POLITIK
18/02/2018 18:12 CET | Aktualisiert 18/02/2018 18:44 CET

6 Beispiele zeigen, dass die Schulpolitik bereits in den Toiletten scheitert

Die akuten Probleme an deutschen Schulen sind oft nicht im Klassen-, sondern im Waschraum.

m-1975 via Getty Images
  • Mit 11 Milliarden Euro will die GroKo Schulen modernisieren
  • Das ist viel zu wenig, warnen Experten – denn es fehlt schon am Nötigsten, wie diese 6 Beispiele zeigen

Es klingt nach einem gigantischen Geldtopf für Deutschlands Unis und Schulen.

11 Milliarden Euro will eine neue GroKo den Bundesländern zu Verfügung stellen, um ihre Bildungsstätten zu modernisieren. 

Die haben es dringend nötig: Deutschlands Schulen haben den Ruf, im “Kreidezeitalter” steckengeblieben zu sein. 

Schnelles Internet, digitale Unterrichtstafeln und -materialen – so ist der Plan.

Doch dieser Plan könnte an der Realität scheitern. Denn Bildungsstätten fehlt es schon an dem Nötigsten.

Was nützen Breitbandausbau und Powerpoint, wenn die Schultoiletten verstopft sind und es durch Turnhallendächer reinregnet?”, kommentierte kürzlich der “Deutschlandfunk”.

Besonders dramatisch ist die Lage auf den Klos. 

Zwei Milliarden Euro für neue Toiletten in NRW

Das zeigt etwa ein Projekt in Nordrhein-Westfalen, das “Gute Schule 2020” heißt, aber spöttisch “Gute Toilette 2020” genannt wird.

Zwei Milliarden Euro wurden so für die Schulen im Land bereitgestellt. Doch die bauten damit nicht ihre Klassen aus, sondern sanierten ihre Toiletten.

Einige Beispiele:

► Die Stadt Neuss hat im vergangenen Jahr allein 2,1 Millionen Euro in die Sanierung von Toiletten gesteckt.

► 1,8 Millionen Euro stammen aus dem Programm “Gute Schule 2020”.

► Die Stadt Essen wird 6,5 Millionen Euro für Sanierung oder Neubau von Schultoiletten einsetzen.

► Bonn und Herne werden jeweils 750.000 Euro die Schultoiletten-Sanierung stecken.

 Auch Mönchengladbach wird 500.00 Euro nutzen, um die Toiletten wieder begehbar zu machen.

Das klingt nach viel Geld - ist es aber nicht. Viele Schulen in NRW bräuchten einen Millionenbetrag, um sich vollständig zu sanieren.

Das zumindest errechnete das Portal “Einstürzende Schulbauten”. Bei 6000 Schulen im Land, viele davon extrem sanierungsbedürftig, reiche das Geld lange nicht.

Doch nicht nur in NRW sind die Toiletten ein Problem.

► In Berlin werden jährlich 12 Millionen Euro nur für Schultoilettensanierungen bereitgestellt.

► Auch in Thüringen werden dieses Jahr wieder 7,5 Millionen Euro extra dafür eingesetzt.

► Hamburg hat 2017 Jahr 2,1 Millionen Euro zusätzlich nur für Schultoiletten ausgegeben, die durch Vandalismus zerstört wurden.

Und trotzdem reicht es nicht. Die Folgen für die Schulen sind enorm.

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Manche Schulen geben an, dass sie Probleme haben, Personal einzustellen, weil die Toiletten stinken.

Schüler aus Laupheim in Baden-Württemberg berichten davon, dass sie am Morgen und in der Schule nichts trinken, um erst daheim wieder auf die Toilette zu müssen.

Wer noch immer denkt, dass an deutschen Schulen das fehlende W-Lan zu den größten Problemen gehört, der sollte die Notlagen der folgenden Schulen kennen.

1. Lehrer, die den Kindern beibringen, höher zu Pinkeln

Die Grundschule Burgdorf an der Hannoverschen Neustadt und die Gudrun-Pausewang-Grundschule in der Südstadt haben mit einem beißenden Geruchsproblem zu kämpfen: Uringestank aus den Jungs-Klos.

Der Ursprung der Plage klingt schon wie ein schlechter Witz, die Lösung ist definitiv einer.

