POLITIK
10/02/2018 16:54 CET | Aktualisiert 10/02/2018 21:32 CET

“Schlangengrube”: Martin Schulz’ Schwester rechnet mit SPD-Führung ab

Doris Harst deutet an, dass die SPD-Spitze nicht nur Schulz loswerden wollte.

dpa / HuffPost
Doris Harst (links), die Schwester von Martin Schulz (rechts)
  • Martin Schulz’ Schwester glaubt, ihr Bruder sei von der SPD “belogen und betrogen worden”
  • Außerdem verbreitet sie die Theorie, dass auch Gabriel Opfer einer Intrige wurde

Die Schwester des SPD-Politikers Martin Schulz, Doris Harst, macht der Parteispitze der Sozialdemokraten schwere Vorwürfe. Viel von dem, was sie sagt, klingt nach Bitterkeit. Nach Mitgefühl einer Vertrauten. Ein Satz allerdings lässt aufhorchen.

“Andrea Nahles, Olaf Scholz und andere machen ihn zum Sündenbock für alles“, sagte Harst der “Welt am Sonntag” (“Wams”)

Harst ist seit Jahrzehnten SPD-Mitglied

Harst, die ältere Schwester des scheidenden SPD-Chefs und laut “Wams” seit Jahrzehnten in der Partei, hatte sich im Wahlkampf öffentlich hinter ihren Bruder gestellt

► “Unser Bruder ist ein Kämpfer, den schon mancher unterschätzt hat”, sagte sie. Schulz hat außerdem noch einen Bruder, Walter.

Harst hatte im Wahlkampf gesagt, dass sie sich manchmal um den “Menschen Martin” sorge, weil er so viel Stress habe.

Das, was Martin Schulz nun erlebt, dürfte allerdings noch viel schwerer wegzustecken sein als der Trubel im Wahlkampf. Denn Schulz war innerhalb kürzester Zeit vom gefeierten Helden zum viel kritisierten Mann geworden.

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Die SPD hat Druck gemacht

► Was auch immer in der Partei gelaufen sein mag – unschuldig war Schulz an seinem Abstieg nicht.

Der mehrmalige Wortbruch – keine GroKo, doch Groko, kein Ministeramt, doch Ministeramt, dann wieder kein Ministeramt – hat seine Reputation in der Partei und in der Öffentlichkeit schwer beschädigt.

Was bekannt ist: Die SPD, und nicht nur deren Führung, hatte zuletzt mächtig Druck gemacht auf Schulz.

Wie die “Süddeutsche Zeitung” berichtete, machte die Partei ihm am Donnerstag klar, dass er entweder von sich aus verzichten solle – oder man ihn öffentlich dazu auffordern werde.

► Doch freiwillig wollte Schulz lange offenbar nicht aufgeben.

Medienberichten nach telefonierte Schulz noch am Freitagmittag von seiner Heimatstadt Würselen aus herum, um zu sehen, ob sich nicht doch noch jemand hinter ihn stellen wolle. Die Bundestags-Fraktionschefin und designierte Parteichefin Andrea Nahles etwa.

Doch offenbar war niemand dazu bereit.

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
Martin Schulz' Schwester Doris Harst

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Nahles lobte Schulz für seine “menschliche Größe” 

Öffentlich dagegen lobten die von Harst so sehr Kritisierten Schulz. So, wie es der gute Stil auch fordert.

► “Die Entscheidung von Martin Schulz verdient höchsten Respekt und Anerkennung. (...) Wir alle wissen daher, wie schwer ihm diese Entscheidung nun gefallen ist, sich persönlich zurück zu nehmen. Das zeugt von beachtlicher menschlicher Größe”, sagte Nahles.

► “Er wollte sicherstellen, dass es strikt um die Sache geht, nämlich um den Koalitionsvertrag. Der ist gut für den Zusammenhalt in unserem Land, weil die SPD viel für die Bürgerinnen und Bürger erreicht hat”, sagte, etwas zurückhaltender, Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz, der Finanzminister werden soll.

“Mir wird übel”

Besonders heftig attackiert Harst SPD-Vize Ralf Stegner und Juso-Chef Kevin Kühnert. Beide hatten sich offen gegen Schulz gestellt.

► “Der Schritt war unausweichlich”, hatte Stegner über Schulz’ Rückzug gesagt.

► “Habe meine #NoGroko-Tour soeben in Pirna begonnen. Drei Stunden Gespräche mit Initiativen und (Nicht-)Mitgliedern über Arbeit, Rente, Infrastruktur, Integration, Rechtsruck und #spderneuern. Jetzt weiter nach Leipzig. Politischer Karneval in Berlin ist weit weg”, hatte Kühnert am Freitag getwittert. 

“Mir wird übel, wenn ich höre, wie Herr Stegner sich äußert und wenn Juso-Chef Kühnert sagt, ‘nachdem die Personalie Schulz vom Tisch ist ...’”, schimpfte Harst.

Das zeige, dass ihr Bruder “nur belogen und betrogen“ worden sei. Ihr Bruder habe die “Schlangengrube in Berlin” völlig unterschätzt. Nach seiner Zeit als Spitzenpolitiker in Brüssel und Straßburg sei das nichts für ihn.

Tatsächlich hatten auch Beobachter aus der Presse vermutete, dass Schulz die politischen Intrigen in Berlin unterschätzt haben könnte. In der EU sei es doch eher mehr um Sachfragen als um Personalien gegangen.

“Gabriel in ihrem Sinne abserviert”

Und dann sagte Harst noch einen Satz, der über das hinausgeht, was die Schwester eines Gebeutelten sagt. Und zwar: “Dabei könnten sie Martin dankbar sein, nicht nur, weil er in ihrem Sinne Sigmar Gabriel abserviert hat.“

Es ist kein Geheimnis, dass Nahles und Gabriel nicht besonders gut miteinander können. Und dass nicht alle in der SPD den einst so umstrittenen Gabriel lieben gelernt haben, nachdem er Außenminister wurde.

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Aber so, wie es Harst sagt, klingt es, als hätte es eine Intrige gegen Gabriel gegeben. Dann wäre Schulz’ Griff nach dem Außenamt kein letzter Versuch gewesen, sein politisches Lebenswerk, seine Karriere zu retten.

► Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht zu sagen, was an Harsts Vorwurf dran ist. Aber es würde erklären, wie sie auf den Begriff “Schlangengrube” kam. 

(mf)