ELTERN
07/09/2018 16:36 CEST | Aktualisiert 07/09/2018 16:52 CEST

Schwanger und übergewichtig: Warum viele Ärzte fettleibigen Müttern nicht gerecht werden

Viele Ärzte schauen auf dickere Frauen herab.

SABELLA CARAPELLA/HUFFPOST
Nicht nur in der Schwangerschaft werden dicke Menschen diskriminiert.
  • Übergewichtige Frauen müssen häufig mit Vorurteilen und Anfeindungen während der Schwangerschaft kämpfen.
  • Forscher mahnen deshalb, dass es eine verbesserte, ganzheitliche Versorgung für werdende Mütter mit Übergewicht geben sollte.

Hilary ist 23 Jahre alt und frisch verheiratet gewesen, als ihr Arzt der jungen Frau bestätigte, dass sie mit ihrem ersten Kind schwanger war.

Doch nach der frohen Botschaft bekam sie gleich darauf schlechte Nachrichten: Der Arzt sagte ihr, dass das Gewicht ein Problem werden würde. Sie wog knappe 96 Kilo bei einer Größe von gut eineinhalb Metern.

Sie war noch keine sechs Wochen schwanger, als ihr Arzt begann, mit ihr über die Entbindung zu sprechen. Er erklärte ihr, dass sie “zu fettleibig” sei, um ihr Kind vaginal auf die Welt zu bringen – sie würde einen Kaiserschnitt brauchen.

Er ging nicht weiter auf das Thema ein und Hilary war so überrumpelt, dass sie keine weiteren Fragen stellte. “Ich war sprachlos”, sagt sie der HuffPost.

Zu viele Risiken bei Übergewicht

Zu hören, dass ihr Gewicht jetzt schon sie und ihr Baby einschränkt, ließ Hilary “beängstigt und beschämt” zurück, erinnert sich die junge Frau, die ihren Nachnamen zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht veröffentlichen möchte. Als sie zurück zu ihrem Auto kehrte, weinte sie.

Frauen mit einem überdurchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) hören oft, dass sie höchstwahrscheinlich einen Kaiserschnitt brauchen. Und das sei nur ein Risiko, mit dem sie rechnen müssten. Sie werden vor Schwangerschaftstoxikosen, Schwangerschaftsdiabetes und “gefährlichen Blutgerinnungen” gewarnt.

Einigen Frauen wird sogar gesagt, dass ihre Vagina “zu fett” sei, um ein Kind zu gebären.

Die Realität sieht anders aus

Doch tatsächlich hat die große Mehrheit der übergewichtigen und fettleibigen Frauen eine ganz normale Schwangerschaft. Medizinische Fachkräfte sind jedoch nicht immun gegen die gesellschaftliche Neigung, dicke Menschen respektlos zu behandeln.

Die Botschaft, die viele übergewichtige Frauen in Arztpraxen vermittelt bekommen, ist, dass sie mit ihren schlechten Entscheidungen sich selbst und ihr ungeborenes Baby in Gefahr gebracht hätten.

Eine Schwangerschaft bringt einige Risiken mit sich und das Gewicht einer werdenden Mutter ist einer der vielen Faktoren, die beachtet werden müssen.

Eine groß angelegte Studie der University of Oxford aus dem Jahr 2013 ergab, dass Frauen, die übergewichtig, fettleibig oder adipös (also einen BMI über 40 haben) sind, sechs bis zwölf Prozent eher Komplikationen bei der Geburt erfahren können, als Frauen mit einem durchschnittlichen Gewicht.

Etwa 25,6 Prozent der schwangeren Frauen in Amerika werden zu Beginn ihrer Schwangerschaft als übergewichtig bezeichnet und 24,8 Prozent als fettleibig.

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Die Statistiken wirken erschreckend

Mart Turrentine, Vorsitzender des Gremiums, das die Richtlinien für die gynäkologisch-geburtshelferische Fachgesellschaft “American College of Obstetricians and Gynecologists” angefertigt hat, merkt an: “Statistiken ohne Kontext können Patientinnen unnötig verschrecken.”

Wie zum Beispiel das Risiko einer Totgeburt. Für Frauen mit einem BMI in einem “normalen” Bereich ist das Risiko etwa eins zu 1000.

Für Frauen, die als übergewichtig oder fettleibig eingestuft werden – also einen BMI über 25 haben – ist das Risiko doppelt so hoch: Es sind etwa sieben von 1000 Geburten.