Ein grundlegendes Problem ist, dass in den Waschräumen Fliesen verlegt sind. Pinkelt einer der Schüler etwas daneben, setzt sich der Urin in den Fugen fest und beginnt zu stinken. Eine richtige Reinigung der Fugen ist nur schwer möglich.

Würde nur ab und an mal etwas daneben gehen, wäre die Lage wohl nicht so schlimm. Doch beide Grundschulen waren früher mal Hauptschulen. Und die Urinale sind für weit größere Schüler gedacht.

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Wie die Schulleiterinnen der Grundschulen in der “Hannoverschen Allgemeinen” erzählen, soll es viele Schüler geben, die selbst auf Zehenspitzen die Urinale nicht träfen.

Das Resultat: Urinlachen auf dem Boden.

Die Folgen sind nicht nur stinkende Toiletten – der Schule fällt es deswegen sogar schwer, neue Lehrer zu finden.

Der Gestank sei so beißend, dass Bewerber sofort absagen würden, wenn sie bei einem Rundgang des Schulgebäudes auf den Geruch der Toiletten träfen, sagt die Schulleiterin der Gudrun-Pausewang-Grundschule Dorit Steenken in der “HAZ”.

Überraschend ist, was die vom zuständigen Bürgermeister Alfred Baxmann befragten Bauchfachleute zu der Situation der Schultoiletten in der Region sagen.

Die Lage sei nämlich eher eine “pädagogische Herausforderung“, daher wurden Toiletten noch nicht saniert.

Ein interessanter Ansatz.

Die Lehrer sollen ihren Schülern also beibringen, höher zu pinkeln. Als hätten die nichts Besseres zu tun.

2. Das “Jahr der Toiletten”

Schaut man in den chinesischen Tierkreiskalender, befinden wir uns aktuell im Jahr des Hundes. Schaut man hingegen in die Frankfurter Schulen, sind wir im “Jahr der Toiletten”.

Eltern und Schüler in Frankfurt haben keine Lust mehr auf verdreckte Klos. In einer Online-Petition setzen sie sich für bessere Toiletten ein.

Sie wollen mehr, saubere, behindertengerechte Klos und die Sicherheit, dass die Anlagen regelmäßig überprüft und gegebenenfalls saniert werden.

Um die Petition bekannter zu machen und den Druck auf die Verantwortlichen des Bauamts zu erhöhen, soll es das ganze Jahr Aktionen geben. So haben die Eltern und Schüler nun auch das Jahr 2018 zum “Jahr der Toiletten” erklärt.

Und die Stadt reagiert schon. Michael Simon, Leiter des neuen Amtes für Bau und Immobilien, das auch für die Schultoiletten zuständig ist, weiß, dass schnelles Handeln erforderlich ist.

“Vielleicht kann man eine Task-Force gründen oder auch eine Hauruck-Aktion zur Sanierung der Toiletten ist denkbar”, sagt er gegenüber dem Medium “hr-iNFO”.

Fast möchte man lachen. Wenn im “Jahr der Toiletten”, die “Klo-Task-Force” gegründet und mit einer “Hau-Ruck-auf-dem-Abort-Aktion” loslegt, klingt das wie ein Actionfilm für Menschen mit besonderen Interessen.

Doch die Situation ist ernst und statt eines Action-Films handelt es sich wahrscheinlich eher um eine Tragödie.

3. Die WC-Touristen

Die Toiletten in der Friedrich-Adler-Realschule in Laupheim müssen in einem katastrophalen Zustand sein. Der Vorsitzender des Gesamtelternbeirats, Jörg Nowak, sagte gegenüber der Zeitung “Schwäbische”, seit zehn Jahren würde dafür gekämpft, dass die Anlage saniert werden würde.

Die Schülersprecherinnen Johanna Dwornik und Lena Kühner berichten gegenüber der Zeitung, dass die meisten Schüler die Toiletten so ekelig finden, dass sie diese komplett meiden.

Stattdessen gäbe es einen regelrechten WC-Tourismus in einem nahegelegenen Neubau.

Wer darauf keine Lust habe, der trinke eben den halben Tag nichts, um durchhalten zu können und daheim die Toilette aufzusuchen.

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Selbst ganz Mutige, denen der Ekel der Toiletten nichts ausmache, müssen sich im Einhalten üben. Denn der Altbau der Schule hat einfach viel zu wenig Toiletten. So soll es gerade mal zehn Mädchen-Toiletten geben, für 430 Schülerinnen.

