LIFE
23/10/2018 11:23 CEST

Schlimmstes Vorstellungsgespräch meines Lebens: "Frauen sind kompliziert"

Misogynie, Fragen nach meinem Privatleben, Unhöflichkeit: das alles hat mir ein Personaler angetan.

DragonImages via Getty Images
Ein Vorstellungsgespräch (Symbolbild)

Nein, das ist kein Clickbait. Ich hatte wirklich ein komplett surreales Vorstellungsgespräch mit einem indiskreten, misogynen und respektlosen Personaler. 

Ich weiß nicht, ob der Personaler einen Sonnenstich hatte, ob er mich absichtlich provoziert hat, um meine Reaktionen zu testen oder ob er einfach einen “Ich-Boss-du-nix”-Wahn hatte.

“Ich bin nicht in Flip-Flops und Shorts gekommen”

So oder so verhielt er sich sehr unprofessionell. Ich werde nicht jedes einzelne Detail erzählen, weil es schon zu lange her ist und mein Hirn bereits einige Szenen gelöscht hat, aber ein paar Beispiele werden euch schon einen Eindruck davon vermitteln, wie dieses Bewerbungsgespräch abgelaufen ist.

Schon ein nach ein paar Minuten warf er mir vor, unprofessionell und überhaupt nicht gestresst zu sein. Es war das erste Mal, dass mir das jemand gesagt hat. Diese beiden Eigenschaften passen nämlich überhaupt nicht zu mir. Und nein, ich bin nicht in Flip-Flops und Shorts gekommen, nur ohne Lebenslauf (den ich vorher geschickt hatte) und ohne Portfolio.

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Das mit dem Lebenslauf kann ich noch ein wenig nachvollziehen. Ich hätte ihn drucken können, ich habe einen Drucker zu Hause, aber ich habe es absichtlich nicht gemacht.

Das mit dem Portfolio verstehe ich schon weniger. Ich habe keinen künstlerischen Beruf, ich weiß wirklich nicht, was ich in ein Portfolio aufnehmen sollte. Und die Vorwürfe hörten damit nicht auf.

Seit wann vergleicht man einen Bewerber denn mit einem anderen?

Mehrmals während der Vorstellungsgespräch kam er mir mit: “Ich habe den Eindruck, dass du mit den Händen in der Hosentasche gekommen bist” und anderen ähnlichen Witzen – insgesamt sagte er sowas ungefähr fünf Mal, glaube ich.

Er verglich mich sogar mit einer anderen Bewerberin und sagte: “Wir konnten sehen, dass sie bereit wäre, alles für den Job zu tun und große Risiken einzugehen. Es war sogar ein wenig zu viel, aber man hat gemerkt, dass sie den Job wollte.”

Seit wann vergleicht man einen Bewerber denn mit einem anderen?

Ich habe zugegeben, dass ich mich nicht so aufgespielt hatte, wie die andere Bewerberin, dass ich bereits eine Stelle hatte und dass ich keine finanziellen Schwierigkeiten hätte, wenn ich den Job nicht bekäme, aber das heißt ja nicht, dass ich kein Interesse hatte, ganz im Gegenteil!

Ich erklärte, dass ich zum Glück nicht in einer einer heiklen Situation war, dass ich nicht versuchte, meinem alten Job zu entfliehen, sondern dass ich nur nach einem Job suchte, der besser zu mir passte, und dass ich nicht aus Not, sondern aus freien Stücken da war.

“Bitte, mein Herr, geben Sie mir diesen Job, ich flehe Sie an”

Hat ihn das beruhigt? Nein. Er sagte mir, dass sein Chef im Büro nebenan sei, dass er uns vielleicht hören könne und dass es merkwürdig sei, dass ich nicht motivierter bin.

Hätte ich etwa schreien sollen “Bitte, mein Herr, geben Sie mir diesen Job, ich flehe Sie an”, damit die ganze Firma meine Verzweiflungsschreie hört? Es wohl scheint so.

Nach ein paar klassischen Fragen wurde er dann plötzlich frauenfeindlich. Er informierte mich, dass die Leitung des Teams, dem ich beitreten wollte, eine Frau sei und fragte mich, was ich davon halte.

Da ich nicht so denke und es keine Frage ist, die ich mir selbst stellen würde, ist mir das einfach nicht wichtig.

