WIRTSCHAFT
30/07/2018 14:06 CEST

Schule, Pflege, Handwerk: Nur Amateure können die Probleme des Landes lösen

Die HuffPost-These.

Halfdark via Getty Images

In Deutschland reden wir oft über “Fachkräfte“. Das duale Ausbildungssystem ist weltweit berühmt, die Studienabschlüsse international anerkannt. Wir geben zurecht viel auf den hohen Bildungsstand, den es hierzulande gibt.

Aber es ist Zeit, ein Loblied auf die Quereinsteiger anzustimmen. Jene also, die nicht professionell ausgebildet wurden, sondern auf Umwegen in ihren Beruf kamen. Spöttisch werden sie als “Amateure“ bezeichnet. Dabei brauchen wir sie derzeit so dringend wie nie.

Ein Kernproblem des deutschen Arbeitsmarktes ist, dass derzeit zwei besonders starke demografische Effekte gleichzeitig wirken.

Zum einen gehen derzeit die ersten Angehörigen der so genannten “Babyboomer-Jahrgänge“ in den Altersruhestand. Zwischen 1954 und 1969 wurden pro Jahr jeweils mehr als 1,1 Millionen Kinder geboren

Auf der anderen Seite kommen jene jungen Menschen in Ausbildung, die den geburtenschwächsten Jahrgängen in der Geschichte der Bundesrepublik angehören. Zwischen 2001 und 2015 kamen in pro Jahr jeweils weniger als 750.000 Kinder zur Welt.

Wir brauchen mehr Quereinsteiger!

Während also Millionen von älteren Menschen verrentet oder pensioniert werden, gibt es zu wenig Nachwuchs, der die freiwerdenden Stellen besetzen könnte. Dabei herrscht jetzt schon in vielen Teilen Deutschlands Vollbeschäftigung.

Der viel zitierte “Fachkräftemangel“ betrifft alle Bildungsniveaus. Das Handwerk klagt über freibleibende Lehrstellen, in der Pflege gibt es zu wenige Fachkräfte – und auch bei den Akademikerberufen gibt es zum Teil dringenden Bedarf.

Deswegen brauchen wir Quereinsteiger.

Ein Beispiel dafür ist der Job des Grundschullehrers.

Jahrzehntelang war es für Berufsanfänger attraktiver, auf Gymnasiallehramt zu studieren. Denn als Studienrat an einem Gymnasium bekommt man die Besoldungsstufe A13, für Grundschullehrer wurde dagegen lange Zeit nur nach A12 gezahlt. Je nach Berufsdauer kann das einen Unterschied von bis zu 600 Euro brutto monatlich ausmachen

Besonders für junge Männer wurde der Beruf deswegen unattraktiv. Das Ergebnis ist deshalb nicht nur ein immenser Frauenüberschuss, sondern auch ein eklatanter Fachkräftemangel.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2017 müssen bis 2030 insgesamt 80.000 Lehrerstellen an Grundschulen neu besetzt werden. Ein Grund dafür sind die wachsenden Schülerzahlen, bedingt durch die Migration der vergangenen Jahre und eine steigende Geburtenrate.

Wunschdenken versus Realität

Bis 2026 werden zudem bedeutend weniger Grundschullehrer ausgebildet, als gebraucht werden. Selbst eine rasche Erhöhung der Studienplätze für das Grundschullehramt könnte das Problem nicht lösen.

Viele Bundesländer sind daher dazu übergegangen, Quereinsteiger als Grundschullehrer anzuwerben. In Berlin etwa gibt es das Angebot, eine achtzehnmonatige Zusatzausbildung zu durchlaufen, die zum Grundschullehramt qualifiziert. 

Die OECD hatte jüngst zwar davor gewarnt:  Gute Leistungen könnten Schüler nur dann erzielen, wenn sie auch von speziell dafür ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden.

Aber das ist beim derzeitigen Personalmangel an Deutschlands Grundschulen eher Wunschdenken. Die Alternative zur Anstellung von Quereinsteigern wäre oft genug Unterrichtsausfall. Die Studie der Bertelsmann-Stiftung empfiehlt, weiterhin an der Anwerbung von Seiteneinsteigern festzuhalten.

Auch in anderen Branchen wird derzeit daran gearbeitet, fachfremde Kräfte zu integrieren. Mit Erfolg.

Pflege: Viele offene Stellen, keine Bewerber

Für Schlagzeilen sorgte etwa das “Karriereprogramm Handwerk“:  Hier wurden gezielt Studienabbrecher für eine Laufbahn als Führungskraft in Handwerksbetrieben angeworben.

Ihnen wird eine besondere Laufbahn angeboten: Binnen drei Jahren können Ex-Studenten nicht nur ihre Ausbildung machen, sondern auch gleich einen Meisterbrief erwerben. Die Bundesregierung betrachtet einen Meisterabschluss als gleichwertig mit einem Bachelorgrad an einer Universität an.

Für gescheiterte Fast-Akademiker ist diese Laufbahn also keineswegs ein Rückschritt. Im Gegenteil: Das deutsche Handwerk verspricht den Absolventen danach finanziell lukrative Führungspositionen in den Betrieben.

Auch in der Pflege wird derzeit dringend Personal gesucht. Quereinsteiger können ohne vorherige als Hilfskraft anfangen. Öffentliche Institutionen werben derzeit dafür.

Der Nachteil: Hilfskräfte werden in der Pflege deutlich schlechter bezahlt als Fachkräfte. Um als Fachkraft zu arbeiten, müssen Umsteiger eine Berufsausbildung absolvieren.

Derzeit gibt es auf 100 offene Stellen in der Pflege nur 21 Bewerber. Und die alternde Bevölkerung wird den Bedarf weiter steigen lassen.

In Zeiten des Personalmangels lassen sich Betriebe also etwas einfallen, um Menschen zum Umstieg auf einen anderen Beruf zu bewegen.

Am Ende könnten alle davon profitieren. Nicht selten sind Menschen in ihrem Beruf unzufrieden und brauchen einen Jobwechsel.

Wir brauchen eine Kultur des Umsteigens

Zudem sinkt die Halbwertzeit von in Ausbildungen erworbenem Wissen.

Wer in den 1980er-Jahren als KfZ-Mechaniker ausgebildet wurde, musste noch nicht mit Computersystemen umgehen. Und wer in den 1990er-Jahren Fotograf gelernt hat, der wusste damals noch nichts von digitaler Bildbearbeitung. Lebenslanges Lernen ist heute so wichtig wie nie.

Warum das nicht gleich mit einem Berufswechsel verbinden?

Dieser Wandel geht einher mit Veränderungen in der Arbeitswelt: Ganze Berufe könnten bald schon verschwinden. Was machen LKW-Fahrer, wenn Lastwagen von selbst fahren? Und juristische Berater, wenn künstliche Intelligenz im Auftrag von Unternehmen zu den präziseren Schlüssen kommt? 

Wir brauchen eine Kultur des Umsteigens in Deutschland. Die Zeit, in der man lebenslang einen einzigen Beruf macht, nähert sich dem Ende. Deswegen sollten wir den Amateuren die Türen öffnen: Nicht nur, weil sie kurzfristige Personalengpässe lösen. Sondern weil sie unsere Arbeitswelt mit ihrer Initiative langfristig bereichern könnten.