POLITIK
16/04/2018 14:15 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 14:57 CEST

Schulgewalt in NRW immer brutaler - Polizei legt erschreckende Zahlen vor

Experten sehen die Ursachen bei Medien und in den Familien.

chameleonseye via Getty Images
Kleines Mädchen mit Schulranzen. (Symbolbild). Der Alltag an deutschen Schulen wird gefährlicher. Das belegt eine LKA-Statistik für NRW.
  • In Nordrhein-Westfalen steigt die Zahl von Gewalttaten an Schulen erheblich
  • Lehrerverbände schlagen Alarm und fordern mehr Personal zur Prävention

Für viele Schüler in Nordrhein-Westfalen ist der Alltag gefährlicher geworden. Wie “RP Online” und “Westdeutsche Allgemeine Zeitung” (“WAZ”) unter Berufung auf die Kriminalitätsstatistik übereinstimmend berichten, ist die Zahl der Straftaten an den Schulen gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Demnach hat die Zahl der angezeigten Delikte an den Schulen des größten deutschen Bundeslandes im Jahr 2017 um 4,9 Prozent zugenommen. 22.900 Straftaten verzeichnete das Landeskriminalamt (LKA) und damit gut 1000 mehr als noch 2016.

Gleichzeitig stieg allerdings auch die Aufklärungsrate um 2 Prozent auf 40,2.

Zunahme von Gewaltdelikten

Bei der Art der Vergehen fällt auf: Die Zunahme von Gewalttaten ist besonders drastisch. Während es beispielsweise weniger Diebstähle als im Vorjahr gab, schnellte die Zahl angezeigter Körperverletzungen regelrecht in die Höhe.

Waren es 2016 noch 5600, liegt die Zahl für das vergangene Jahr bei 6200. Das ist ein Anstieg um 11 Prozent.

Die Anzeigen wegen Raubs haben im gleichen Zeitraum um etwa ein Fünftel zugenommen, von 91 auf 105 Fälle.

Bei Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen verzeichnet das LKA einen Anstieg von 40 auf 55 Fälle. 

Dabei zeigt die Zunahme der Anzahl angezeigter Fälle das Problem noch nicht in vollem Umfang. Denn geprügelt wurde an Schulen wohl immer schon. Es ist durchaus denkbar, dass mittlerweile einfach mehr Fälle angezeigt werden und somit Eingang in die Polizeistatistik finden.

Anstieg bei Verstößen gegen das Waffengesetz

Offenbar werden die Übergriffe aber auch immer brutaler. Denn die Schüler gehen nicht mehr nur mit Fäusten aufeinander los. Das beweist eine weitere dramatische Zahl des LKA-Berichts:

159 Verstöße gegen das Waffengesetz wurden registriert, gegenüber dem Vorjahr sind das 37 mehr. Nicht nur das Mitführen von Schusswaffen sowie Munition ist streng verboten. Auch sogenannte Springmesser, Stahlruten, Schlagringe und Gassprühgeräte fallen unter das Waffengesetz.

Dass diese Waffen an Schulen offenbar auch zum Einsatz kommen, zeigt die LKA-Statistik ebenfalls.

Vier Todesfälle hat es seit 2016 allein in NRW gegeben. Erst Anfang dieses Jahres wurde eine 14-jährige Schülerin von einem 15-Jährigen an einer Gesamtschule in Lünen nahe Dortmund erstochen.

Lehrerverbände schlagen Alarm

Die wichtigsten Lehrerverbände schlagen mittlerweile Alarm und fordern unter anderem mehr Personal zur Prävention von Gewalt. So sagte etwa Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der “Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft” (GEW) der “RP Online”: “Wir brauchen mehr Sozialarbeiter und Psychologen in den Schulen.”

Stefan Behlau vom “Verband Bildung und Erziehung” (VBE) forderte laut “RP” einen offeneren Umgang mit dem Thema. So müsse mehr über Gewalt und Straftaten an Schulen geredet werden. Auch er forderte auch er Unterstützung durch die Landesregierung: “Es ist überfällig, dass die Politik unseren Schulen die notwendige Unterstützung bietet.”

Behlau machte darauf aufmerksam, dass Gewalt nicht nur unter Schülern ein Problem ist, sondern auch Lehrkräfte betrifft. Der “WAZ” sagte er, dies sei zu lange ein Tabuthema gewesen.

Ursachen für die Gewalt an Schulen

Die Ursachen für die gestiegene Gewalt an Schulen sind nicht eindeutig zu bestimmen.

So machen laut LKA-Statistik Migranten zwar einen überproportional hohen Anteil unter den Tatverdächtigen aus. Allerdings ist deren Zahl zuletzt um 13 Prozent gesunken, während die deutschen Tatverdächtigen in der Altersgruppe von 14 bis 17 Jahren um 6,5 Prozent zunahm.

Immer häufiger geraten besonders junge deutsche Täter ins Visier der Ermittler. In der Schülergruppe bis 13 Jahren hat es nach Angaben von “RP Online” einen Anstieg von Verdächtigen von 13 Prozent gegeben.

Olaf Schäfer, erfahrener Pädagoge in Brennpunktschulen in Berlin wies in der HuffPost darauf hin, dass die Medien einen erheblichen Einfluss auf diese Entwicklung hätten. Wer schon im Nachmittagsprogramm im Fernsehen Gewalt sehe, der könne Konsequenzen seiner Handelns irgendwann nicht mehr objektiv beurteilen:

“Da brauchen die Schüler gar keine Online-Enthauptungsvideos auf dem Schulhof zu sehen. Denn die klassischen Medien sind oft schlimmer.”

Mehr zum Thema:Wir haben ein Gewaltproblem an Schulen – mit Migranten hat das nichts zu tun

Schäfer sprach von gesellschaftlichen Veränderungen, die für die “emotionale Verwahrlosung von Kindern” verantwortlich sei. Mit Migranten habe das nichts zu tun.

Auch Marlou Hundertmark bezweifelt einen direkten Zusammenhang von Migration und Gewalt. Sie unterrichtet in einem Hamburger Brennpunktviertel. Wie sie der HuffPost sagte, sei es oft schierer Platzmangel, der Kinder in die Gewalt treibe:

Mehr zum Thema:Ich unterrichte im Brennpunkt: Es ist ganz anders, als alle denken

Sei es in der Schule, in den engen Klassenzimmern, oder zu Hause, wo sich die Kinder teilweise mit mehreren Geschwistern ein Zimmer teilen müssen.

In anderen Fällen seien Kinder selbst Opfer von Gewalt geworden, nicht nur wenn sie mit ihren Familien aus Kriegsgebieten geflohen sind, sondern weil sie auch zu Hause an Schlägen oder Vernachlässigung leiden.