Ähnlich ist das auch bei einer etwas häufigeren Komplikation, der Schwangerschaftsdiabetes: Normalgewichtige Frauen sind zu zwei bis fünf Prozent betroffen. Das Risiko verdoppelt oder verdreifacht sich bei fettleibigen oder “stark adipösen” Frauen sogar auf zehn bis 15 Prozent.

Die Risiken sind dennoch klein

Das ist erheblich, doch die Schwangerschaftsexpertin und Fett-Aktivistin Jen McLellan weist darauf hin, dass fettleibige Frauen immer noch “die Chance haben, zu 85 bis 90 Prozent keine Schwangerschaftsdiabetes zu bekommen.”

“Einige dieser Risiken sind immer noch in einem niedrigen prozentualen Bereich – obwohl sie im Vergleich zu Frauen mit Normalgewicht erhöht sind”, sagt Turrentine. “Wir behaupten nicht, dass es keine hohe Komplikationsrate ist.”

Trotzdem lassen sich viele Arztpraxen bei der Behandlung von übergewichtigen Schwangeren von dieser extremen Auslegung der Statistik beeinflussen. Davon und von ihren tiefsitzenden und manchmal auch unbewussten Vorurteilen gegen Dicke.

Doch nicht nur in der Schwangerschaft werden dicke Menschen diskriminiert. Studie um Studie zeigt, dass sie in Arztpraxen generell schlechter behandelt werden, als Menschen mit Normalgewicht.

Und diese Diskriminierung kann direkt zu den vielen Krankheiten beitragen, die mit Übergewicht zusammenhängen – wie Herzkrankheiten oder Schlaganfälle, auch psychische Krankheiten, wie Depressionen und Angststörungen.

“Es bringt ein Schamgefühl mit sich, als dicker Mensch in eine Arztpraxis zu gehen”, sagt Hilary. “Du weißt, dass es egal ist, was in deinem Körper vor sich geht. Das Erste, was angesprochen wird, ist dein Gewicht. Du gehst sofort in eine Schutzhaltung.”

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Die Schwestern machten sich über Hilary lustig

Viele Ärzte schauen auf dickere Frauen herab. Die Autoren einer australischen Studie fanden heraus, dass Geburtshelfer glauben, dass übergewichtige und fettleibige Frauen unfähiger sind, ihr Leben zu organisieren als Normalgewichtige.

Während ihrer ersten Schwangerschaft musste Hilary Anfeindungen von ihrem Arzt aushalten und Schwestern zuhören, die sich über ihr Gewicht lustig machten.

Patienten zu erniedrigen und bloßzustellen, führt nicht zu besseren medizinischen Ergebnissen. Aber wie zahlreiche Forschung zeigt, führt es dazu, dass die Patienten sich verschließen und Ärzte meiden.

Außerdem bringt es Menschen dazu, das Stigma gegen dicke Menschen zu verinnerlichen – egal, ob das Gewicht der tatsächliche Auslöser für ihre gesundheitlichen Probleme ist.

Hilary gab sich selbst die Schuld

Als Hilary einige Wochen schwanger war, fing Hilary an leicht zu bluten – etwa 20 Prozent der schwangeren Frauen haben das Problem in ihrem ersten Trimester.

Sie ging zu ihrem Arzt, um herauszufinden, was der Auslöser für die Schmierblutung sein könnte.

Dieser verordnete ihr Bettruhe für die restlichen sieben Monate bis zum Geburtstermin. Sie unterläge einem “hohen Risiko” aufgrund ihres Gewichts, erklärte er.

“Mir wurde nie gesagt, dass Schmierblutungen während der Schwangerschaft sehr normal sein können, besonders zu Beginn”, sagt Hilary. “Durch unser vorheriges Gespräch über mein Übergewicht und dem Kaiserschnitt, dachte ich während meiner Bettruhe nur: ‘Das passiert alles, weil ich fett bin’”.

Haufenweise schlechte Ratschläge

Schwangere Frauen mit anderen Risikofaktoren – wie zum Beispiel Diabetes in der Familie, hoher Blutdruck oder Schwangerschaft über 35 – scheinen nicht beschimpft oder abgewiesen zu werden, wie dicke Frauen.

Die Menschen neigen dazu, zu denken, dass Übergewicht komplett kontrollierbar ist – im Gegensatz zu anderen Faktoren. Obwohl es üblicherweise meist gar nicht so ist.