Er betonte aber, dass “die Frauen-Frauen-Management-Situation komplizierter ist. Zwischen zwei Frauen gibt es mehr Dinge zu klären. Zwischen uns Typen ist es ehrlicher, wir erzählen uns gegenseitig Dinge.“

“Du bist als Touristin gekommen”

Alles klar. Da ich sicherstellen wollte, dass niemand gleich aus einem Schrank stürmt und schreit ”Überraaaaaaaaschung, versteckte Kameraaaaaaaa”, bekräftigte ich mein Desinteresse am Geschlecht meines potentiellen Vorgesetzten.

Dann warf er mir vor: “Du bist als Touristin gekommen”.

Da ich diesen Unsinn seit fast einer Stunde ertragen hatte, änderte ich meinen Tonfall und fragte ihn: “Ich verstehe nicht. Sie denken, ich sei unvorbereitet, weil ich den Unterschied zwischen einem männlichen und einem weiblichen Manager nicht anerkenne?“

Anscheinend tat er das nicht, denn er kam zum 895.266. Mal auf den fehlenden Lebenslauf Fall zurück. Diesmal sagte er mir, dass es ihm nichts ausmache, aber dass es seiner Kollegin (der weiblichen Führungskraft, die ja zwangsläufig ballaballa sein muss) wahrscheinlich nicht gefallen würde. Sie sei eine Französin der alten Schule. Am Rande merkte er an, dass er sich über mich ärgerte.

Und wenn sich jemand während des Interviews schlecht benommen hat, dann war es wohl er. Der Typ stand einfach da und lehnte sich mehrere Minuten gegen ein Fenster. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach das Gleiche tun sollen, haha.

Verbotene Fragen

Er fragte mich auch, in welcher Art von Wohnung ich lebe und mit wem, was mir ebenso unangebracht erschien. Und er stellte Mutmaßungen über mein Privatleben an. Ab jetzt kann man, glaube ich, von einem illegalen Bewerbungsgespräch reden.

Als er mich am Ende des Interviews fragte, ob ich glaubte, dass wir uns wieder sehen würden, sagte ich: “Nein. Nein, ich glaube nicht”, und natürlich tat er auf blöd (aber ich sah, dass er wirklich überrascht war) und fragte sich, warum ich das dachte.

Also erklärte ich: “Ich glaube, dass Sie mich nicht wieder kontaktieren werden, um mir positive Rückmeldung zu geben und deshalb werden wir uns nicht wieder sehen”.

Ich weiß, sowas sagt man nicht, aber an diesem Punkt wollte ich nicht mehr mitspielen und ich wusste auch auch nach einer halben Stunde, dass ich dort nicht arbeiten möchte.

Er wollte wissen, warum, und ich sagte ihm, dass ich an seiner Stelle einen Bewerber, den ich für desinteressiert und unmotiviert halte, nicht einstellen würde

Nach einem letzten Höflichkeitsblabla, in dem er mir eröffnete, dass er seine Entscheidung bezüglich des Bewerbungsgesprächs noch nicht getroffen hatte, brachte er mich zu Tür und sagte: “Auf Wiedersehen, bis bald”, worauf ich nur “Auf Wiedersehen” antwortete. 

Und das war’s dann mit dem Vorstellungsgespräch. Ihr fragt euch, warum ich mir diesen Mist eine Stunde lang angetan haben? Das weiß ich auch nicht. 

Er stellte zwischen beiden Entgleisungen einige normale Fragen und die Stelle interessierte mich. Aber wenn ihr denkt, dass ich lange vor dem Ende hätte aufstehen und gehen sollen, stimme ich euch auch zu.

Falls noch Zweifel bestehen: Ich habe trotz seiner Versprechungen nie eine Rückmeldung bekommen und habe auch selbst nie versucht, eine zu bekommen, weil ich mich nie bei ihm bedankt oder nochmal nachgehakt habe.

Zum Glück war der Großteil der Bewerbungsgespräche, die ich in meinem Leben hatte, tausend Mal besser. 

Hattet ihr schon mal ein komisches Bewerbungsgespräch?

Dieser Blog erschien zuerst beim Blog “Distrayante” und in der französischen HuffPost. Er wurde von Moritz Diethelm aus dem Französischen übersetzt. 

(ujo)