Um die Situation zu ändern, wurden Unterschriften gesammelt und dem Bürgermeister übergeben. Daher bleibt zu hoffen, dass bald an der Schule die Toiletten saniert und ausgebaut werden.

Oder, dass ein findiger Geschäftsmann professionelle Toiletten-Reisen anbietet. Es bleibt spannend. 

dpa

 4. Hausaufgabenfrei für gute Toilettenbenutzung

Damit die Schüler die Toiletten möglichst sauber hinterlassen, hatte die Pestalozzi-Grundschule in Neuss schon vor Jahren eine besondere Idee. Die Schule hat verbindliche Benimmregeln für die Schultoiletten aufgestellt und diese von den Schülern unterschreiben lassen.

Die Lehrer überprüfen in der Pausenaufsicht gezielt öfter die Toiletten und, ob alle Schüler sich dort gut verhalten. Wenn ein Schüler während des Unterrichts aufs Örtchen muss, muss er sich in eine Liste eintragen. So kann nachgehalten werden, wer Schuld hat, wenn es auf der Toilette mal nicht nach Vorschrift zuging.

Das klingt wie ein Toiletten-Polizeistaat, aber die Schüler erhalten auch eine Belohnung. Nach 20 Unterrichtstagen ohne Auffälligkeiten fallen am darauffolgenden Freitag die Hausaufgaben aus.

5. Ein spezieller Toiletten-Unterricht

Gründe für den unappetitlichen Zustand in den Schulen gibt es viele: Zu wenig Reinigungskräfte, schlechte Bauplanung, veraltete Gebäude. Aber immer häufiger liegt es auch daran, dass die Schüler offenbar gar nicht wissen, wie sie eine Toilette richtig benutzen.

In einigen Schulen in Nordrhein-Westfalen gibt es deswegen jetzt Tests und Arbeitsblätter, um den Kindern beizubringen, wie man richtig auf die Toilette geht. Das berichtet der “Kölner Stadt-Anzeiger”. Jede Stadt geht dabei anders vor.

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In Köln müssen die Kinder bei einem Test zehn Bilder in richtiger Reihenfolge ordnen. Wann öffnet man die Toilette, wann setzt man sich darauf, wann wischt man ab. Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind.

Doch das sind sie offenbar nicht.

“Die Hälfte der Klasse macht mehr als zwei Fehler“, sagt Angela Kool gegenüber dem “Kölner Stadt-Anzeiger”. Sie ist die offizielle Reinigungsberaterin der Stadt Köln für Schulklos.

Früher beriet Kool vor allem Schulleitungen darin, wie man den verdreckten Toiletten Herr werden kann. Mittlerweile ist sie auch als “Nothelferin” in den Schulklassen unterwegs und bringt den Kindern den “richtigen” Umgang mit dem Klo bei. 

6. Der Schock von Oberdollendorf

Der Zustand der Schultoiletten im Bezirk Königswinter ist genauso schlimm wie überall sonst auch.

In der Gemeinschaftsgrundschule in Oberdollendorf waren die Toiletten in einem so ekelhaften Zustand, dass Eltern selbst begannen, die Toiletten zu sanieren.

82.200 Euro kostete das Projekt. Als die Lokalpolitik darauf aufmerksam wurde, ersetzte die Stadt die Kosten.

Michael Ridder, Mitglied der Königswinter Wählerinitiative, nannte die Situation an der Schule gegenüber dem Bonner Gerneral-Anzeiger “den Schock von Oberdollendorf”.

Jetzt sollen Eltern als Sanitär-Aufsicht eingesetzt werden. Denn, wie der technische Dezernent der Stadt, Theo Krämer, gegenüber der Zeitung sagte: “Wir haben aber auch kein Reinigungsproblem, sondern ein Nutzerproblem.”

Also überwachen jetzt Eltern das Toiletten-Verhalten der Schüler und übernehmen gegebenenfalls Reinigungsaufgaben. Was nach einer Lösung klingt, die weder für die Schüler, noch für die Eltern angenehm sein kann.

Aber vielleicht ist es das wert, damit sich “Der Schock von Oberollendorf” nicht wiederholt.

(jg/jkl)