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11/09/2018 14:17 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 14:17 CEST

Schwuler Vater: Darum sorge ich mich, dass mein Sohn homosexuell wird

Wie alle Eltern will ich eben nur das Beste für mein Kind.

BJ BARONE AND FRANKIE NELSON
Der Autor mit seiner "Freundin" Lori (rechts im Bild).

In meiner Kindheit hatte ich hauptsächlich Freundschaften mit Mädchen und das ist auch heute noch so. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich unter Frauen sicherer und ungezwungener als unter Männern.

Es gibt immer noch wundervolle Frauen in meinem Leben und meine beste Freundin habe ich vor über 35 Jahren bei einer Kinderfreizeit kennengelernt. Leider wurde mir als kleines Kind gesagt, dass es schlecht sei, mit Mädchen befreundet zu sein.

Ärger wegen “Mädchenfreunden”

Mir wurde ständig gesagt, dass nur schwule Jungs auschließlich mit Mädchen spielen würden. Meine Mutter machte mir wegen dieser “Mädchenfreunde” ständig Ärger. Obwohl ich heute weiß, dass sie mich nur vor der grausamen Welt da draußen beschützen wollte, war mir das damals nicht klar. 

Als Kind belastete mich das sehr. Warum durfte ich nicht einfach befreundet sein, mit wem ich wollte? Und warum war das schlecht? Solange ich mich erinnern kann, habe ich meine weiblichen Freunde gebeten, so zu tun als wären sie meine Freundinnen, damit meine Freunde und Mutter nicht denken könnten, dass ich schwul bin. Als kleines Kind mit so vielen Zweifeln an sich selbst und der eigenen Sexualität, war das hart.

Mehr zum Thema: Der Tag, an dem mein Vater mich rauswarf, weil ich schwul bin

In den 1970ern war es nicht einfach, schwul zu sein. Genauso wenig wie die Jahrzehnte zuvor, übrigens. Ich bin aufgewachsen, als die Schwulenbewegung gerade ins Rollen kam, zwischen den “Stonewall Riots” im Jahr 1969 und dem “Toronto Bathhouse Raid” im Jahr 1981. Ganz zu schweigen von der AIDS-Epidemie unter Schwulen Ende der 80er.

Es war keine tolle Zeit, um schwul zu sein, aber ich habe sie als hoffnungsvolle Zeit in Erinnerung. 

BJ BARONE AND FRANKIE NELSON
In Familien geht es um Liebe!

Männliche Freunde machen einen nicht hetero

Es gab keine Schwulenrechte, Homo-Ehe, Kinder von gleichgeschlechtlichen Partnern und so weiter. Nur wenige Leute outeten sich und offen schwul zu leben, war verpönt.

Meine Mutter tat was sie konnte, um mich zu einem Hetero zu erziehen, aber einfach nur mehr männliche Freunde zu haben, macht einen eben nicht hetero.

Meine Mutter versuchte ihr Bestes, mit den Informationen, die sie hatte. Sie war und ist immer noch ein Riesenvorbild für mich und die Person, an die ich mich am ehesten wende, wenn ich Rat brauche. Ich weiß, dass sie mir nicht schaden, sondern mich beschützen wollte. Deshalb verschlägt mir folgende Geschichte ja auch so die Sprache. 

Als wir den vierten Geburtstag meines Sohnes Milo planten, fragten wir ihn, was er sich zum Geburtstag wünsche und das erste, was er sagte, war: “Ich will nur Mädchen!”

“Du kannst nicht nur Mädchen zu deiner Party einladen!”

Wir wissen zwar, dass die meisten seiner Kindergarten-Freunde Mädchen sind, aber es hat mich trotzdem etwas überrascht. Dann hörte ich mich sagen: “Du kannst nicht nur Mädchen zu deiner Party einladen!”

Warum sollte ich soetwas sagen? Warum wurde ich in diesem Moment zu meiner Mutter? Ich war jahrelang wütend auf sie, weil sie mir nicht erlaubte hatte, befreundet zu sein, mit wem ich wollte und trotzdem sage ich meinem Sohn, dass er Jungs zu seiner Party einladen soll. 

