BLOG
28/05/2018 17:25 CEST | Aktualisiert 28/05/2018 17:25 CEST

Ich bin schwul, sie ist hetero und wir haben zusammen ein Kind

Unsere Sexualität definiert uns nicht.

David Arrick
David Arrick, Nate und Heidi auf Nates Karateklassen-Ausstellung in New York City 2017.

Als ich elf war, habe ich herausgefunden, dass mein Vater schwul ist. So schockierend die Feststellung auch war, so erleichtert war ich auch. Meine Eltern haben sich wegen seiner sexuellen Orientierung getrennt. Er hatte meine Mutter nicht verlassen, um eine neue Familie zu gründen, die er mehr liebte als uns.

►Trotzdem war ich verwirrt.

Es war 1978 und es gab keine positiven Beispiele von Schwulen in den Medien und ich hatte überhaupt keine Ahnung, was es für mich heißen würde, einen schwulen Vater zu haben.

Dann, als ich gerade anfing, die sexuelle Orientierung meines Vaters zu akzeptieren, hinterfragte ich allmählich meine eigene und outete mich auch als schwul, als ich 16 wurde.

Mehr zum Thema: “Ich mache mich für Homosexuelle nackt – obwohl ich selbst nicht schwul bin”

Trotz der emotionalen Turbulenzen, die mein Vater und ich durchgemacht hatten, schätzte ich mich glücklich. Ich hatte nicht nur ein Vorbild in der eigenen Familie, sondern wusste dank meines Vaters – anders als so viele Schwule in meinem Alter – auch, dass Schwulsein nicht heißen muss, kinderlos zu sein.

Das vergaß ich mein Leben lang nicht.

Ich erlebte eine neue Definition von Familie

Als ich 25 Jahre nach meinem Coming-Out mit meiner Freundin Heidi, die ich in der Uni kennengelernt hatte, anfing zu überlegen, zusammen ein Kind zu bekommen, hatte ich nicht die gleichen Befürchtungen, die andere Schwule quälen.

Heidi war für mich im Grunde Familie und wir sahen ein gemeinsames Kind als die natürliche Folge unserer engen Freundschaft. Wir waren beide Single, unsere Familien kannten und mochten sich und wir fuhren oft zusammen in den Urlaub.

Wir lachten über die gleichen Sachen, hatten viel gemeinsam und hatten beide das brennende Verlangen, Eltern zu werden. Sprüche wie “Wenn keiner von uns bis …. verheiratet ist…” oder “Ob wir wohl zusammen ein Kind aufziehen könnten?” durchzogen unsere Gespräche seit Jahren.

► Sobald wir anfingen, es ernsthaft zu besprechen, fiel es uns schwer, Gründe dagegen zu finden. Es fühlte sich einfach richtig an.

Mehr zum Thema: Imam: Ich bin sicher, Prophet Mohammed würde Schwule verheiraten

Als wir 2010 unseren Plan in die Tat umsetzen wollten, hatten es mediale Darstellungen von alternativen Elternansätzen und Familienmodellen schon weit gebracht.

Miranda und Carrie hatten ihre biologischen Uhren in “Sex and the City” besprochen, ihr “Angstalter” enthüllt und das Alter, in dem sie fürchteten, dass es zu spät für Kinder sei.

“Will & Grace” und “Modern Family” öffneten Türen, beleuchteten modernes schwules Leben und boten neue Definitionen von Familie an. Obwohl es noch keine schwuler-Vater-hetero-Mutter-Vorbilder gab, entstanden so viel mehr Möglichkeiten in Sachen Elternsein. Heidi und ich waren entschlossen, unsere eigene Version einer modernen Familie in die Tat umzusetzen.

David Arrick
David und Nate in New York City, Central Park, 2011.

Wir betraten Neuland

In diesem völligen Neuland ließen wir uns einzig von unserem Instinkt leiten, aber welche werdenden Eltern tun das in den meisten Hinsichten nicht?

Es gab bei Amazon noch keine Bücher mit Titeln wie “Schwuler Vater, Hetero Mutter” oder “Wenn dein schwuler bester Freund der Vater deiner Kinder wird” und es gab so viele Probleme – von rechtlich bis finanziell – die wir ausbügeln mussten.

►Aber für uns waren das nur Details.

Ich glaubte, dass wir als “Paar” stark benachteiligt waren. Ich erinnere mich daran, gedacht zu haben: “Sind Heidi und ich nicht in einer viel besseren Lage als Menschen, die ohne den Vorteil von zwanzig Jahren Freundschaft schwanger werden?”