Aber natürlich stehen Ärzte in der Verantwortung, ihre Patienten über alle möglichen Risiken aufzuklären. Aber wenn sie einer übergewichtigen Frau gegenüber sitzen, geben Ärzte meist schlechte medizinische Ratschläge, empfehlen diverse Eingriffe, übergehen medizinische Standards und machen somit Behandlungsfehler.

So können mögliche Komplikationen oder wie man diese vermeiden könnte sowie Behandlungen nicht besprochen werden.

Viele Frauen machten die gleichen Erfahrungen

Pam Vireday, Schwangerschaftsexpertin und Co-Autorin von “Our Bodies, Ourselves” schreibt:

“Einige übergewichtige Frauen berichten, dass sie nicht nur wegen der erhöhten Risiken für Komplikationen getadelt werden, sondern dass ihnen gesagt wird, dass sie auf jeden Fall Komplikationen erfahren werden.”

“Einigen wird gesagt, dass sie einfach gleich zu Beginn der Schwangerschaft einen Termin für einen Kaiserschnitt ausmachen sollten. Einigen korpulenten Frauen wurde gesagt, dass sie sterben würden, wenn sie schwanger werden, dass sie Selbstmord begehen würden und dass ihr Baby fünf Prozent Überlebenschancen hätte. Oder, dass ihr Baby deformiert auf die Welt kommen würde, dass sie lieber gleich abtreiben sollten, weil das Kind sowieso nicht überleben würde oder dass sie sicherheitshalber eine Beerdigung arrangieren sollten, bevor sie den Kaiserschnitt machen.”

McLellan, die eine Facebook-Seite über Plus-Size-Schwangerschaften führt, erzählt, dass Frauen in ihrer Gruppe ähnliche Dinge berichten. Ihnen wurde gesagt, dass sie lieber eine Abtreibung vornehmen sollten, abnehmen und dann wieder versuchen sollten, Schwanger zu werden.

Dicke Frauen werden manchmal sogar ermutigt, abzunehmen, während sie schwanger sind. Sich gesund zu ernähren ist ein guter Rat für alle schwangeren Frauen.

Aber der Versuch, Gewicht zu verlieren, ist laut Nee Shah, Assistenzprofessor für Geburtshilfe und Gynäkologie und Reproduktionsbiologie an der Harvard Medical School, sehr gefährlich. Die Kalorien so zu Reduzieren, um abzunehmen, setze den Körper in den “Hungersnot-Modus”, erklärt er. Und das sei schlecht für das Baby und die Mutter.

“Du solltest niemals einer schwangeren Frau empfehlen, abzunehmen. Niemals”, sagt Shah.

In den meisten Fälle hätten übergewichtige Frauen eine gesunde Schwangerschaft, bestätigt er. Was sie brauchen sei Ermutigung und keine erschreckenden Behandlungspläne oder beängstigende Ratschläge.

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“Was wir machen müssen ist, herauszufinden, wie wir ein System schaffen können, in dem Frauen nicht nur Sicherheit garantiert wird sondern auch Unterstützung und Ermutigung”, sagt Shah. “Wenn du in die Wehen kommst und du denkst, du schaffst es nicht, mindert es den Erfolg.”

“Als ob man einen Marathon laufen würde”, beschreibt er die Schwangerschaft und Geburt. “Du brauchst Unterstützung und Training und musst an dich selbst glauben. Und das solltest du alles bekommen, ungeachtet deines BMI’s.”

“Trotz dieser Horrorgeschichten ist es möglich, dass übergewichtige Frauen eine schöne Geburtserfahrung haben können”, sagt McLellan. “Sie müssen sich nur etwas mehr Zeit nehmen, um einen Arzt zu finden, der ‘Größen-Freundlich’ ist.”

Sogar während der Geburt wurde Hilary ausgelacht

Hilary brachte ihr erstes Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Und sogar währenddessen machte sich der Anästhesist darüber lustig, wie viele Menschen es wohl brauchen würde, um sie vom Tisch zu heben.

Doch für ihre nächsten zwei Kinder fand Hillary Gesundheitsdienstleister, die sie besser unterstützen: “Mein dritter Arzt war der beste”, erzählt sie. “Er ging sicher, dass wir viel lachten und Glückseligkeit im Raum ist.”

Er versicherte ihr über die ganze Schwangerschaft hinweg, dass sie und ihr Baby gesund und normal sind.

“Es war einfach eine ganz andere Erfahrung und ich fühlte mich danach wirklich geheilt.”

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der indischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(nc)