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05/03/2018 22:16 CET | Aktualisiert 06/03/2018 10:49 CET

Bürogebäude als Bauernhöfe: Eine schwedische Firma will unsere Städte neu denken

Agritechture: Eine Kombination aus Landwirtschaft, Technologie und Architektur.

Hannibal Hanschke / Reuters
Eine sogenannte Indoor Farm in Berlin. 
  • Das schwedische Unternehmen Plantagon betreibt Indoor-Farming
  • Es will als erstes seiner Art dabei auch wirtschaftlich profitabel ist sein

Mitten in Stockholm, im Keller eines 27-stöckigen Hochhauses, hofft Owe Pettersson, dass er Samen für eine Revolution sät.

Pettersson ist Geschäftsführer von Plantagon, einem Urban-Farming-Unternehmen, das im März seine erste Farm eröffnen wird.

“Es wird einer der modernsten städtischen Lebensmittelbetriebe auf der Welt”, sagt Pettersson. 

► Indoor-Farming boomt. Die Unternehmen auf der ganzen Welt haben dabei unterschiedliche Ziele. Nahrungsmittel in Kellern ohne Sonnenlicht wachsen lassen, Menschen, die in Wüstenregionen leben, mit ausreichend Essen versorgen oder die negativen Auswirkungen von Monokulturen auf die Umwelt umkehren.

Landwirtschaft, Technologie und Architektur

“Die Natur repariert sich selbst, wenn wir ihr eine Chance geben – und Indoor-Farming gibt ihr diese Chance”, sagt Dickson Despommier, Befürworter der Bewegung und Autor des Buches “The Vertical Farm”.

Auch Plantagons Ziele spiegeln diesen aufkeimenden Optimismus wider. Geschäftsführer Pettersson nennt seinen Ansatz “Agritechture”: Eine Kombination aus Landwirtschaft, Technologie und Architektur.

So will er die Art und Weise, wie wir leben und essen, revolutionieren. Und vor allem effizienter sein, als alle Urban-Farming-Unternehmen, die es bislang gibt.

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Statt in Erde, will Plantagon hochwertige Lebensmittel – vor allem Salate und Kräuter – in einer bimsartigen Substanz anbauen. Die Wassermenge wird präzise abgemessen. Auch aus der Luft wird Wasser gesammelt und zum Bewässern wiederverwertet – so soll kein Tropfen verschwendet werden.

Um in der konventionellen Landwirtschaft ein Kilogramm Lebensmittel zu produzieren werden zwischen 130 Liter (für Salat) und 3400 Liter (für Reis) Wasser zur Bewässerung benötigt.

Plantagon hingegen will für ein Kilogramm Getreide lediglich einen Liter Wasser verwenden.

Künstliches Licht für die Pflanzen – und zum Heizen

Indoor-Farming nutzt landwirtschaftliche Technologien wie Hydroponik (Pflanzen, die ohne Erde wachsen) und Aeroponik (Pflanzen werden ständig mit Wasser und Nährstoffen benetzt), um im Inneren eines Gebäudes Pflanzen anzubauen.

Auch Energie ist ein wichtiger Faktor von Urban Farming. Statt mit Sonnenlicht wachsen die Pflanzen in künstlichem Licht. Die Weiterentwicklung von LED-Lichtern hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass der Energieverbrauch enorm gesunken ist.

Dennoch: Pflanzen nutzen nur ein Prozent des künstlich erzeugten Lichts für ihr Wachstum. Eine kolossale Energieverschwendung. Die meiste verschwindet als Wärme.

Plantagon hingegen will rund 70 Prozent dieser Abwärme in seiner 6500 Quadratmeter großen Kellerfarm einfangen und damit das Bürogebäude über der Farm heizen.

► Auch der von den Pflanzen produzierte Sauerstoff wird über die Klimaanlage direkt an die Büroangestellten transportiert.

“Das ist die Grundidee, mit der wir das Interesse von großen Unternehmen auf uns ziehen wollen, damit sie uns ihre Keller oder andere Flächen vermieten”, sagt Pettersson.

Keine Miete – dafür gibt es Frischluft für die Büros

Indoor-Urban-Farms gibt es immer mehr. Aber wirklich in großem Umfang erschwingliche Nahrungsmittel produzieren, die wirtschaftlich rentabel sind, schaffen die meisten nicht.

Diesen Trend will Plantagon umkehren und profitabel werden. “Die meisten Indoor-Farming-Projekte tendieren dazu, sich nur auf Technologie und das Pflanzenwachstum zu konzentrieren. Sie müssen auch ein Geschäftsmodell finden, das funktioniert”, sagt Pettersson.

Er will das mit Plantagon gefunden haben. Neben der Wassereinsparung hat die Firma den Deal ausgehandelt, in ihren Gebäuden keine Miete zu zahlen – im Austausch gibt es Frischluft und Heizung für die Vermieter kostenlos.

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Zudem will Plantagon einen Teil der Lebensmittel direkt im Foyer des Stockholmer Bürogebäudes verkaufen und einige Produkte an einen lokalen Supermarkt sowie an Restaurants in der Gegend verkaufen. Das spart Transportkosten und soll verschwenderische Verpackungen überflüssig machen.

In den kommenden drei Jahren plant Plantagon den Bau von neun weiteren Farmen in Stockholm. Zehn Prozent des Gewinns investiert Plantagon in Unternehmen, die sich mit innovativen Ideen sozialen Herausforderungen annehmen.

Dennoch: Auch Petersson ist klar, dass Urban Farming nicht den Welthunger beenden wird. Landwirtschaft in Städten kann konventionelle Landwirtschaft nicht ersetzen. Aber sie wird eine wichtige sekundäre, zusätzliche Nahrungsquelle sein.

Der Text ist zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost erschienen und wurde von Uschi Jonas übersetzt und angepasst.