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28/03/2018 17:46 CEST | Aktualisiert 29/03/2018 09:14 CEST

Scheidungspartys: Ein Soziologe erklärt, was hinter dem Trend steckt

"Scheidungen werden nicht mehr als Versagen betrachtet, sondern als positive Veränderung.”

  • Scheidungspartys werden in Deutschland immer mehr zum Trend
  • Ein Soziologe erklärt in der HuffPost, welche kulturellen Veränderungen dafür verantwortlich sind

Drei junge Frauen posieren für ein Foto. Eine trägt ein tief ausgeschnittenes schwarzes Top und eine goldene Glitzerhose, eine andere ein kleines Schwarzes. In der Mitte steht eine junge Frau mit Schärpe: “Just Divorced” steht darauf. Sie strahlt bis über beide Ohren.

Bilder wie diese finden sich auf der Foto-Plattform Instagram zu Hauf. Bilder, die signalisieren: “Ich bin frisch geschieden und es ist ein Grund zum Feiern.” Über 23.000 Beiträge aus aller Welt tragen den Hashtag “divorceparty”.

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Und auch in Deutschland sind Partys, deren Anlass ein Ehe-Aus ist, im Trend, wie Partyplaner aufgrund der immer größer werdenden Nachfrage feststellen. Diese Zunahme sind jedoch noch nicht nur ein Zeichen für die Feierlust der Menschen – sie zeigt auch, dass sich unsere Gesellschaft wandelt. Und dass Individualität mehr denn je im Vordergrund steht.  

Eine Scheidung zum Anlass für ein Fest zu nehmen, war vor einigen Jahren noch undenkbar. Scheidung war schließlich nicht zuletzt durch die christliche Kirche in unseren Kulturkreisen lange verpönt. 

Erst im Jahr 1938 trat das Ehegesetz des Deutschen Reiches in Kraft. Seitdem ist Scheidung in Deutschland erlaubt.

Mittlerweile wird in Deutschland jede dritte Ehe geschieden – Scheidungen gehören zum Alltag.

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“Scheidung ist nicht mehr mit einem Stigma verbunden”, bestätigt die amerikanische Scheidungsplanerin Christine Gallagher der HuffPost. “Es wird nicht mehr als Versagen betrachtet, sondern in vielen Fällen als eine positive Veränderung.”

Seit fast 20 Jahren richtet Gallagher Scheidungspartys aus. Sie gilt als Pionierin des Trends und hat sogar ein Buch darüber geschrieben: ”The Divorce Party Handbook″.

“Die meisten großen Ereignisse im Leben sind an Feste geknüpft – Geburten, Schulabschlüsse, Hochzeiten, Beerdigungen – wieso also nicht auch die Scheidung?”, sagt die Kalifornierin.

Die Scheidung gebührend feiern

Auch die Münchner Eventplanerin Susanne Brunner organisiert jeden Monat mehrere Scheidungspartys. Allein 2017 hat sie 38 Events dieser Art ausgerichtet.

Früher war ihre Firma Herzevents auf Kindergeburtstage spezialisiert. Doch mittlerweile liegt der Fokus auf den Festen, die das Ehe-Aus zelebrieren. Den Anfang machte Brunner 2004 – als sich ihre beste Freundin scheiden ließ.

“Ich habe das zunächst im Spaß vorgeschlagen. Damals waren Scheidungspartys in Deutschland noch gar nicht im Gespräch”, sagt die Münchnerin der HuffPost.

Doch ihre Freundin sei von der Idee begeistert gewesen. Und die Nachricht von der unkonventionellen Feier habe sich schnell im Bekanntenkreis herumgesprochen. Und so erhielt sie immer mehr Anfragen von Frauen, die ihre Scheidung feiern wollten.

“Eine Scheidung setzt einem Menschenherz meist negativ zu”, sagt Brunner. “Wir wollen den Menschen helfen, das Beste daraus zu machen – nämlich einen Neuanfang zu feiern.”

Das sind die Vorteile einer Scheidungsparty

Tatsächlich haben Scheidungspartys psychologisch betrachtet, einige Vorteile:

“Eine Scheidung zu feiern, kann ein wichtiges Symbol für Geschiedene sein”, sagt Paartherapeut Stefan Woinoff der HuffPost.

Eine Scheidungsparty sei ein Zeichen dafür, dass der Geschiedene das Leben wieder leben, lieben und genießen wolle. “Sei es ein neuer Lebensabschnitt, eine neue Partnerschaft oder einfach nur eine neue Freiheit.”

Zudem könne “eine Party zu diesem Anlass allen Menschen, die einem in der vorangegangenen, manchmal sehr schweren Zeit, beigestanden haben, gewidmet sein.” Als Dankes-Party sozusagen.

In anderen Kulturen sind Scheidungsfeste längst Brauch

Trotzdem sorgen Scheidungspartys manchmal noch für ein Stirnrunzeln, gibt Susanne Brunner zu. Zumindest im christlich geprägten Europa. Denn: In anderen Kulturen werde nicht streng differenziert zwischen dem Anfang und dem Ende einer Beziehung, sagt Thorsten Benkel, Soziologe an der Universität Passau, gegenüber HuffPost.

