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25/07/2018 10:47 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 10:41 CEST

Schuldnerberater: "RTLs 'Zahltag' ist für Hartz-IV-Empfänger gefährlich"

Neue Folgen aus dem "Menschenzoo".

  • Dienstagabend lief die zweite Folge der Hartz-IV-Doku “Zahltag” auf RTL.
  • Ich habe mir die Sendung zusammen mit dem Schuldnerberater Christian Arnold und meiner Freundin Rike angesehen – die konnte sich einige Kommentare nicht verkneifen.
  • Im Video oben ein verwandtes Thema: So wohnen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland

 “Weil bei ‘Wer wird Millionär’ niemand mehr gewinnt, muss RTL das Geld jetzt anderweitig auf den Kopf hauen”, sagt Rike gleich zu Beginn. Eine treffende Beobachtung, wie ich finde. Also lässt der Sender die lästigen Fragen gleich ganz weg, stopft die Scheine in einen Koffer und verpulvert es an Hartz-IV-Familien.

Drei Familien bekommen je rund 30.000 Euro, was in etwa den Jobcenter-Bezügen für ein ganzes Jahr entspricht. Damit sollen sie sich selbständig machen und dem Teufelskreis der Sozialhilfe entkommen.

Ihr Scheitern begleitet der Sender freundlicherweise mit der Kamera und einem Team von drei Experten, die nur dann beratend einspringen, wenn sie ausdrücklich darum gebeten werden.

Das Expertenteam besteht aus dem ehemaligen Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, Ex-Hartz-IV-Bezieherin und “Cindy aus Marzahn” Ilka Bessin und Gründerberater Felix Thönnessen. Das Trio hilft den Hartz-IV-Familien aber eher selten, stattdessen plaudern sie über die Kandidaten.

Der Verdacht drängt sich auf, ob die Experten selber nicht auch einen der Koffer abgestaubt haben und nun versuchen, sich über eine eigene Prekariats-Show in der Selbständigkeit zu halten.

MG RTL D
RTL schenkt Familie Bergmann einen Koffer voll Geld.

Sendekonzept: Dem Stereotyp Hartz-IV-Empfänger beim Scheitern zusehen

Nun wurde die zweite Folge der Armuts-Sendung ausgestrahlt. Diese Woche neu dabei: Yves und Christiane Kempe aus Berlin, mit ihren Söhnen Karl und Gustav. Die Sache mit den beiden ist so:

Yves findet keinen Job als Kommunikationsberater, während seine Frau Christiane ausgebildete Erzieherin ist und jederzeit arbeiten könnte.

Doch Christiane lebt bisher lieber von Hartz-IV, um sich um ihre Kinder zu kümmern. 

Experte Heinz Buschkowsky sieht die aktuelle Lebenssituation von Familie Kempe nicht so drastisch. Schließlich müsse “die Frau nur irgendwo durch die Tür gehen, dann bekommt sie auch einen Job”. 

Lesenswert: Was für ein Hartz-IV-Kind das Wichtigste ist, zeigt, was Armut bedeutet

Das ist wieder einmal klar, sage ich. Die Familien sind natürlich mit Bedacht ausgewählt, damit das Bild vom “faulen Hartzer” in der Öffentlichkeit nicht infrage gestellt werden kann.

Ich frage Christian Arnold, was er davon hält. Arnold ist Vorsitzender des Vereins “Schuldnerhilfe München e.V.”. Er erzählt, er habe schon viele Hartz-IV-Bezieher in seinem Büro gehabt und sei besorgt über die Darstellung der arbeitslosen Familien und deren Wirkung auf die Zuschauer: “Da entsteht schnell ein Bild, dass eigentlich alle arbeiten könnten – wenn sie nur wollten.” 

Christian Arnold
Christian Arnold ist Vorsitzender des Vereins Schuldnerhilfe Munchen eV.

Ist das denn so?, frage ich Arnold. Er erklärt, dass es Einzelfälle seien: Arbeitslose, die arbeiten gehen könnten, aber nicht wollen.

“Ich habe schon alle möglichen Fälle bei mir gehabt. Da gab es zum Beispiel den Gärtner, der nach einem Herzinfarkt nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte und in Hartz-IV gefallen ist. Auch wenn ich da nicht urteilen will, habe ich da schon gedacht, dass der zum Beispiel noch andere Arbeit finden könnte, wo nicht mehr die körperliche Arbeit im Vordergrund steht. Zum Beispiel eine Umschulung als Bürofachkraft.”

Auch dass Jobcenter Umschulungen nicht genug fördern, hält Arnold zum Teil für eine Ausrede: “Oft habe ich die Vermutung, das Jobcenter würde schon fördern, wenn eine Person wirklich dahinter steht. Mir sind aus der Praxis viele Fälle bekannt, wo das Jobcenter Umschulungen für mehrere tausend Euro bezahlt hat, um einer Person einen Neustart in einem anderen Beruf zu ermöglichen, wenn der alte Beruf aufgrund von gesundheitlicher Probleme nicht mehr ausgeübt werden kann!”

“Wobei man sich bei einigen durchaus fragt, ob man sie nicht zuerst nochmal einschult, bevor man sie umschult!”, sagt meine Freundin Rike trocken.

MG RTL D
Familie Kempe aus Berlin.

Neben Geldprobleme auch noch Streit in den Familien

Umschulen lassen will sich auch Yves Kempe aus Berlin. Experte Heinz Buschkowsky rät ihm zu einer Ausbildung als Erzieher, schließlich werden da viele Leute gesucht.

Eigentlich eine vernünftige Idee, denkt sich auch Yves Kempe und teilt seiner Frau mit, dass er sich umschulen möchte. Doch die ist von der Nachricht gar nicht begeistert. 