Tief im Inneren wussten wir, dass wir das Richtige tun und in Gedanken waren wir schon Mami und Papi. Ohne Freunde und Familie in unseren Plan eingeweiht haben, versuchten wir also, ein Kind zu zeugen.

Wir machten das, was viele sich heimlich wünschen

Beim Gedanken an Sex mussten wir kichern. Deshalb entschieden wir uns für eine Befruchtung zuhause, ganz ohne medizinischen Eingriff.

Weil Heidi Krankenschwester ist, hatten wir den Vorteil ihres medizinischen Wissens und holten uns sterile Becher, Spritzen und andere Utensilien, die unsere Chancen auf eine Empfängnis erhöhen sollten.

Wir einigten uns darauf, zum Fortpflanzungsmediziner zu gehen um festzustellen, ob wir einzeln fähig wären, Kinder zu bekommen, wenn Heidi innerhalb von drei Monaten nicht schwanger würde.

Wenn meine Jungs der Grund waren, dass Heidi nicht schwanger werden kann, wäre ich enttäuscht gewesen, aber hätte mich freundlichst aus dem Prozess zurückgezogen und ihr auf ihrer Reise, ohne mich schwanger zu werden, das Beste gewünscht.

Mehr zum Thema: Zwei lesbische Frauen entscheiden sich für die Samenbank – als das Baby geboren wird, zeigen sie die Ärzte an

► Ich gab mein Bestes (im wahrsten Sinne der Wortes!) und wir versuchten bei jedem Eisprung von Heidi eine Befruchtung.

Wir gestalteten den Befruchtungsprozess so unbeschwert wie möglich. Während wir versuchten etwas zu tun, was im Erfolgsfall unsere Leben für immer ändern würde, lag eine gewisse Komik darin, dass wir es ganz allein taten.

Und da waren wir also und machten das wirklich, was sich so viele andere schwule Männer und ihre weiblichen Uni-Freundinnen versprochen hatten. Das Echo ihrer Worte “Wenn ich mit 40 nicht verheiratet bin….”, “Du bist mein schwuler bester Freund. Wir sollten ein Kind haben!” hallte in unseren Köpfen. 

In der Nacht der Empfängnis gab es keine schummrige Beleuchtung, keinen Chardonnay und keine romantische Musik. Stattdessen erzählten wir uns witzige Geschichten nachdem der Vorgang abgeschlossen war.

Heidi blieb im Bett liegen, die Hüften nach oben angewinkelt, um die Chance zu erhöhen, dass Sperma das Ei trifft, Led Zeppelin lief (Heidi singt in einer Led-Zeppelin-Coverband, immerhin), eine Wiederholung von “Seinfield” im Fernsehen und Kartons unseres Lieblingschinesen waren in Reichweite.

►Nach dem dritten Versuch wurde Heidi schwanger.  

Offensichtlich bedeuteten gedämpfte Garnelenklöße plus “Stairway to Heaven” und der Wahnsinn der “Seinfield”-Stars Erfolg. Zumindest für uns. 

David Arrick
David, Nate und Heidi auf den Bahamas 2015.

Ich wurde Vater

Während der gesamten Schwangerschaft blieb ich ehrfürchtig, weil die Sonogramme des Babys in Heidis Bauch von meinem Kind waren und ich bewunderte die Tatsache, dass die Heim-Befruchtung tatsächlich funktioniert hatte.

Wir machten aus, dass Heidi das Hauptsorgerecht unter der Woche bekommt. Ich hätte das Baby über das Wochenende bei mir. Wir würden die Kosten teilen und einen Familientag einrichten. Einen Tag der unserem Beisammensein gewidmet wäre und den wir jede Woche gemeinsam verbringen würden.

Im September 2010 wurde unser Sohn, Nathaniel Chase, geboren. Wir hatten keine einzige Geburtsvorbereitungsstunde besucht, weil er vor dem Kursbeginn zur Welt kam, aber Heidi war ein souveräner Champion, meisterlich im Einklang mit sich selbst und der natürlichen Aufgabe ihres Körpers.

Ich war unentwegt an ihrer Seite – feuerte sie an und hielt die Knie fest, wenn hilfreich, aber bewegte meinen Papi-Po auch schnell zur Seite, wenn mich die Schwester anschrie, das zu tun.

Nachdem Nate geboren war, hatten wir einen improvisierten “Kreislauf des Lebens”-Moment (Hinweis: “König der Löwen”), um ihn in der Welt willkommen zu heißen und bestellten dann chinesisches Essen ins Krankenhauszimmer.

Wir sind wie alle anderen Eltern

Was ich nach der Geburt unseres Sohnes verstanden habe ist, dass unsere Situation als Eltern ähnlicher der Situation von Menschen ist, die auf einem als traditionell gesehenem Weg schwanger geworden sind. Und nicht unterschiedlicher. 

