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15/03/2018 10:48 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:26 CET

Schlaganfall mit 22: So kämpfte ich mich zurück ins Leben

Menschen haben mich behandelt, wie als wäre ich zurückgeblieben.

Instagram / Andrea Tzelepides
Wie ich den Kampf der Sprachlosigkeit besiegte (Symbolbild)

Viele junge Menschen gehen davon aus, dass sie keinen Schlaganfall bekommen. Dass sie viel zu jung für so etwas sind. Auch ich ging davon aus – bis ich einen hatte. Mit nur 22 Jahren. Im Sommer 2017.

Daheim machte ich ein Boxtraining. Auf Youtube schaute ich mir Übungen an und machte sie nach. Ich wollte Sport treiben, ohne dafür rausgehen zu müssen. Natürlich hatte ich keine Ahnung vom Boxen, wollte es aber unbedingt ausprobieren.

Nach dem Training spürte ich, dass mein Hinterkopf schmerzte. Allerdings kam ich nicht darauf, dass die Schmerzen vom Boxtraining stammen könnten. Ich ging von normalen Kopfschmerzen aus und lief eine Woche lang mit meinen Beschwerden herum, bis ich es nicht mehr aushielt.

Ich suchte einen Neurologen auf, der ein MRT machte. Nach der Untersuchung sagte er mir nur, dass er einen kleinen Punkt an meinem Gehirn gefunden hatte, der aber nicht weiter schlimm sei. Eine ordentliche Erklärung für meine Symptome gab er mir nicht.

“Bin ich jetzt behindert?”

Als ich wenige Tage später in der Universität war und in einer Vorlesung saß, merkte ich plötzlich, dass ich kein Gefühl mehr hatte: Weder im linken Arm, noch auf der linken Gesichtshälfte. Ich wollte sprechen, doch nichts passierte. Ich wusste nicht, was genau mit mir passierte.

Ironisch dachte ich noch: “Mensch Andrea, jetzt rede doch. Bin ich jetzt behindert? Sag doch was.” Ich war in dem Moment sauer auf mich selbst.

Meine Freunde bemerkten, dass mit mir etwas nicht stimmte. Sie begleiteten mich zu meinem Auto. Von dort aus versuchte ich, meine Mama anzurufen. Aber ich konnte einfach nicht mehr sprechen.

Es kamen nur noch unverständliche Fetzen heraus. Ich bekam Panik. Ab dem Moment war für meine Freunde klar, dass ich einen Schlaganfall hatte. Sie riefen den Notarzt. Ich selbst nahm alles nur wie in einem Film wahr – verschwommen und vernebelt.

Im Krankenhaus stand ich unter Schock

Im Krankenhaus wurde ich ruhiger. Alle Ärzte und Krankenschwestern redeten mir gut zu und beruhigten mich. Auch wenn ich klar im Kopf war, hatte ich das Gefühl, dass ich in den ersten zwei Tagen dort nicht ganz registrierte, was passiert war. Ich nahm meine Situation einfach hin.

Zwei Wochen verbrachte ich im Krankenhaus, jeden Tag hatte ich Sprachtherapie. Allerdings waren da erst nur einzelne Laute, die ich aussprechen musste. Und nicht einmal das ging.

Ich konnte weder sprechen, noch schreiben oder gar lesen. Buchstaben hatten sich wie in einer Buchstabensuppe durcheinander gemischt – Wörter ergaben in meinem Kopf keinen Sinn mehr.

“Mama” war mein erstes Wort nach dem Schlaganfall

In der dritten Woche wurde ich auf Reha geschickt. Erst dort – vier Wochen nach meinem Schlaganfall – lernte ich mein erstes Wort. Es war “Mama”. Die Laute waren die leichtesten. Ich hatte schlimme Probleme mit Konsonanten wie “P” oder “K”. Die waren echt schwer.

Nach vier Therapiewochen in der Reha konnte ich gerade einmal einzelne Wörter und Laute, aber keine Sätze bilden. Die Situation war frustrierend. Drei Monate brauchte ich, bis ich ansatzweise alle Wörter aussprechen konnte – aber alles sehr monoton und langsam.

Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauern würde, bis ich meine Sprache wiederfinden würde. Ich musste sie neu erlernen. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Sprache für immer verlieren könnte.

Mehr zum Thema: Millionen Deutsche sind einsam – das sind die beunruhigenden Folgen

In dieser Situation fühlte ich mich extrem einsam

Ab dem ersten Moment, als ich nicht mehr auf Fragen anderer antworten konnte, fühlte ich mich einsam. Richtig schlimm wurde es, als ich allein im Krankenhaus war.

Ich konnte nicht schreiben, konnte den Ärzten also nicht mal durch Nachrichten mitteilen, was ich brauchte. Ich versuchte mich durch meine Mimik auszudrücken. Das war wirklich hart. Aber eine Szene blieb mir besonders in Erinnerung:

In der Reha aß man zusammen mit anderen Menschen am Tisch. Da ich ab der vierten Woche wieder ein bisschen schreiben konnte, habe ich den Leuten per Handynotiz erklärt: “Ich bin Andrea, hatte einen Schlaganfall und kann daher nicht reden.”

Aber sie nahmen das nicht ernst, antworteten mir – als wäre ich zurückgeblieben. Sie registrierten nicht, dass ich Andrea bin, dass ich noch intelligent bin und denken kann, dass ich denselben Stellenwert habe wie sie auch. Das war das Allerschlimmste, das hat mich wirklich verletzt.

Was ich gegen meine Isoliertheit unternommen habe

Meine Lösung gegen Isolation: die Natur. Als ich in der Therapie war, dachte ich mir: Menschen und soziale Kontakte kann ich derzeit vergessen.

Jeder drängte mich, ich solle mehr und mehr reden. Das war anstrengend.

In der Natur war das anders: Sie muss nicht reden, um zu wirken. Sie kann auch ohne Sprache etwas aussagen oder zurückgeben. Das hat mir sehr geholfen. Ich wusste, wenn ich dort bin, dann ist dort niemand, der mich auffordert zu sprechen.

Wie ich jetzt mit meinem Schlaganfall umgehe

Mein Schlaganfall ist inzwischen knapp ein Jahr her, meine Sprachlosigkeit ist inzwischen fast verschwunden. Komplexe Wörter fallen mir noch etwas schwer und manchmal rede ich etwas langsamer als andere.

Es war eine grausame Zeit. Aber ich sehe meinen Schlaganfall mittlerweile auch als positiv.

Ich habe viel daraus gelernt, bin daran gewachsen. Und mehr noch: Wenn man selbst einmal die Sprache verloren hat, fällt einem erst auf, wie viel unüberlegten Mist andere von sich geben.

Allein diese Tatsache empfinde ich als kostbar.