POLITIK
08/11/2018 07:42 CET | Aktualisiert 09/11/2018 15:33 CET

Dunja Hayali fragt Chebli nach Judenhass bei Muslimen – die wird emotional

"Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch der Kampf der Muslime sein.”

  • In ihrer aktuellen Sendung hat ZDF-Moderatorin Dunja Hayali mit ihren Gästen über Antisemitismus diskutiert.
  • Auch SPD-Politikerin Sawsan Chebli sagte dem Antisemitismus den Kampf an. 
  • Im Video oben seht ihr Cheblis emotionalen Auftritt in der Sendung. 

Er ist wieder da. Oder war er nie weg? “Trotz aller Aufklärung und Aufarbeitung zeigt sich Antisemitismus auch heute noch”, hält Dunja Hayali zu Beginn ihres ZDF-Talks am Mittwochabend fest.

Erst vor zwei Wochen sind in einer Synagoge in Pittsburgh mehrere Menschen erschossen worden. Der rechtsextremistische Täter soll dabei geschrien haben: “Alle Juden müssen sterben.”

Doch auch in Deutschland sorgen antisemitische Straftaten immer wieder für Schlagzeilen.

Laut Innenministerium ist die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland von 2016 auf 2017 um rund drei Prozent gestiegen. In einer Statistik, die im Mai dieses Jahres vorgestellt wurde, sind 1504 solcher Straftaten erfasst. Zwischen Ende August und Ende September wurden 93 Vorfälle rassistischer, rechter und antisemitisch motivierter Übergriffe und Bedrohungen gezählt.

Die Gäste bei “Dunja Hayali”:

► Alon Meyer: Präsident des jüdischen Sportverbandes Makkabi Deutschland

► Sawsan Chebli: SPD-Politikerin und Berliner Staatssekretärin

► Oliver Polak: Jüdischer Autor und Comedian

► Jens-Jürgen Ventzki: Sohn eines NS-Täters

► Natan Grossmann: Holocaust-Überlebender

Antisemitismus von Islamisten

Wie der Präsident des jüdischen Sportverbandes Makkabi bei “Dunja Hayali” feststellt, kommen die Taten häufig auch von islamistischer Seite.

► Auf die Frage von Hayali, ob er sich auch bedroht fühle, antwortete Meyer bestimmt: “Nein, ich fühle mich nicht bedroht, ich werde bedroht.” 

Halte man sich an hohen jüdischen Feiertagen um Synagogen auf, würde man beschimpf und angegriffen, was “leider viel zu oft auch heutzutage der Fall” sei.

Dann wandte sich Hayali an die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. Sie fragte die SPD-Politikerin, wie groß sie die Gefahr des Antisemitismus von muslimischer Seite einschätzen würde.

Chebli, die palästinensische Wurzeln hat, sagte, dass es zwar keine belastbaren Daten gebe, die Beschreibungen von Meyer allerdings traurige Realität seien.

“Es bringt auch nichts, das zu verniedlichen, zu verharmlosen oder schönzureden”, sagte Chebli.

Ganz klar müsse man ansprechen, dass es Judenfeindlichkeit unter Muslimen gebe. Es sei “unser aller Aufgabe diesem Antisemitismus den Kampf anzusagen”:

“Mich beschämt es und mir blutet das Herz, wenn ich sowas höre. (...) Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch der Kampf der Muslime sein.”

Chebli fordert Bildung und Begegnung

Chebli zeigte sich überzeugt, dass man die meisten jungen Menschen aber noch erreichen und formen könne. An Schulen müsse man den Vorurteilen der  Jugendlichen Bildung und Begegnung entgegensetzen, betonte Chebli.

Darüber hinaus müsse man die Chance ergreifen, mit muslimischen Organisationen zusammenzuarbeiten, deren Bereitschaft nie zuvor größer gewesen sei als heute, auf Juden zuzugehen.

Fakt ist laut Chebli, dass Antisemitismus “Gift für unsere Gesellschaft” ist. Alle seien betroffen, denn Antisemitismus gefährde ganz konkret die Demokratie und das Zusammenleben.

Hayali fragte, warum sich auch Muslime, die offenkundig nicht antisemitisch sind, engagieren müssten. Chebli antwortete:

“Wenn wir als Muslime Toleranz und Respekt einfordern, als Minderheit, dann müssen wir das auch einfordern, wenn andere Menschen betroffen sind und angefeindet werden. Ich bin ganz stark dafür, dass wir als Muslime laut schreien, wenn Juden in Deutschland angegriffen werden.”

“Eins vor Zwölf”

Der jüdische Sportfunktionär Alon Meyer pflichtete Chebli bei, betonte aber: Als Demokrat müsse man auch aufschreien, wenn die AfD in Deutschland erstarke. Dies sei “genau die gleiche Frage”:

“Natürlich. Die schweigende Mehrheit muss aufstehen. Sie darf nicht mehr Schweigen. Das ist es, was wir aus der Vergangenheit gelernt haben.”

Hayali wollte daraufhin von Meyer wissen, was die Menschen in Deutschland denn ganz konkret tun könnten. Meyer hatte zuvor oft betont, dass es bereits “Eins vor Zwölf” sei.

Er beklagte die zahlreichen Nichtwähler, deren Unzufriedenheit er nicht immer nachvollziehen könne – schließlich lebe man in Deutschland auf einem vergleichsweise hohem Niveau. 

Statt Begegnungsstätten und Erinnerungskultur, die lediglich einen Blick in die Vergangenheit werfen würden, sei ein Blick in die Gegenwart und die Zukunft dringend notwendig. Daher appellierte Meyer, wählen zu gehen.

Außerdem forderte er:

“Wenn du rechts von dir irgendwelche Parolen hörst, sag etwas dagegen, steh auf und hör auf immer zu sagen, da kann ich nichts ändern. Denn wenn wir alle so denken, dann sind wir genau in der Situation, wie vor 80 Jahren.”

Vor 80 Jahren, am 9. November 1938, wurden in der Reichspogromnacht deutschlandweit Synagogen und jüdische Geschäfte angezündet.

(lp/ll)