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14/08/2018 17:14 CEST | Aktualisiert 14/08/2018 18:35 CEST

Wie sich die Bewohner schottischer Inseln gegen reiche Großgrundbesitzer wehren

Diese kleinen schottischen Gemeinden nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

  • In keinem anderen Industriestaat gibt es eine so hohe Konzentration von privatem Eigentum wie in Schottland.
  • Doch eine Gruppe unbeugsamer Inselgemeinden widersetzt sich den Millionären.

Maggie Fyffe war 28 Jahre alt, als sie 1976 auf die schottische Insel Eigg kam. Sie zog mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn dorthin, nachdem der Inselbesitzer sie eingeladen hatte, einen Handwerksbetrieb auf dem Eiland zu eröffnen.

Eigg ist eine der so genannten “Kleinen Inseln“, das Archipel liegt ein paar Kilometer vor der Westküste Schottlands. Als Fyffe ankam, hatte die Bevölkerung den historischen Tiefstand von 39 erreicht.

Die Insel gehörte damals dem Geschäftsmann Keith Schellenberg, einst Bobfahrer bei den Olympischen Spielen. Schellenberg hatte Eigg 1975 für umgerechnet 311.000 Euro gekauft.

Trotz anfänglicher Investitionen war es kontinuierlich bergab gegangen mit der Insel. In einem Interview mit der “West Highland Free Press“ im Jahr 1991 schwärmte Schellenberg, dass die Insel in seinem Besitz ihren “leicht heruntergekommenen ... Hebriden-Charme“ behalten habe.

Fyffe und ihre Nachbarn sahen das anders. “Es war extrem“, sagt sie. “Niemand investierte ohne sichere Besitzverhältnisse; die Gemeindehalle fiel auseinander; das einzige Geschäft war in einer Wellblechhütte ohne Wasser und Strom untergebracht.

► Entnervt und vom Wunsch nach Veränderung beseelt beschloss die Gemeinde, etwas gegen den Niedergang zu unternehmen.

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Maggie Fyffe war 28 Jahre alt, als sie 1976 auf die schottische Insel Eigg kam.

Ganze Inseln wandern von einem Millionär zum nächsten

Als Schellenberg im Zuge seiner Scheidung die Insel verkaufen musste, gehörte Eigg vorübergehend einem deutschen Künstler, bevor der neu gegründete Isle of Eigg Heritage Trust 1,72 Mio Euro einbrachte – genug, um die Insel zu kaufen.

Ein Drittel des Geldes ergaben hunderte kleiner Spenden, zwei Drittel finanzierte eine Frau, die bis heute anonym geblieben ist. Im vergangenen Jahr feierte der Eigg-Trust sein 20-jähriges Bestehen.

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Obwohl es nicht der erste Gemeindekauf in Schottland war, machte die groß angelegte Übernahme von Eigg 1997 auf der ganzen Welt Schlagzeilen. Diskussionen um die Notwendigkeit einer Landreform entbrannten neu, Menschen wurden aktiv.

► In keinem anderen Industriestaat gibt es eine so hohe Konzentration von privatem Eigentum wie in Schottland.

Gerade mal 432 Grundbesitzer besitzen die Hälfte aller privaten Grundstücke. Zwei Männern, dem Herzog von Buccleuch und dem dänische Modemogul Anders Holch Povlsen, gehören mehr als 162.000 Hektar – was zwei Prozent des Landes entspricht.

Weitläufige Anwesen und ganze Inseln wandern auf dem internationalen Immobilienmarkt von einem Millionär zum nächsten, während diejenigen, die dort leben und arbeiten, gezwungen sind, stumm die Launen und wechselnden Vorstellungen des neuen Eigentümers zu ertragen.

Die eklatant ungleiche Verteilung von Land ist das Ergebnis feudaler Besitzverhältnisse und veralteter Erbschaftsgesetze. Im 18. Jahrhundert, nach dem Ende des Clan-Systems in Schottland – damals lebten Familienverbände unter einem Oberhaupt ― wurde ein Großteil des Landes in Parzellen aufgeteilt, die Menschen, die kein Recht darauf hatten, sich einverleibten oder verschenkten.

Die Eigentümer, die nicht vor Ort lebten, stellten bald fest, dass ihre Neuerwerbungen mehr Gewinn abwerfen, wenn sie die Bewohner zugunsten von Vieh loswerden. Menschen wurden von Land vertrieben, das sie seit Generationen kannten und das seit Jahrhunderten von der einen auf die nächste Sippe übergegangen war.

Das Leben auf Eigg zeigt, dass eine andere Welt möglich ist

Doch die Dinge ändern sich.

Auf Eigg folgte eine Reihe von Käufen durch Gemeinden, erleichtert durch neue Gesetze der schottischen Regierung. Mehr als 227.000 Hektar befinden sich jetzt in Gemeinschaftsbesitz, wobei die Regierung das Ziel hat, diese Zahl bis 2020 auf knapp eine halbe Million Hektar zu verdoppeln.

Zuletzt ging die Insel Ulva, die zu den Inneren Hebriden gehört, in diesem Jahr aus Privatbesitz in die Hände der Gemeinde über, für insgesamt 5,3 Millionen Euro. Sie hat nur noch sechs Einwohner (nach 570 in den 1840er-Jahren).

Wo Menschen auf kommunalem Land leben, zeigt sich bereits, dass eine andere Welt möglich ist.

Seit dem Buy-out ist die Bevölkerung von Eigg auf 105 gestiegen, ein Baby sollte in diesen Wochen kommen. Die Zahl der Besucher hat sich verdoppelt, Häuser wurden gebaut, der Bebauungsplan am neuen Pier sieht drei Gewerbe vor, darunter ein Shop und eine Teestube.

