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28/06/2018 12:41 CEST | Aktualisiert 28/06/2018 16:16 CEST

Die Schulen sind technisch veraltet – das erschwert den Kindern die Zukunft

Wir bilden in der Gegenwart unsere Leistungsträger der Zukunft mit Werkzeugen aus der Vergangenheit aus.

Caiaimage/Robert Daly via Getty Images
HuffPost Chip

Vor kurzem bin ich auf einen kurzen, lustigen, aber auch traurig machenden Tweet gestoßen. Darin wurde sich beschwert, dass in Berlin/Brandenburg in der Grundschule das Wort “Diskette” im Grundwortschatz steht, “Internet” aber nicht.

Unter anderem wurde im Verlauf des Tweets die Frage gestellt, ob wir genug tun, um unsere SchülerInnen auf die Herausforderungen einer ungewissen Zukunft vorzubereiten, in der Computer eine große Rolle spielen werden. Als Leiter der Naturwissenschaften an einem Heidelberger Gymnasium fällt meine erste Antwort darauf nüchtern aus: Nein, wir tun nicht genug.

Ich bin Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik, bilde Lehrkräfte in Datenschutz und Urheberrecht fort, engagiere mich in dem Bildungsprojekt “Chaos macht Schule” des “Chaos Computer Club” und bei der Initiative “Jugend hackt”. Zudem bin ich Freifunker.

Die Schulen leben technisch in der Vergangenheit 

Aus meinen Erfahrungen heraus kann ich sagen: Wir bilden in der Gegenwart unsere Leistungsträger der Zukunft mit Werkzeugen aus der Vergangenheit aus.

Dabei vermeide ich bewusst eine Formulierung wie “auf eine digitale Arbeitswelt vorzubereiten”, weil wir die jungen Menschen ja auf das Leben vorbereiten möchten, nicht auf ihre Berufe.

Befreiend wirkt dabei, dass wir diese wohl in der Mehrheit sowieso noch nicht kennen. Auch bedeutet das Fehlen des Wortes “Internet” im Grundschulgrundwortschatzwort noch nicht den Untergang des deutschen Bildungssystems.

Zumal Bildung Ländersache ist und somit bis zu 16 verschiedene Grundschulgrundwortschätze existieren dürften. Aber es sollte uns zum Nachdenken bringen: zum Beispiel darüber, dass ein Visualizer rein technisch einem Overheadprojektor überlegen ist und Letzterer daher ersetzt gehört, auch wenn die neue Technologie teurer ist.

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Oder darüber, dass unsere SchülerInnen (frühzeitig) mit einer Programmiersprache in Kontakt kommen sollten, damit sie die Grundlagen einer digitalen Welt etwas besser nachvollziehen können bzw. sich auch oder gerade an Computern kreativ ausdrücken lernen und sie nicht nur als Konsumenten kennen.

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Auch gehört der Fächerverbund MINT (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik) gestärkt. Nicht umsonst ist meine Schule seit diesem Schuljahr “MINT-freundliche Schule” und wir überlegen, den in BW neuen Fächerverbund IMP (Informatik-Mathematik-Physik) einzuführen.

Schülern muss beigebracht werden, die Informationen richtig einzuordnen 

Aber um die obigen Dinge geht es nicht zuallererst. In einer Zeit, in der junge Menschen in ihrer Hosentasche Zugang zu mehr Informationen haben als jemals zuvor die Menschheit an irgendeinem Ort auf der Welt, geht es darum, diese richtig einordnen zu können.

In einer Zeit, in der wir uns mehr und mehr vernetzen, geht es darum, den richtigen Umgang mit mächtigen Werkzeugen wie sozialen Netzwerken zu erlernen und deren Verlockungen auch mal widerstehen zu können.

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Es geht darum, dass SchülerInnen in der Lage sind, technologische Entwicklungen bezüglich ihrer Chancen und Risiken bzw. ihrer Auswirkungen auf ihren Alltag einzuschätzen und sie für sich zu nutzen.

Dies ist auch wichtig für uns als Gesellschaft, damit Entscheidungen, die mit Einführung solcher Technologien einhergehen, auf einer breiten Basis diskutiert werden können oder per Kaufentscheidung bewertet werden.

Die “Digitale Mündigkeit”

Im CCC nennen wir das “Digitale Mündigkeit”. Eigentlich ist es einfach nur eine allgemeine Mündigkeit, aber leider fehlt in Schulen der digitale Part fast immer. Deswegen die Betonung.

Verkürzt gesagt geht es um mehr Wesensvermittlung, als um reine Wissensvermittlung. Die jungen Menschen mögen den digitalen Wandel als Chance begreifen und angstfrei gemeinsam eine heute ungewisse Zukunft mit uns entdecken und gestalten. Alles, was sie dabei bestärkt, sollten wir tun.