Im afrikanischen Mauretanien, einem muslimisch geprägten Land, gehören Scheidungspartys schon lange zum Brauchtum. Und auch im Judentum sind Scheidungszeremonien seit Jahrtausenden Tradition. Bei der “get” überreicht der Mann der Frau im Beisein eines Rabbis feierlich die Scheidungsurkunde. Danach kann sie wieder heiraten, ohne mit einem Stigma leben zu müssen.

“Aber wie sich an vielen Stellen steigt, werden Rituale eben immer neu erfunden und dem gesellschaftlichen Wandel angepasst”, sagt Benkel.

Scheidungspartys als neue Industrie

In den USA sind Scheidungspartys längst zu einem Event geworden. Mehr noch: Um sie rankt sich eine ganze Industrie. Online-Shops wie “Divorce Party Supplies” oder “Divorce Party Store” verkaufen Voodoo-Puppen, Buttons und Konfetti mit Schriftzügen wie “Free at last”.

Nicht wenige Menschen sind bereit, für ihre Scheidungsparty tief in die Tasche zu greifen. Eine von Gallaghers Kundinnen habe eine Gruppe von Freundinnen mit auf eine 4-tägige Kreuzfahrt entlang der amerikanischen Westküste bis nach Mexiko genommen.

Am Ende der Reise habe die Geschiedene ihren Ehering über Bord geworfen, “wie die alte Dame im Film Titanic”, erzählt Gallagher.

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Eine Geste, die Loslassen symbolisiert. Denn schließlich seien Scheidungen auch eine Rückkehr zur Eigenständigkeit, sagt Soziologe Thorsten Benkel der HuffPost.

Er sagt, dass sich der Scheidungsparty-Trend letztlich auch mit dem zunehmenden Fokus auf Individualität erklären lässt, der sich in den vergangenen Jahren immer stärker ausgeprägt hat.

“Früher wurden Ehepaare gewissermaßen als symbiotische Einheit verstanden. Es gab ein ‘Wir’, aber keine ausgedehnte Individualität mehr”, sagt Benkel.

Eine Auffassung, die dem Zeitgeist des personalisierten News-Feeds, Shoppings und Ernährungswahns ohnehin zu widersprechen scheint. Welchen Platz kann eine langjährige Partnerschaft, die ohne Flexibilität und Anpassung an die Bedürfnisse des Anderen nicht bestehen kann, in unserem zunehmend individualisierten Leben noch haben?

Eine Scheidungsparty ermögliche es, diesen Trend auf doppeldeutige Weise zu zelebrieren. “Sie sagt: ‘Wir sind wieder vereinzelt, ganz offiziell’”, meint Benkel.

Paartherapeut Stefan Woinoff sieht den Scheidungsparty-Trend auch als Produkt “der momentanen Event-Manie”.

“Jede ‘Statusänderung’ wird in Facebook gepostet, aber auch im richtigen Leben, sofern es eine wichtige Änderung ist, wird event-artig begangen”, sagt Woinoff der HuffPost.

Die Party sei also auch eine Art ”öffentlichkeitswirksames Mitteilungsgeschehen”, meint Thorsten Benkel, und signalisiere außerdem, dass der Geschiedene bereit ist, “das Ehe-Ende nicht (nur) zu bedauern, sondern es auch zu feiern.”

Ehemänner kommen und gehen

Und wenn schon, dann im großen Stil: Nicht selten organisieren Susanne Brunner und ihre zwei Mitarbeiter neben der Location auch ein Unterhaltungsprogramm. Vom Feuerschlucker bis zum Stripper sei alles schon dabei gewesen.

Am meisten in Erinnerung geblieben ist Brunner eine Scheidungsparty, bei der das frisch geschiedene Paar gemeinsam gefeiert hatte – ihren Kindern zu Liebe.

“Ich hätte nie gedacht, dass man sich derart im Guten trennen kann”, sagt sie. Das Paar hatte vier gemeinsame Kinder, die noch sehr jung waren. Die Eltern wollten ihrem Nachwuchs symbolisieren, dass sie noch immer eine Familie sind.

“Das war wirklich beeindruckend”, erinnert sich Brunner.

In den meisten Fällen seien die Gäste bei Scheidungspartys jedoch reine Frauengruppen, erzählt die Eventplanerin.

Gallagher beobachtet diesen Frauenzusammenhalt seit vielen Jahren: “Es herrscht ein richtiger Gemeinschaftssinn bei diesen Veranstaltungen.”

“Frauen tragen sich gegenseitig durch schwere Zeiten, das ist jedes Mal wieder inspirierend zu sehen”, sagt Gallagher.

Nicht zuletzt zeige sich auf Scheidungspartys: “Ehemänner kommen und gehen, aber wahre Freundinnen bleiben einem das ganze Leben.”

(ks)