Und die Insel wird fast ausschließlich durch erneuerbare Energien versorgt.

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Die Insel Ulva ging 2018 aus Privatbesitz in die Hände der Gemeinde über, für insgesamt 5,3 Millionen Euro

Fyffe, Generalsekretärin des Isle of Eigg Heritage Trusts, weiß um die harte Arbeit, die Demokratie auf solch niedriger Ebene mit sich bringt. Die Spannungen, die auftreten, sind gut dokumentiert. Doch Konflikte gehören zu Gemeinschaften, und Fyffe hätte es nicht anders gewollt.

Fyffes Tochter, die wie viele andere ihrer Generation die Insel verlassen hatte, ist inzwischen zurückgekehrt: weil sie “gesehen hat, dass sich was tut“ und weil ihrem Nachwuchs eine Kindheit wünscht, wie sie sie hatte.

Entprivatisierung bringt Wohnungen und Arbeitsplätze

Derartige Geschichten gibt es überall in Schottland. Barney Higgins, 32 Jahre alt, zog vor fünf Jahren von Glasgow auf die Insel Gigha vor Schottlands Westküste.

Maßgebend für die Entscheidung war, dass Gigha gemeinschaftlich geleitet wird – hier spielten nicht nur ideologische Gründe eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass sowohl seine Arbeit in Achamore Gardens als auch seine Mietwohnung durch den Kauf entstanden waren.

Higgins engagiert sich stark für die Belange der Insel, angefangen bei seinem Sitz im Verwaltungsrat des Gigha Heritage Trust, der die Insel im Jahr 2002 gekauft hat, bis hin zur Freiwilligenarbeit in der Teestube.

“Es ist ein blühender, wachsender, sich entwickelnder und herausforderner kleiner Ort“, sagt er der HuffPost. “Ich bezweifle, dass das ohne die neue Vision des Gemeinschaftseigentums klappen könnte.“

Ein Bevölkerungswachstum, wie es auf diesen Inseln stattfindet, wünschen sich viele Gemeinden auf dem Festland. Nach einem Bericht von 2018 über dünn besiedelte Gebiete in Schottland leben auf der Hälfte des Landes gerade mal 2,6 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl wird bis 2050 noch um fast ein Drittel sinken, wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt.

In Sutherland, einer Region im Norden des schottischen Festlandes, liegen beispielsweise drei Viertel des Landes in den Händen von 81 Familien, pro 1800 728 Hektar ist nur eine Person beschäftigt.

“Was diese Gebiete brauchen, sind junge Menschen, Familien“, sagt David Cameron, Direktor der Organisation Community Land Scotland. “Es muss Arbeit und Wohnungsmöglichkeiten geben, damit Familien kommen.”

Wenn Land aus privaten Händen freikomme, bringe das die dringend benötigten Wohnungen und Arbeitsplätze, sagt Cameron.

Im Juni 2018 wurde die 1214 Hektar große Ansiedlung West Helmsdale Croftings in East Sutherland von der Gemeinde gekauft. Das führte zur Schaffung des ersten Arbeitsplatzes in der Gegend seit einem Jahrhundert: in Form eines für Entwicklung zuständigen Teilzeitbeamten. Die Gemeinde sagt, das sei erst der Anfang.

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Der Gigha Heritage Trust kaufte die Insel im Jahr 2002.

Andy Wightman, Mitglied des schottischen Parlaments für Lothian in den schottischen Lowlands, hat den Großteil seines Lebens den Fragen der Landreform gewidmet. Er ist begeistert von Community Buy-outs. Dass sie notwendig sind, weise allerdings auf noch tiefere strukturelle Probleme hin.

“Wenn unsere örtliche Polizei es nicht schafft, Kriminellen zu fassen, sollen wir ja auch nicht ihre Leitung übernehmen“, sagt er. “Warum versagt unser Landsystem? Warum kam es so weit, dass es die einzige Option ist, das Land selbst zu besitzen?“

Er hält Steuerreformen für dringend notwendig, um die Steuerbefreiungen der großen schottischen Landbesitzbetriebe beenden. Das könnte dazu führen, dass das Land aufgeteilt und in kleineren Parzellen verkauft wird.

Das sei wirtschaftlicher; Land wäre einfacher zu erwerben. Und wie es Cameron von Community Land Scotland es formuliert: 

Warum müssen Menschen so viel Land besitzen, wenn sie mit dem größten Teil davon nichts anfangen?“

Rückkehr zu einer alten Ordnung

Solch tiefgreifende Veränderungen erfordern “politischen Mut“, räumt Wightman ein. Und doch sind die Ziele nicht so radikal wie sie zunächst erscheinen mögen.

► Ende des 16. Jahrhunderts befand sich noch etwa die Hälfte Schottlands in gemeinschaftlichem Besitz.

“Oft wird irrtümlich angenommen, dies sei etwas Neues. Tatsächlich handelt es sich bei gemeinsamem Besitz von Land um eine sehr, sehr alte Sache“, sagt Wightman.

Wir versuchen lediglich, eine ältere, normalere Ordnung der Dinge wiederherzustellen, statt eine neue Ordnung zu schaffen, in der privater Landbesitz die Norm ist.“

Zurück auf Eigg sagt Fyffe, dass sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine wichtige Veränderung erlebt habe. “Vor 20 Jahren hat es lange gedauert, bis die Leute angefangen haben, ‘wir’ zu sagen statt ‘sie’“, erzählt sie der HuffPost.

“Es war klar, dass wir Eigentümer hatten. Und ‘sie’ taten dies oder ‘sie’ taten das. Es dauerte ganz schön lange, bis es zu ‘wir tun dies und wir könnten das tun’ wurde.“

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(amr)