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11/04/2018 18:49 CEST | Aktualisiert 11/04/2018 20:37 CEST

Preis für "Schlimmstes Tierexperiment des Jahres" geht nach Berlin

Die Versuche sind unnötig, grausam und durch Steuern finanziert.

  • Der Verein ”Ärzte gegen Tierversuche” hat dieses Jahr erstmals einen Preis für das schlimmste Tierexperiment vergeben
  • Der Gewinner: das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin
  • Im Video oben zeigt eine Künstlerin in einem Selbstexperiment, wie grausam Tiere als Versuchsobjekte für Kosmetik benutzt werden

Am Dienstag hat der Verein ”Ärzte gegen Tierversuche” den Gewinner eines Preises bekannt gegeben, den sich wohl niemand auf den Kamin stellen möchte: “Schlimmstes Tierexperiment des Jahres.” 

Im Internet schlug die Vereinigung laut eigenen Angaben fünf unnütze, grausame Experimente vor, dann konnte anonym an der Umfrage teilgenommen werden. 

Der Gewinner kommt aus Berlin

Der Gewinner, das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, wollte herausfinden, wie Nacktmulle ohne Sauerstoff überleben können.

► Dabei wurden Mäuse und Nacktmulle in einer kleinen Kammer, die nur fünf Prozent Sauerstoff enthielt, eingesperrt. Die Luft enthält sonst 21 Prozent Sauerstoff.

Die Mäuse starben nach fünf Minuten, die Nacktmulle kämpften fünf Stunden lang um ihr Überleben. Gleiches geschah, als die Forscher Kohlenstoffdioxid in die Kammer einleiteten. Bei einem 80-prozentigen Anteil von Kohlenstoffdioxid  starben die Mäuse, doch auch das mussten die Nacktmulle ganze fünf Stunden lang aushalten. 

Experimente mit null Prozent Sauerstoff wurden ebenfalls durchgeführt. Nach 45 Sekunden starben die Mäuse, nach 30 Minuten auch die Nackmulle. 

Viele Mäuse und Mulle wurden geköpft, um ihre Organe zu untersuchen. 

Das Experiment setzte sich mit 48,3 Prozent der Stimmen gegenüber den anderen durch. 

Die anderen Kanditaten

► Wissenschaftler der Fakultät für Ernährungswissenschaften der Universität Jena verabreichten Mäusen Bier und Schnaps, um den Effekt auf die Leber zu testen. Mäuse erhielten zwangsweise (vermutlich durch eine Sonde) reinen Alkohol (Ethanol), Bier mit Hopfen, Bier ohne Hopfen oder Maltodextrin, eine Stärkelösung. Die Tiere werden anschließend zwei oder zwölf Stunden später getötet, wann genau, erwähnt die Studie nicht. 

► Forscher der Institut für Entwicklungsbiologie und Neurobiologie and der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz schnitten Fruchtfliegen die Flügel ab und setzte sie Vibrationen aus, um Depression zu erforschen. 

► Ebenfalls an der Universität Mainz, dem Zentrum für Kardiologie, wurde untersucht, wie sich Fluglärm auf Mäuse auswirkt. Durch einen Lautsprecher wurde eine zweistündige Aufzeichnung mit dem Lärm von 69 Flugzeugen in Dauerschleife abgespielt. Sie waren dabei in unregelmäßigen Abständen zu hören mit ruhigen Perioden dazwischen, um eine Gewöhnung zu verhindern.

► Und besonders grausam: Am amYmed, dem Innovationszentrum für Biochemie in Martinsried, wurde Blutvergiftung an Mäusen erforscht. Um eine Sepsis (Blutvergiftung) auszulösen, wurde den Mäusen unter Betäubung der Blinddarm zwei Mal mit einer Nadel durchstochen. Dadurch gelangte Darminhalt in die Bauchhöhle, dies verursacht eine äußerst schmerzhafte Bauchfellentzündung. Bevor sie getötet wurden, mussten die Mäuse sechs Tage lang in diesem Zustand verbleiben. 

Die genauen Details findet man auf der Website der Initiative. 

Tierversuche oft unnötig und durch Steuern finanziert

“Angeblich werden Tierversuche durchgeführt, um kranken Menschen zu helfen. Die Öffentlichkeit wird regelmäßig mit solchen Behauptungen getäuscht”, sagt Corina Gericke, Vorstandsmitglied von Ärzte gegen Tierversuche. “In Wahrheit ist der angebliche Nutzen von Tierversuchen nur vorgeschoben.”

Wie weitreichend diese unnötigen Experimente sind, zeigt eine Datenbank, die der Verein seit 30 Jahren betreibt. Über 4.700 Beschreibungen solcher Experimente sind dort aufgelistet. 

“Trotz gegenteiliger Behauptungen von Seiten der Industrie und der Hochschulen ist tierexperimentelle Forschung in Deutschland weitgehend geheim”, heißt es dazu auf der Seite. 

Der größte Teil der Tierversuche werde mit Steuergeldern finanziert, es gäbe aber keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber. Die Einträge in der Datenbank sind meist aus dem Bereich Grundlagen- und Medizinforschung. Aus der pharmazeutischen und chemischen Industrie ist weitaus weniger bekannt, da dort oft Betriebsgeheimnis herrscht.

Fast drei Millionen Tierversuche

Das Ministierium für Ernährung und Landwirtschaft legte im vergangenen Jahr Zahlen vor, die belegen, dass 2.854.586 Tiere 2016 in deutschen Tierversuchslaboren litten und (größtenteils) starben.

Davon wurden 57.813 Tiere aus den Vorjahren erneut und 2.796.773 Tiere erstmals verwendet.  

Die meist “genutzten” Tiere waren Mäuse (1.992.749 bzw. 80,4 %), Ratten (317.357 bzw. 11,1 %) und Fische (310.637 bzw. 10,9 %). Aber auch Kaninchen (99.084, 3,5%), Katzen (766), Hunde (3.977), Meerschweinchen (14.760), Schweine (17.434) und Tiere vieler anderer Arten mussten herhalten. 

(ll)