POLITIK
28/06/2018 10:53 CEST | Aktualisiert 28/06/2018 16:18 CEST

Wie Bund und Länder die Digitalisierung der Schulen zum Trauerspiel machen

Die Schule muss die Kinder auf eine digitale Welt vorbereiten.

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Bei der Frage der Digitalisierung von Schulen trifft man mitunter auf zwei Extrempositionen.

Die einen sehen in der Digitalisierung der Schulen den Schlüssel zu einer Revolution des Lernens, fürchten, dass das deutsche Bildungssystem wegen des Digitalisierungsstaus den internationalen Anschluss verpasse und glauben letztendlich daran, dass digitale Technik Schule als Lernort und Lehrkräfte als Vermittler überflüssig machen wird, wenn angeblich jeder von zuhause  aus über Lernvideos und Programme alles Wissen der Welt sich selbst erschließen könne.

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Die anderen sehen in der digitalen Technik eher die Probleme und Gefahren. Für diese behindert diese mehr den Erwerb grundlegender Kulturtechniken als dass sie jene fördert.

 Kritische Medienerziehung sei wichtiger als alle Schulen mit Computern vollzustopfen.

Die Wahrheit liegt wie häufig eher in der Mitte.

Die Schule muss die Kinder auf eine digitale Welt vorbereiten

Digitale Technik und umfassende Medienerziehung müssen in unsere Schulen Einzug halten, weil wir unsere Schülerinnen und Schüler auf eine Welt vorzubereiten haben, in der die Digitalisierung alle Lebensbereiche vom Beruf bis hin zur Privatsphäre immer stärker bestimmen und umgestalten wird, aber nicht, weil sie maximalen Lernerfolg garantiert.

So zeigt etwa die Mehrzahl aktueller empirischer Bildungsstudien, dass immer mehr Tablets, zusätzliche Computerräume oder auch die Verwendung von Lernprogrammen und Lernvideos nicht automatisch zu besseren Lernerfolgen führen.

Insbesondere nicht an Grundschulen, wo es wohl doch zunächst einmal auf das Erlernen elementarer Kulturtechniken ankommt wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Warum haben heute viele junge Menschen in Betrieben und an Universitäten keine großen Probleme damit, sich digitaler Techniken zu bedienen, obwohl sie mit dieser in der Schule vielfach noch nicht in Berührung gekommen sind?

Ganz einfach: Weil sie in der Schule das Wissen und die Kompetenz erworben haben, sich in neue Arbeitsgebiete und Techniken einzuarbeiten.

 ► Wer vom Zugriff auf die Informationsflut des Internets profitieren will, muss vor allem eines können: Das Wesentliche vom Unwichtigen zu unterscheiden.

 ► Wer Fakenews und Verschwörungstheorien nicht auf den Leim gehen will, braucht Vorwissen, benötigt eine intelligent vernetzte Wissensbasis.

Den Wettlauf um die neueste Technik werden die Schulen nicht gewinnen können

Es ist deshalb übrigens ein Irrtum zu glauben, dass Digitalisierung automatisch mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen wird, weil jeder gleichermaßen Zugang zur Informationsflut des Internets habe.

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Wer von der Digitalisierung profitieren will, braucht Vorwissen und kritisches Urteilsvermögen, sonst geht die Leistungsschere beim Lernerfolg noch weiter auf.

Den Wettlauf um die neueste Technik werden die Schulen nicht gewinnen können, das ist auch nicht nötig. Es kommt nicht darauf an, dass alle Schüler die neuesten Programmiersprachen erlernen oder an den Schulen die aktuellste Notebookgeneration vorhanden ist.

Sie sollten aber zum Beispiel wissen, wie Algorithmen, die unser Leben immer stärker bestimmen, funktionieren.

Was Schulen mindestens brauchen, ist:

 ► eine funktionierende IT-Infrastruktur,

 ► insbesondere Wlan,

 ► Breitbandanschlüsse für ein schnelles Internet

 ► und eine externe professionelle Wartung der Schulnetze, die die hundertprozentige dauerhafte Funktionsfähigkeit sicherstellt.

Hilfreich wäre auch der Aufbau zentraler Schulclouds, die die Vernetzung von Lehrkräften und Schülern erleichtern und den Zugriff auf Lernsoftware und digitale Lehrwerke ermöglichen.

In Schulen fehlen fachspezifische Fortbildungen und Medienkonzepte

Die gesamte digitale Technik nutzt aber wenig, wenn sie nicht in ein pädagogisch-didaktisches Konzept eingebunden ist. Da besteht auch noch großer Nachholbedarf, sowohl was fachspezifische Fortbildungen als auch schulinterne Medienkonzepte betrifft.

Heruntergebrochen auf die Ebene der einzelnen Schulstunde kann man das auch so ausdrücken: Schlecht vorbereiteter und durchgeführter Unterricht wird durch Verwendung von Tablets und Smartboards nicht besser,- es bleibt schlechter Unterricht.

Guter Unterricht kann allerdings profitieren, - er wird durch die erweiterten Lernchancen digitaler Technik mit all ihren Vernetzungs- und Visualisierungsmöglichkeiten gewinnen.

Streitereien zwischen Bund und Ländern machen das Digitalpaket zum Trauerspiel 

Ein großes Ärgernis bleibt aber, egal ob man die Bedeutung der Digitalisierung an Schulen eher etwas relativiert oder sehr hoch einschätzt:

Der seit fast zwei Jahren angekündigte und bis jetzt wegen Streitigkeiten zwischen Bund und Ländern noch nicht umgesetzte Digitalpakt, ist ein einziges Trauerspiel.

Zwar setzt er mit dem Fokus auf die digitale Infrastruktur den richtigen Schwerpunkt.

Aber wegen fortwährender Streitigkeiten zwischen Bund und Ländern um die notwendige Verfassungsänderung und die Kontrolle der Mittelverwendung ist bis jetzt noch kein einziger Euro aus diesem Digitalpakt, der immerhin Teil des Koalitionsvertrages ist, an die Schulen geflossen.

Im Gegenteil!

Kommunen und Bundesländer haben bereits geplante und beschlossene eigene Digitalisierungsprogramme vorerst gestoppt, weil sie Angst haben, sonst die Bundesförderung zu verpassen. Das ist und bleibt ein Skandal!

In einem werden sich allerdings die Digitalisierungseuphoriker täuschen: Lehrerinnen und Lehrer, auch die Schule als Lernort, werden durch die Digitalisierung nicht überflüssig werden.

Im Gegenteil: Je mehr die Technik an Schulen Fuß fasst, desto wichtiger wird die personale Kompetenz der Lehrkraft als entscheidende Vermittlungsinstanz.

Lernen ist immer auch ein sozialer Prozess des personellen Austausches. Ohne, dass man sich an Menschen und deren Meinungen reiben kann, ohne Debatte und Diskussion ist Bildung nicht möglich.

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