer verbracht, ohne Schlaf, und Menschen gerettet. Morgens, mittags, abends, nachts.

Wenn du das einmal erlebt hast, das erste Mal mit dem Tod konfrontiert wirst auf dem Mittelmeer, mit schwer verletzten Kindern, denen du in die Augen blickst, dann kannst du dich nicht einfach abwenden, einfach wieder nach Hause fahren.

Sondern du denkst: Das Problem muss irgendwie gelöst werden. Und du hast gemerkt, dass du ein Teil der Lösung sein kannst, dass du mit deinen eigenen Händen etwas tun kannst. Und dann suchst du weiter nach Möglichkeiten, zu helfen, etwas zu tun, gegen das Sterben auf dem Mittelmeer.

Also bin ich noch drei weitere Male auf Rettungsschiffen gewesen und inzwischen im Vorstand von Sea-Eye, einer Seenotrettungsorganisation aus Regensburg.

Was auf dem offenen Meer passiert, ist surreal

Ehrlich gesagt: Für einen Menschen, der hier aufgewachsen ist in Deutschland, nur ein geregeltes Leben kennt, mit solcher Not nichts zu tun hat, für den ist das alles unvorstellbar. Und unvorstellbar bleibt es auch, wenn man dort ist.

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Ich weiß noch, wie ich das erste Mal im Hafen in Valletta angekommen bin. Die Atmosphäre war inspirierend. Es lagen fünf Rettungsschiffe im Hafen, überall waren Menschen, Rettungsboote, Schwimmwesten. Manche haben sich auf Einsätze vorbereitet, andere kamen gerade zurück. Und es war klar: Konkurrenzdenken gibt es hier nicht. Dieses bedingungslos, ultimativ Kooperative war mir neu – und es war fantastisch. Alles stehen und liegen zu lassen, um für eine gemeinsame Sache einzustehen. 

Erik Marquardt

Das war im Hafen.

Was dann auf dem offenen Meer passiert ist, war surreal. Niemand ist darauf vorbereitet. Keiner. Ich glaube, das menschliche Gehirn kann auch gar nicht verstehen, was es dort erlebt. Die Konfrontation mit der Realität ist brutal. Aber ich möchte euch trotzdem vom Sterben auf dem Mittelmeer erzählen.

Es fühlte sich an wie Krieg

Die erste Mission hatte es in sich, jeden Tag Ausnahmezustand auf dem Meer, 10.000 Menschen in Seenot. Es fühlte sich an wie Krieg, das einzige, was noch fehlte, waren Schüsse. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Horrorfilm, der an mir vorbeiläuft, bei dem ich mit der Verarbeitung nicht hinterher komme. Du vergisst alles um dich herum, verlierst jegliches Zeitgefühl. Wenn mich jemand gefragt hätte, was vor drei Stunden war, ich hätte es nicht mehr sagen können.

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Wir haben viele Leben gerettet, aber das alles ist nur Schadenbegrenzung. Die Welt hat versagt, und das schon im Jahr 2014, als ein entscheidender Fehler gemacht wurde: “Mare Nostrum” einzustellen. Ein Jahr lang war die Operation der italienischen Marine und Küstenwache permanent mit vier Rettungsschiffen im Einsatz, um Schleuser aufzugreifen und Menschen aus Seenot zu retten, die von Afrika aus über das Mittelmeer Italien erreichen wollten.

Sie retteten mehr als 100.000 Menschen und brachten sie nach Europa, nahmen 728 Schlepper fest. Und trotzdem sind Menschen ertrunken. 3000 allein in den ersten zehn Monaten im Jahr 2014.

Wer in Libyen landet, ist vogelfrei

Manch ein Politiker hat damals schon angefangen zu erzählen, diese Boote würden Menschen gar erst einen Anreiz bieten zu fliehen. Als sich die Italiener dann aber allein gelassen fühlten und sich kein anderes EU-Land verantwortlich gezeigt hat, wurde “Mare Nostrum” im Oktober 2014 eingestellt. Und dann? Dann ging das Sterben erst richtig los.

ZUM HINTERGRUND: 

“Mare Nostrum” war eine Operation der italienischen Marine und Küstenwache mit einem Fokus auf die Seenotrettung von Migranten. Italien wurde die Operation allerdings zu teuer. Das Land stellte sie am 31. Oktober 2014 ein. 

Nachfolger war die Operation “Triton” der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Für die Mission stand deutlich weniger Geld zur Verfügung als für “Mare Nostrum”. Außerdem lag der Fokus hier auf Grenzschutz. “Triton” wurde im Februar 2018 abgelöst von “Themis”.