Christiane Kempe findet, dass ihr Mann nicht für den Beruf taugt. Er solle keinen Job nur des Geldes wegen machen. Das Argument wirkt auf Yves – und prompt ändert er seine Meinung.

Donnerwetter, denke ich. Noch so ein Klischee über Hartz-IV-Empfänger: Daheim haben diese Leute offensichtlich die fürchterlichsten Probleme.

Tatsächlich steht der Haussegen auch bei den anderen beiden Familien schief, die bereits in der Folge vergangene Woche vorgestellt wurden.

Mehr zum Thema: Essen, schlafen, sterben – so sieht der Alltag eines Hartz-IV-Empfängers aus

Andrea und René Metz hatten sich beispielsweise schon zu Beginn heftig darüber gestritten, wie sie das Geld ausgeben wollen. Nun scheint die Beziehung endgültig am Ende.

Bei einem Dinner im Restaurant versucht René, sich seiner Freundin mit einem zärtlichen “Ich liebe dich” wieder anzunähern. Doch Andrea gibt sich unbeeindruckt und löffelt weiter vor sich hin.

“Die sind völlig überfordert, alle beide, weil sie offensichtlich nichts mehr mit ihm zu tun haben will”, stellt Buschkowsky trocken fest. “Wie es für mich aussieht, steuert die Familie knallhart auf das Scheitern des Experiments zu.”

Und bei den Bergmanns hat Mutter Conny Mühe, ihren ältesten Sohn Jörn überhaupt zum Aufstehen zu bewegen.

Welche Rolle spielen Konflikte in Familien?, will ich von Christian Arnold wissen.

Er erzählt mir, dass die Probleme, die in der Sendung gezeigt werden durchaus realistisch sind. “So etwas sehe ich oft in meinem Alltag.” Ein Grund, wirklich in Schulden zu rutschen sei oft Scheidung, Unterhaltszahlungen, Krankheit, gescheiterte Selbstständigkeit oder der unerwartete Verlust des Arbeitsplatzes.

Uneinigkeit zwischen Paaren und in den Familien sei allgemein ein problematischer Faktor. An einem Strang ziehen, mit Weitsicht auch über den Tellerrand hinausschauen - das sei besonders wichtig, wenn man sich zusammen aus einem finanziellen Schlamassel ziehen wolle, so Arnold weiter.

Neue Folgen aus dem “Menschenzoo” 

Mir erscheint das Konzept von “Zahltag” schon an sich als billiger Voyeurismus, bei dem die Zuschauer sich an immer neuen Folgen aus dem “Menschenzoo” erfreuen und der Sender mit schlimmen Lebenssituationen anderer Menschen auch noch Geld einfährt.

Arnold findet das Experiment an sich interessant, die Umsetzung aber mangelhaft. Seiner Meinung nach mache es nur Sinn, wenn die Berater täglich und für einen längeren Zeitraum zur Verfügung stehen.

Was Menschen in solchen Situationen brauchen, ist dauerhafte Beratung und Begleitung durch einen Mentor, also idealerweise über einen langfristigen Zeitraum. Wenn man so will, brauchen sie den ‘Babysitter’, weil sie sich selbst leider oft überschätzen.” Gerade Selbständigkeit erfordere viel Wissen – und das könne man nicht einfach aus dem Hut zaubern.

“Viele unterschätzen wie viel Zeit, Aufwand, Energie und Disziplin das erfordert.”

Während wir uns unterhalten, scheint bei RTL gerade Familie Bergmanns Traum von der Selbständigkeit zu zerplatzen. Ihre Imbissbude, die sie sich für einige tausend Euro gekauft hatten, fährt in den Kleinkrieg mit anderen Budenbesitzern am Stellplatz.

 

MG RTL D / Gordon Muhle
Die drei Zahltag-Experten Felix Thönnessen, Ilka Bessin und Heinz Buschkowsky.

Zahltag! Ein Koffer voller falscher Hoffnungen

Was brauchen denn Menschen wirklich, um sich aus so einer Situation zu befreien, frage ich Arnold. Einen Koffer Geld?

“Ich glaube nicht, dass ein Koffer Geld mit 25.000 EUR dazu beiträgt, sich dauerhaft aus einer finanziellen Lage zu befreien. Natürlich ist dies zunächst mal eine gute Grundlage, um bestehende Schulden zu begleichen oder finanzielle Reserven aufzubauen. Die große Gefahr sehe ich als Schuldnerberater aber darin, dass solch eine große Menge Geld die meisten Menschen einfach überfordern wird und das Geld wahrscheinlich auch schnell aufgebraucht sein wird, da der verantwortungsvolle Umgang mit Geld in vielen Fällen leider fehlt und nicht gelernt wurde.”

Doch genau da lässt RTL seine Kandidaten im Stich. Die Berater sind nach einiger Zeit wieder verschwunden und die Familien müssen mit den Problemen wieder allein zurechtkommen. “Die brauchen eine dauerhafte Begleitung”, sagt Arnold. “So ein TV-Format ist natürlich eher kurzfristig ausgelegt, wo die Personen nur während der Dreharbeiten durch die Berater unterstützt werden, aber nicht über einen längeren Zeitraum darüber hinaus.”

“Für das Geld könnte man die Verantwortlichen bei RTL auch mal für einige Zeit in den Urlaub schicken und ein paar talentierte Arbeitslose einstellen”, bemerkt Rike.

Am Ende verlieren also wieder die Arbeitslosen. Aber das macht vielleicht nichts, denn mit ein bisschen Glück ist für die Verlierer schon das Ticket für den nächsten Sommerurlaub gebucht - ins “Sommerhaus der Stars” 2019. Auch da wird ihnen niemand helfen, aber für RTL würde es sich lohnen.

(nmi)