BJ BARONE AND FRANKIE NELSON
Milo feiert seinen vierten Geburtstag mit seinen "Mädchenfreundinnen" und Batman und Robin.

Ich hakte etwas nach, warum er nur Mädchen wollte und keine Jungs. Ich wollte ehrlich wissen: Warum mochte er Mädchen mehr als Jungs? Außerdem wollte ich wissen, ob die Jungs ihn mobben oder ausgrenzen.

Ich brauchte eine Erklärung. Ich wollte mehr Informationen. Aber ich bekam keine. Er war ja schließlich erst drei und sagte mir einfach, dass “die Mädchen seine besten Freunde sind”. Und das ist ja das einzige, was zählt.

Bin ich hirngewaschen?

Die Unterhaltung hätte hier enden sollen. Für Milo tat sie das auch, aber für mich nicht. Ich meine: Es hätte ja auch sein können, dass Milo einfach seinen Vater und seinen Papa nachmacht. Schließlich gibt es in unseren Leben viele Frauen.

Ich brauchte weitere Antworten und dachte viele Stunden darüber nach, warum es mir so viel ausmachte, dass Milo nur mit Mädchen befreundet ist – vor allem nach all den Jahren, in den es mir so schlecht ging. 

Hatte mir meine Mutter diese Gedanken so tief in den Kopf gehämmert, dass ich gehirngewaschen war? Das glaube ich nicht. Es musste an etwas anderem liegen.

War es vielleicht ein Zeichen für meine Sorge, dass er schwul sein könnte? Vielleicht war es das. Aber das ist ein gruseliger Gedanke für einen schwulen Mann. Noch gruseliger ist es, ihn auszusprechen. Möchte ich, dass mein Kind schwul ist?

Ich habe 30 Jahre lang für Schwulenrechte gekämpft und versucht, zu akzeptieren, dass ich schwul bin. Außerdem habe ich über zehn Jahre mit Suchtproblemen gekämpft und hatte und habe wahrscheinlich immer noch verinnerlichten Schwulenhass, der ab und zu sein hässliches Gesicht zeigt.  

Bis nicht gleiches Recht für alle gilt, habe ich Angst

Aber die Zeiten haben sich geändert. Ich meine: Ich bin mit einem wundervollen Mann verheiratet, wir haben dank einer Leihmutter ein Kind und werden von unserer Familie und Freunden akzeptiert.  Auf unserer Webseite “Family is About Love” schreiben wir darüber, dass es in Familien nur um Liebe geht. Warum also sorge ich mich, ob Milo nur Mädchen als Freundinnen hat oder er schwul ist?

Wie alle Eltern will ich eben nur das Beste für mein Kind. Ich kann nicht anders als an meine vertrackte Vergangenheit zu denken und mich zu fragen, ob ich das für Milo wirklich will. Ich weiß, dass sein Leben ganz anders als meines sein wird, aber manchmal mache ich mir Sorgen. Bis nicht jedes Land der Welt die Homo-Ehe eingeführt hat und gleiches Recht für alle gilt, werde ich Angst haben.

Doch Milo hat mit seinem Vater und seinem Papa offene und fürsorgliche Eltern. Ich erinnere mich an das erste, was ich Milo gesagt habe, als er zur Welt kam, ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte und ihn ganz nah an mein Herz hielt: “Ich werde dich lieben, egal was passiert und egal wer du wirst!”

Ich muss mich selbst daran erinnern, dass nur weil das Leben heute “einfacher” ist, es nicht immer besser ist. Ich bin so glücklich, dass ich nicht den einfachen Weg gegangen bin. Obwohl ich ein bisschen länger gebraucht habe als andere, um mich selbst zu akzeptieren, bin ich heute umso glücklicher darüber. 

Ich will, dass Milo glücklich ist, egal was passiert. Und ob er nun schwul oder hetero oder irgendetwas dazwischen ist, ich werde ihn immer lieben, egal ob seine Freunde Mädchen oder Jungs sind!

Dieser Blog erschien zuerst in der HuffPost Canada und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(glm)