POLITIK
12/03/2018 17:32 CET

100 Euro bekommen arme Kinder für Schulbedarf – sie bräuchten dreimal so viel

Die Politiker sollten nochmal nachrechnen.

Nadezhda1906 via Getty Images
Armut setzt Kinder einer großen Stresssituation aus.
  • Gerade mal 100 Euro stehen Kindern von Hartz-IV-Empfängern für den Schulbedarf zu
  • Laut der Landesarmutskonferenz in Niedersachsen müsste dieser Betrag dreimal so hoch sein 

Der erste Schultag: Für Kinder aufregend, für Eltern der Anfang einer gefühlt nie endenden Reihe von Kosten. Angefangen beim Federmäppchen und der Schultasche, bis hin zum speziellen Taschenrechner und der Klassenfahrt – Schule ist teuer in Deutschland.

Kinder von Hartz-IV-Empfängern erhalten für ihren Schulbedarf lediglich eine jährliche Unterstützungsleistung von 100 Euro. Dieser Betrag wurde 2011 im Bildungs- und Teilhabepaket festgesetzt – und ist seitdem nicht erhöht worden. 

Dagegen protestieren jetzt die Landesarmutskonferenz und der Landeselternrat in Niedersachsen, wie der “Weser Kurier” berichtet.

Denn eine neue Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der evangelischen Kirche zeigt: Die Leistungen für den Schulbedarf eines Kindes müssten eigentlich dreimal so hoch sein. 

“Mindestens 200 Euro Unterdeckung“

70 Euro bekommen Eltern in finanziell prekären Situationen momentan zum Schuljahresbeginn – die restlichen 30 Euro zu Beginn des zweiten Halbjahres.

“Das sind mindestens 200 Euro Unterdeckung“, klagt Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz in Niedersachsen dem Weser Kurier.

Viel zu wenig, meint auch der Vorsitzenden des niedersächsischen Landeselternrates, Mike Finke. Er meint: Die tatsächlichen Kosten für den Schulbedarf lägen sogar bei jährlich 700 bis 1400 Euro. 

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Schreibwaren müssen jedes Jahr aufs Neue bezahlt werden. Je nach Klassenstufe kommen dann noch Kosten für Projektwochen, Exkursionen,  Klassenfahrten und natürlich elektronischen Geräten hinzu. 

Allein ein Taschenrechner koste schon mal 100 Euro, sagt Finke dem Weser Kurier. Oft verlangen Lehrer dabei die teureren Modelle, erklärt er weiter. Dabei fehle es dem Lehrpersonal manchmal an Empathie. 

Häufig führen die Schulen auch teure I-Pads in den Klassen ein. Obwohl es viele günstigere Android-Alternativen gäbe, diktiere die Schule damit den Eltern, was sie kaufen sollen, so Finke.

Ab der elften Klasse müssen die Familien Bustickets selbst bezahlen

Richtig teuer wird es dann in der Oberstufe: Ab der elften Klasse müssen die Familien die Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel, die die Jugendlichen zur Schule bringen, selbst bezahlen. 

“Das können je nach Entfernung schon einmal einhundert Euro im Monat sein“, sagt Finke dem Weser Kurier. 

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Addiert man all diese Kosten, wird schnell klar: Die 100 Euro aus dem Bildungs- und Teilhabepaket können wohl bloß einen Bruchteil der Ausgaben decken. 

Für arme Eltern bedeutet das eine hohe finanzielle Hürde, die viele wohl nicht überwinden können. Wenn das Geld nicht reicht, um Schulbedarf und gerechte Förderung zu gewährleisten, kann das schwerwiegende Konsequenzen für das Schulkind haben. 

“Die Armut setzt das Kind einer großen Stresssituation aus”

Kinderarzt Dr. Stefan Schwarz weiß, wie es aussehen kann, wenn sich die finanzielle Situation der Eltern direkt auf die Schulleistung des Nachwuchses auswirkt:

“Schlechte Noten und wiederholte Misserfolgserlebnisse in der Schule verringern die Lernfreude und wiederum das Selbstbewusstsein eines Kindes”, sagt er der HuffPost.

“Ob es je nach einem guten Schulabschluss oder gar einem Studium streben wird, bleibt fraglich.” 

Weiterhin erklärt er, die Armut setze das Kind einer großen Stresssituation aus. Das unbeschwerte Erwachsenwerden und eine normale Entwicklung werden  erschwert, wenn nicht gar unmöglich.

“Für ein Kind ist das eine traumatisierende Erfahrung”

Oft versuchen Eltern auch mit allen Mitteln, den Schulbedarf zu stellen. Die Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts fand heraus: Oft sparen sie dann an sich selbst.

Oder auch an der sozialen Teilhabe ihrer Kinder, wie Kinderarzt Dr. Schwarz weiß. ”‘Wissen Sie, er würde ja gerne in den Sportverein, aber dafür ist leider nicht genug Geld da’ – Sätze wie diesen höre ich in der Sprechstunde. Da schüttelt es mich”, sagt er der HuffPost. 

“Für ein Kind ist das eine traumatisierende Erfahrung: Es würde gerne etwas tun und kann nicht - sieht dabei aber, wie andere Kinder genau das tun können”, erklärt er weiter. 

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Das drückt das Selbstbewusstsein. Außerdem fördert es die soziale Ausgrenzung und kann damit sogar psychische Schäden verursachen.”

Dass in unserer Gesellschaft zu oft an Bildung gespart wird, findet auch er. 

“Meiner Meinung nach muss in der Politik ein Umdenken stattfinden”, fordert Schwarz. “Kinder aus finanzschwachen Familien müssen dieselben Möglichkeiten haben, wie Kinder aus einem reichen Elternhaus.” 

Das Bildungs- und Teilhabepaket ist mit 100 Euro im Jahr dabei wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Bleibt zu hoffen, dass auch in der Politik noch einmal nachgerechnet wird.