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15/06/2018 14:39 CEST | Aktualisiert 17/06/2018 16:41 CEST

Ich rette Flüchtlinge im Mittelmeer – das ist meine Botschaft an Europa

Was wir dieser Tage erleben, ist unmenschlich und eines europäischen Staates unwürdig.

Im Video oben: Flüchtlinge in Seenot – die Retter von Sea-Watch.

Während hier bei uns auf dem Mittelmeer täglich Menschen sterben oder in Libyen um ihr Leben kämpfen, wird in Italien ein Spiel auf Kosten dieser Menschen gespielt.

Die Verantwortlichen in ihren bequemen Sesseln, sei es in Rom oder in Brüssel, haben keine Ahnung, was wir Seenotretter tagtäglich im Mittelmeer erleben. Das einzige, was sie sehen, sind Exceltabellen mit großen oder kleinen Zahlen.

► Doch wir sehen die Leichen im Wasser.

Odyssee auf dem Mittelmeer 

Seit Mitte Mai bin ich nun bereits auf See. Erst mit der “Seefuchs” von Sea-Eye und jetzt mit der “Sea-Watch 3”, einem Seenotrettungsschiff der gleichnamigen Organisation. Wir waren vor ein paar Tagen das letzte Boot, das Gerettete nach Italien bringen durfte.

Die neue rechtspopulistische Regierung schikaniert seit Wochenbeginn die Rettungs-NGOs und verwehrt ihnen die Einfahrt in italienische Häfen. So wie beim Rettungsschiff “Aquarius” von Ärzte ohne Grenzen, das nun in einer tagelangen Odyssee nach Spanien ausweichen muss – mit mehr als Hundert Menschen an Bord und bei hohem Wellengang.

Der Weg ist viel zu weit, es ist eine unerträgliche Situation für Flüchtlinge und Helfer. Bei so einem Wetter sind die meisten Menschen seekrank, können sich nicht mehr auf den Beinen halten und leiden weiter. So wie sie schon die letzten Monate und vielleicht Jahre leiden mussten.

Derzeit sind wir das letzte verbliebene NGO-Rettungsschiff im Einsatzgebiet auf dem zentralen Mittelmeer. Es ist ein Gebiet, das fast so groß wie Niedersachsen ist. In der Nähe ist ein US-Marineschiff, das uns um Unterstützung gerufen hat.

Die “Trenton” hat 41 Überlebende und 12 Tote eines Flüchtlingsunglücks geborgen. Nun warten auch wir seit mehreren Tagen auf eine Antwort, wohin die Menschen gebracht werden können. Aus Rom kommt einfach keine Zuweisung für einen sicheren Hafen. Die Seenotrettungszentrale antwortet weder uns noch der US-Navy.

Viele verstehen nicht, was wir tun 

Wir versuchen zusammen eine Lösung zu finden. Wir haben deutlich gemacht, dass wir die Menschen in einen sicheren Hafen bringen können – wenn dieser nicht mehr als 600 Kilometer entfernt ist. Mehr können wir für diese Menschen momentan nicht leisten und das macht uns traurig.

► Was viele nicht verstehen wollen: Das sind keine netten Taxifahrten, wie uns von Rechten und sogar von einigen Regierungsvertretern immer wieder vorgeworfen wird. Oder glaubt wirklich jemand, dass die US-Navy mit den Schleppern kooperiert? Hier sterben Kinder, Männer, Frauen – ohne dass die Angehörigen von ihrem Schicksal erfahren.

Viele Gerettete sind traumatisiert und befinden sich in einem kritischen Gesundheitszustand. Die Geretteten haben Angst, wieder zurück nach Libyen zu müssen.

Uns berichten die Überlebenden von dort fast ausnahmslos von Folter, Vergewaltigung und Erschießungen. Oft bekomme ich zu hören: “Lieber wäre ich gestorben, als dass ich in Libyen geblieben wäre.“

Warum wir die Menschen nicht nach Libyen bringen können 

Wir fahren auch nicht einfach irgendwo hin. Wir werden von der Seenotrettungsleitstelle in Rom angerufen und gezielt um Hilfe gebeten. Diese koordiniert zusammen mit Italiens Innenministerium alle Einsätze und weißt uns Häfen zu. Das gleiche passiert mit Fracht- oder Marineschiffen, die Menschen aus dem Meer retten.

► Was viele nicht wissen: Auch die italienische Küstenwache fährt Rettungseinsätze. Zuletzt brachte sie 900 Menschen nach Catania.

Deren Schiff durfte einlaufen, während zur gleichen Zeit die “Aquarius” abgewiesen wurde. Viele Menschen fordern von uns, die Menschen zurück nach Libyen zu bringen. Das wäre aber nicht nur unmenschlich, sondern auch verboten. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits höchstrichterlich geurteilt. Auch deswegen bringt die italienische Küstenwache die Menschen nach Italien.

Dass die NGOs jetzt angegriffen werden zeigt: Alles ist ein Schauspiel, ausgetragen auf dem Rücken der Flüchtlinge und der NGOs.

Italien sucht einen Sündenbock

Was wir dieser Tage erleben, ist unmenschlich und eines europäischen Staates unwürdig. Italiens Rechtspopulisten geht es allein um einen Sündenbock. Sie brauchen Schuldige für ihre politische Agenda – das sind wir. Die NGOs sollen aus dem Seenotrettungsgebiet vertrieben werden, dann würden es auch keine Flüchtlinge mehr nach Italien schaffen, so die absurde Formel. Leider sieht es so aus, als hätten die Populisten damit Erfolg.

Erik Marquardt/Sea-Watchorg

Es wird immer schwerer, genügend Spenden zu bekommen, um die Einsätze zu betreiben. Und ohne eine sicheren Hafen in ein bis zwei Tagen Entfernung haben wir kaum noch die Möglichkeit, regelmäßig im Einsatzgebiet zu sein.

Auch ohne uns würden Tausende den Weg nach Europa wagen. Wir haben uns erst gegründet, nachdem bei tragischen Unglücken teilweise mehrere hundert Menschen an einem Tag gestorben sind und europäische Staaten trotzdem keine zusätzlichen Rettungseinsätze bewilligt haben. Wir sehen fast täglich leere Schlauchboote – und wissen nicht, was mit den Menschen passiert ist.

Wo sind die europäischen Werte, von denen das EU-Parlament und die Kommission ständig spricht? Menschen werden offenbar geopfert, nur um ein Zeichen zu setzen und die europäische Abschottung weiter voranzutreiben.

Wir wollen nur eins: Menschen vor dem sicheren Tod bewahren. Es geht hier nicht um einfache Schreibtischentscheidungen in Brüssel oder Berlin, sondern um Leben und Tod.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.