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27/02/2018 13:07 CET | Aktualisiert 08/03/2018 10:14 CET

Lehrer: Schulnoten machen unsere Kinder krank

Oft beginnt es schon in der Grundschule.

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Bei vielen Schülern dreht sich alles nur um Noten. 

Ich kann die Frage einfach nicht mehr hören: „Herr Ulbricht, welche Note bekomme ich dafür?“ Bei den Schülern dreht sich alles nur um eins: Noten. Das nervt.

Auch im Jahr 2018 stellen mir Schüler nach fast jeder Gruppenarbeit diese Frage. Manchmal glaube ich, dass sie in meinem Französischunterricht das Rückwärtszählen auf Chinesisch über Nacht lernen würden, würde ich ihnen versprechen, dass sie dafür ihre Französischnote verbessern. Grässlich.

Denn was möchte ich in meinem Französischunterricht eigentlich erreichen? Ich möchte, dass die Schüler Freude an der Sprache haben.

Dass sie merken, dass es etwas Wunderbares ist, wenn man sich auf Französisch unterhalten kann. Dass sie irgendwann beginnen, sich für Frankreich und die französische Kultur zu interessieren.

► Ja, ein paar Schüler motiviert man mit Noten.

In der Regel diejenigen, die sehr gut sind. Die bekommen nämlich die Botschaft von mir: Note eins, so eine Art Goldmedaille, toll, weiter so!

Und was bedeutet das im Umkehrschluss? Ganz einfach!

An deutschen Schulen passiert etwas Fatales

Diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer keine Glanzleistungen vollbringen, bekommen eine andere Botschaft: Note Sechs, letzter Platz, grottenschlecht, na dann streng dich mal an, du Loser.

Ich selbst denke so nicht. Wirklich nicht! Aber viele Schüler fühlen so. Und dann passiert in meinen Augen etwas Fatales:

1. Die Schüler beginnen in dem Lehrer, der ihnen Ohrfeigen in Notenform verpasst, einen Feind zu sehen, und das zerstört auf Dauer das Lernklima.

2. Sie verlieren die Lust an Französisch und werden in Zukunft nichts anderes mehr schreiben als Fünfen und Sechsen.

3. Das führt zu einer Verschärfung des unter 1. genannten Aspekts: Der Lehrer ist derFeind, der Macht hat und Druck ausübt. Und an einen Ort, wo solche Typen oder gar Tyrannen auf mich warten, gehe ich nicht mehr gern hin. Nicht nur das Lernklima ist zerstört, auch das Kind wird so zerstört.

► Noten sind ein Alptraum.

Ich habe mich mit Schülern glänzend verstanden und dann kam es zu entsetzlichen Gesprächen über eine Note.

 „Herr Ulbricht, wenn Sie mir nicht drei Punkte mehr geben, dann schaffe ich den NC nicht, um Psychologie zu studieren.“

Manchmal haben die Schülerinnen – es waren immer Mädchen – dabei geweint. Je häufiger ich diesen Satz gehört habe, desto mehr habe ich in diesem Notenvergabeirrsinn ein gesellschaftliches Problem gesehen.

Am Ende entscheiden die Noten

Denn in der Tat spielt die Abiturnote bei der Vergabe von Studienplätzen eine überragende Rolle. Nun soll in Zukunft bei der Auswahl, wie neulich das Bundesverfassungsgericht gefordert hat, Wert auf andere Kriterien gelegt werden.

► Aber am Ende wird gewiss noch immer die Note entscheiden. Vor allem darüber, wie schnell man einen Studienplatz bekommt.

Ein weiteres Problem ergibt sich durch die Stigmatisierung vieler Schüler. („Weißt du schon… Tobias hat die Sechs in Mathe!!!“) Und das fängt bereits in der Grundschule an.

Viertklässler – das sind übrigens zehnjährige Menschen, verdammt noch mal – können zu „Kindern ohne Gymnasialempfehlung“ werden. Viele Eltern würden inzwischen wahrscheinlich nicht davor zurückschrecken, die Noten für Geld zu ersteigern, damit ihr Kind am Ende genügend Zweien auf dem Zeugnis hat.

Das würden sie ganz bestimmt: Sie geben dem Kind ja auch Geld für gute Noten. Dabei hat es doch vielleicht Tausend andere Fähigkeiten, die es vielfältig an einer weiterführenden Schule seiner Wahl einbringen könnte.

► Aber nein: Welche Noten auf dem Zeugnis stehen, darauf kommt es an.

Aber was kann man tun, um diesem Teufelskreislauf – Schüler wollen für alles benotet werden und Lehrer benoten alles – zu entrinnen? Das ist nicht einfach. Ich selbst folge zwei Maximen:

Ich wehre mich massiv gegen Lehrertools

1. Ich gebe nur Noten, wenn ich etwas benoten muss. Also für Tests und Klausuren. Was am Ende dann für eine Note auf dem Zeugnis steht, ist mein Gesamteindruck, zu dem vor allem auch die Bereitschaft gehört, sich für Themen zu interessieren und in sie einzutauchen. Das bereitet mir übrigens oft Kopfzerbrechen.

2. Ich wehre mich massiv gegen so genannte Lehrertools, mit denen man sich die Endnote ausrechnen lässt. Denn die technischen Innovationen haben die Notenvergabe keineswegs gerechter, geschweige denn besser gemacht.

Das Gegenteil ist der Fall. Sie haben ihren Beitrag geleistet, den Notenvergabewahnsinn ins Groteske zu treiben.

Momentan wehre ich mich noch. Ich gehöre also noch nicht zu den Lehrern, die in ihr Handy oder Tablet nach dem Unterricht für jeden Schüler eine Note eintragen, aus denen automatisch eine Gesamtnote errechnet wird. (Und eine 2,53 wird dann automatisch abgerundet.)

Denn problematisch ist und bleibt, dass Noten oft nicht gerecht sein können. Kann jemand wirklich beurteilen, dass eine mündliche Leistung mit einer Drei minus zu bewerten ist?

Kann man ausschließen, dass Johannes, der sich nur ein einziges Mal gemeldet und den man nicht drangenommen hat, nicht etwas Geniales hatte sagen wollen? Und dann bekommt er am Ende der Stunde eine Fünf, weil er sich nur ein einziges Mal gemeldet hat?

Unterrichtet testweise zwei Wochen ganz ohne Notenvergabe 

Und Paul, der nach dem Unterricht aus dem Stegreif ein Protokoll schreiben könnte, der aber einfach still ist, bekommt für seine aktive Nichtbeteiligung eine Sechs, obwohl seine passive Beteiligung konzentrierter war als die Leistung der hyperaktiven Vielmelder?

Was ist eigentlich Leistung? Wer glaubt, dies zu 100 Prozent beurteilen zu können, der soll ruhig daran festhalten, jeden Wortbeitrag eines Schülers im Kopf sofort zu benoten. Allen anderen empfehle ich Folgendes:

► Unterrichtet testweise zwei Wochen ganz ohne Notenvergabe.

Einige der abgehängten Schüler werden wieder mit Begeisterung am Unterricht teilnehmen. Und ohne den Notenkampf ist die Stimmung im Klassenraum ungefähr tausendmal entspannter. Es wird sogar oft gelacht.

Arne Ulbricht arbeitet als Schriftsteller. In seinem Buch “Mama ist auf Dienstreise” schildert er seine Erfahrungen als Hausmann und Vollzeitvater ausführlich. Derzeit ist Ulbricht mit seinem Roman “Maupassant” auf Buchtournee. Mehr über den Autor erfahren Sie auf www.arneulbricht.de.  

(kap)