Ich bin es daher leid, wenn Verbände immer wieder nach neuen Fächern rufen. Medienkunde! Informatik! Wirtschaft! Datenkunde! (ja auch heute gelesen, der KI Verband sagt ab Klasse 3 soll das gut sein) Unser fächerzentriertes Schulsystem hat sich über Jahrzehnte erfolgreich bewährt, nur ist es nicht mehr das, was wir heute brauchen.

Die neue Technik ersetzt nicht die “alten Tugenden” der Schule

Erfolgreiche Gruppen arbeiten interdisziplinär und die Abfolge “erst Ausbildung, dann Beruf, dann Rente” ist heute passé. Genauso wie lineare Karrieren nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme werden.

Mir wäre lieb, wenn es ein (gerne bundesweites) Kerncurriculum geben könnte mit deutlich heruntergefahrener Fächervielfalt und deutlich eingedampften Inhalten.

Eben das, was heute auf jeden Fall noch erforderlich ist und das sind immer noch viele der “alten Tugenden” wie überschlagsmäßiges Kopfrechnen, Denken in Größenordnungen, Textverständnis, Lesen/Schreiben in sicherer Form usw. (womit ich hoffentlich einigen den Wind aus den Segeln nehme).

Die gewonnen Freiheiten können wir gewinnbringend für echte fächerübergreifende Projekte nutzen, am besten ohne Notendruck und mit vielen Wahlmöglichkeiten.

Außerschulische Lernorte bieten dabei viele Möglichkeiten! Denn neben den Lehrplänen sind leider oft die Schulgebäude in ihrer Architektur nicht gerade das, was die Lust am Lernen fördert und die möchten wir ja wecken.

Und viele Lehrkräfte wurden über die Jahre alleine gelassen mit zusätzlichen Anforderungen wie Inklusion, neuen Fächern, dem Nutzen neuer Technik ohne entsprechende Schulungen usw. und externe Wissensträger sind hier eine echte Entlastung bzw. ermöglichen den Lehrkräften einen sanften Rollenwechsel hin zum Lernbegleiter.

Da ich als Informatiklehrer natürlich ein Kernfach Informatik begrüße, es aber wie gesagt nicht unbedingt für sinnvoll halte, sozusagen zu meiner eigenen Beruhigung; im Rahmen solcher Projekte kommen die SchülerInnen ganz von selbst auf informatorische Problemstellungen.

Die Schüler wollen mehr über Hacken und Maken erfahren

Beispielsweise möchten meine Medienscouts gerne 3D-Druck ausprobieren, was wir bald im DAI Makerspace tun und sie sind daran interessiert, mehr über Hacken und Maken zu erfahren. Mit deswegen sind Formate wie “Jugend hackt” so beliebt bei den Jugendlichen.

Die jungen Leute sind unfassbar hungrig und kreativ. Wir hatten dieses Jahr erstmalig eine spannende AG namens “BEAM” für unsere Kursstufe. BEAM steht für “Business, Entrepreneurship, And Math” und vermittelt an realen Projekten Grundkenntnisse des Unternehmertums und der Wirtschaftsmathematik.

Die SchülerInnen investierten super viel Zeit in ihre eigenen Startup-Ideen oder in internationale Projekte mit Highschool Students aus Palo Alto im Silicon Valley. Unterstützt wurden sie dabei von MentorInnen aus der Wirtschaft.

Natürlich hat das ein gewisses Geschmäckle im schulischen Kontext. Aber ganz ehrlich – mir ist ein solches Projekt lieber als ein weiteres Unterrichtsfach wie “WBS” (Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung”) mit seinem starren Lehrplan. Lieber habe ich externe Experten, die wir besuchen oder in einem Webinar sprechen können.

Dadurch kommen sie auch mit Methoden wie “Design Thinking” in Kontakt. Muss man nicht toll finden, aber kennen sollte man sie, denn sie ist oft effektiv.

Und am besten lernen die SchülerInnen selbstbestimmt mal im BEAM-Kontext, mal bei Jugend hackt oder an einem tollen Theater-Projekt (was wir dankenswerterweise auch bei uns haben).

An deutschen Schulen tut sich aktuell richtig viel - nur alles viel zu langsam

Übrigens schreibe ich diesen Artikel nicht im Hoffnungslos-Modus. Gerade im Moment bewegt sich unglaublich viel, sowohl basisch an den Schulen, als auch auf hohen politischen Ebenen wie der KMK.

Natürlich geht mir das alles viel zu langsam, der Schwerpunkt ist manchmal seltsam und absehbare Unfälle wie ella@BW machen mich auch mal wütend, genauso, dass Regionen abgehängt werden und die Bildungsschere immer weiter aufgeht. Das ist nicht nur gesellschaftlicher Sprengstoff, sondern eine fahrlässige Vergeudung der kreativsten Köpfe, die unser Land hat.

Bildung sollte uns alles wert sein.

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