Unsere Elterngeschichte zog etwas mediale Aufmerksamkeit auf sich und wir erschienen auf NBC, CNN und anderen Sendern mit der Absicht zu zeigen, dass wir eine alternative Familie sind, die stolz auf ihren Weg ist.

►Wir betrachteten (und betrachten uns immer noch) einfach nur als Mami und Papi – wir sind da, um unser Kind zu führen, zu erziehen, zu lieben und aufzuziehen, genau wie Millionen andere Eltern es jeden Tag tun.

Meine sexuelle Orientierung und Heidis Wahl, als Singlefrau Mutter zu werden sind überhaupt nicht relevant für unsere Erziehungsfähigkeiten. Selbst wenn unsere Identität uns dort hingebracht hat, wo wir heute sind, macht sie uns im Endeffekt nicht als Eltern aus. 

Männer erziehen auch und sind keine Babysitter

Erziehen ist als Schwuler interessant, gelinde gesagt. Zusätzlich zu den vielen typischen Sachen, die ein neuer Vater erfährt, finde ich mich in Situationen wieder, die andere Väter wohl nicht kennen.

2012 war ich in einem Starbucks, als sich eine Oma mit den besten Absichten näherte und fragte, was so viele andere mich in den letzten Jahre gefragt hatten, wenn sie mich allein mit Nate sahen: “Hat die Mami heute frei? Musst du babysitten?”

Blöderweise hatte sie sich den falschen Kerl und den falschen Tag für Nachforschungen ausgesucht und ich sagte ihr, was ich schon Dutzenden anderen sagen wollte, die mir ähnliche Fragen gestellt hatten. “Ich bin schwul”, sagte ich.  “Woher wollen sie wissen, dass der andere Elternteil eine Frau ist oder dass es überhaupt eine Mami gibt?” Die Frau wurde blasser als der Schaum auf ihrem Latte Macchiato.

Ich will es ihr nicht komplett ankreiden, einen Mann mit Baby durch eine eher traditionelle Brille zu sehen. Sie ist wohl ein Produkt ihrer älteren Generation, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keinen Zufriedenheitsschauer davon bekommen habe, so geantwortet zu haben, wie ich es tat.

Und um ehrlich zu sein, bin ich mit der Idee auch nicht einverstanden, dass, wenn ein Mann allein mit einem Baby ist, das automatisch heißt, dass er babysittet oder er die Mutter vorübergehend vertritt, wenn sie nicht da ist.

►Männer erziehen auch und sie sind keine Babysitter für ihre eigenen Kinder.

Meine Familie bedeutet mir alles

Ein anderes Mal schrieb ich mit einem schwulen Freund und er sagte mir, er sei auf dem Weg zu einem Dreier. “Schau, was du alles verpasst, wenn du Samstagabend mit deinem Kleinkind daheim bleibst!”, schrieb er. “Wirst du jemals wieder ausgehen können?” 

Ich habe mich auch vor der Geburt nicht für Dreier interessiert, aber darum geht’s auch nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, ihn davon zu überzeugen, dass ich glücklich bin oder dass ich Samstagabend nirgends lieber wäre als daheim und dem wichtigsten kleinen Jungen meiner Welt “Gute Nacht, lieber Mond” vorlese.

Mehr zum Thema: Die “Homo-Ehe” gefährdet das Kindeswohl. NICHT.

Meine Familie bedeutet mir alles und ich bin dankbar für das, was ich wegen der Menschen, die ich liebe, erfahren durfte. Ich bin besonders dankbar für Heidi und dafür, wie das gemeinsame Elternwerden unsere Beziehung von beste Freunde in etwas noch Reichhaltigeres und Tieferes verwandelt hat. Wie wir dadurch noch mehr Vertrauen und Respekt aufgebaut haben als wir davor voreinander hatten.

Wir arbeiten hart daran, Nate in unserem jeweiligen Zuhause zu disziplinieren, kommunizieren täglich und versuchen unser Bestes als vereinigte Front zu erziehen.

Nicht jeder unterstützt, was wir tun und wir mussten uns vielen Herausforderungen stellen (einschließlich einigen verabscheuungswürdigen frauenfeindlichen und homophoben Kommentaren), aber wir haben das bis zu einem gewissen Grad erwartet und wir haben gelernt, diesen hässlichen Lärm abzudrehen und uns auf das zu konzentrieren, was am wichtigsten ist:

Nate aufzuziehen und ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie eine liebevolle, moderne Familie aussieht.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der HuffPost USA und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.