Außerdem gibt es im Mittelmeer noch die EU-Mission “Sophia”. Seit Juni 2015 patrouillieren Kriegsschiffe der EU-Staaten vor der Küste Liybens. Sie gehen gegen Schlepper vor, retten aber auch Flüchtlinge aus Seenot. Derzeit streiten sich die EU-Staaten, wer die geretteten Menschen aufnehmen soll

Stell dir einen Menschen vor, der aus Eritrea flüchtet. Der kämpft sich erst durch den Sudan und dann landet er in Libyen. Die Hilfsorganisation Oxfam hat die Menschen dort befragt. Der Großteil der Frauen wurde laut eigenen Angaben vergewaltigt, 74 Prozent der Männer haben willkürlich Ermordungen erlebt.

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Ein junger Mann aus Ghana hat mir erzählt, man müsse sogar vor anderen Flüchtlingen Angst haben. Die werden von Schlepper bezahlt, um sich gegenseitig zu massakrieren, auch der Polizei n Libyen kann nicht getraut werden. Niemandem kann man trauen. Wer in Libyen landet, ist vogelfrei. Es ist ein nackter Kampf ums Überleben.

Wie viele Migranten betreten EU-Boden? Alles andere ist egal

Nach “Mare Nostrum” sind die ganzen NGOS entstanden – in Deutschland, den Niederlanden, Spanien. Europäische Bürger haben gemerkt, dass sich die EU nicht verantwortlich fühlt. Also fühlten sich die Demokraten dieses Kontinents verantwortlich.

Erik Marquardt

Die Gründer von Sea-Eye, die ich kennengelernt habe, haben mir genau diese Geschichte erzählt. Sie haben geglaubt, sie schicken da ein rostiges Schiff runter und retten Menschen. Dafür wurden sie von allen in ihrem Umfeld verrückt erklärt.

Aber sie haben es durchgezogen. Ohne Expertise, ohne zu wissen, welche Gefahren ihnen drohen. Und sie haben es geschafft, ihr eigenes Geld in die Hand genommen. Sea-Eye hat inzwischen 400 Mitglieder, mehr als 1000 Helferinnen und Helfer sind Teil dieser humanitären Lösung. Jeder kann ein Teil der Lösung sein, du musst einfach nur mitmachen.

Sicher ist: Ohne diese Ausnahmepersönlichkeiten wäre das alles nicht möglich gewesen. Und heute? Da hat sich alles komplett gewandelt.

2015, 2016 haben Marine, Küstenwache und NGOs im Mittelmeer noch zusammengearbeitet. Aber Menschen weit weg von dieser Tragödie haben in ihren Politikerstühlen in den Hauptstädten Europas beschlossen, dass sie nicht mehr helfen wollen. Dort zählt momentan nur ein Indikator: Wie viele Migranten betreten EU-Boden? Alles andere ist egal.

Es gibt ein viel zu lautes Schweigen

Und während man uns NGOS vorwirft, falsch zu handeln, kooperiert die EU mit der libyschen Küstenwache. Ich habe erlebt, wie die sich auf dem offenen Meer verhalten. Die nehmen keinen Kontakt mit anderen Schiffen auf, sprechen meist kein Englisch, haben keine Ärzte, Rettungswesten und genügend Rettungsboote dabei. Was ist das für ein Kapitän, der 130 Menschen auf sein Boot holt und drei zum Sterben zurücklässt. Es passiert vor unseren Augen, jeder kann es sehen.

Und was passiert? Es gibt ein viel zu lautes Schweigen.

Ich weiß nicht, wie Politiker wie Horst Seehofer, Sebastian Kurz, Matteo Salvini oder Giuseppe Conte nachts schlafen können. Sie agieren prinzipienlos und nehmen schlimmste Menschenrechtsverletzungen in Kauf – nur um ihre Macht zu sichern.

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Horst Seehofer will die Ursachen von Flucht bekämpfen. Und was tut er? Die Flüchtlinge an sich bekämpfen. Nach dieser Definition sind Flüchtlinge offenbar selbst die Ursache von Flucht.

Wir müssen das Sterben auf dem Mittelmeer stoppen! Und dazu gibt es nur eine Möglichkeit. Es muss eine europäische Marine-Mission geben, die nicht nur Grenzschutz betreibt, sondern vor allem Menschenleben rettet. Das Retten muss zurück in staatliche Hand. Und gemeinsam mit engagierten Bürgern vorangetrieben werden. Und es braucht sichere Fluchtwege, humanitäre Visa und humanitäre Bedingungen, die an EU-Gelder geknüpft werden.

Die Werte Europas werden gerade im Mittelmeer verteidigt. Wenn wir diese Werte jetzt nicht bewahren, wie sollen wir das nachfolgenden Generationen erklären? Also wartet nicht darauf, bis ihr um Hilfe gebeten werden. Macht was. Jetzt!

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Gorden Isler und Uschi Jonas.

Hier könnt ihr Sea-Eye unterstützen.