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05/05/2018 09:20 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 09:20 CEST

Satire: Vom Leben mit Teenagern

Bob Stevens via Getty Images

Mein 16 jähriger Sohn Simon fragte mich eines Sonntags, nachdem er wie immer gegen 16 Uhr das Bett verlassen hatte, ob jemand mal kurz Zeit hätte. Während er beiläufig fragte, nahm er sein Frühstück zu sich, das heisst, er stand vor dem geöffneten Kühlschrank und frass direkt daraus. Die ständig bereit stehende Mutter, also ich, sagte sofort, „na klar, um was geht’s denn?“. „Nichts wildes“, sagt er mit vollem Mund. „Ich frühstück erst mal gemütlich.“

Wie das gehen soll ist mir ein Rätsel, wenn man vor einem geöffneten Kühlschrank steht, der wegen reduzierter Kühlung im Sekundentakt irre kreischende Warnsignale von sich gibt. Das scheint den Jungen aber überhaupt nicht zu stören wie auch, er hört ja nichts, denn er hat ja seine Kopfhörer drin und wiegt sich zum Sound von für uns unhörbaren und offenbar abartigen Rhythmen. Er verrenkt seinen Körper ganz grauenhaft, während er eine Packung Wurst aufreisst und sich die Scheiben in den Mund stopft. Als ich das das erste Mal beobachtete, dachte ich er hätte eine akute Lebensmittelvergiftung und krümme sich vor Schmerzen. Ich war schon dabei den Notarzt zu rufen, als er mich fragte, ob ich mich vielleicht endlich mal wieder dazu herablassen könne, ein ordentliches Essen zu kochen, statt nur Fertigwurst anzubieten. Selbst wenn er eine Lebensmittelvergiftung gehabt hätte, ich hätte den Rettungswagen wieder abbestellt. Wer fies ist, verdient keine Gnade.

Neben dem verzweifelt hysterierenden Kühlschrank steht der Brotkasten, der bei einem Frühstück von Simon immer aussieht, als hätte ihn eine Handgranate getroffen. Zerrissene Brottüten quellen heraus und zeigen übel zugerichtete Laibe. Der Mensch lebt nicht von Wurst allein, sagt Simon dann, wenn ich fassungslos dastehe und versuche diese Schlachtfeldszene in mein schwäbisches Hausfrauenhirn zu integrieren.

An diesem besagten Sonntag höre ich und das gesamte Dorf in dem wir damals wohnten, die gellenden Schreie meines offenbar tot geweihten Sohnes. Es sind markerschütternde Laute, die mein Mutterherz in Sekundenbruchteilen erstarren lassen. Ich stürze herbei und werde eines Blutbades gewahr. Durch die gesamte Wohnung- einem offenen Loft -zieht sich eine Blutspur und mir ist völlig klar, dass der Junge diesen Blutverlust nicht überleben wird. Die für den Moment einzig mich rettende Lösung ist, ich werde ohnmächtig.

Nachdem es dem Notarzt gelungen war, sowohl Simon als auch mich körperlich und geistig wieder zu stabilisieren erfahre ich, dass alles gar nicht soooooooo schlimm war. Der erste Eindruck trüge oft, sagt Simon und sieht mich vorwurfsvoll an. Das sei überhaupt im Leben mein grösstes Problem, meint der Wiedergeborene und zieht damit die Aufmerksamkeit des 3-köpfigen Notarzt-Teams auf sich, das nun natürlich interessiert wissen will, was diese zartbesaitete Mutter im Leben so alles falsch macht. Simon lässt sich auch nicht lange bitten und erzählt den Weisskitteln, dass ich beständig falsche Schlüsse ziehen und aus Kleinigkeiten filmreife Dramen produzieren würde. Es sei wirklich schwer für ihn als Kind - er war 16!!!!!! - klar zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden, weil er im Elternhaus täglich falsch konditioniert werden würde. So sei es auch nicht sein Fehler, dass er sich soeben getäuscht hätte in der Annahme, sich versehentlich beide Achillessehnen aufgeschlitzt zu haben und zu verbluten. Zum Glück sei ich ohnmächtig geworden, was ihm die notwendige Zeit gab, sich in Ruhe von seiner körperlichen Unversehrtheit zu überzeugen und dem wahren Problem auf die Spur zu kommen.

Und die Wahrheit ist manchmal ganz subtil: Ausser Wurst und Brot isst der Junge gerne noch ein Glas Himbeermarmelade zum Frühstück. Er schaufelt dabei die Marmelade aus dem Glas direkt auf herausgerissene Fetzen von Brot. Da geht schon mal Marmelade daneben und landet auf dem weissen Küchenfussboden. Rot auf weiss, das sieht man leicht, wenn …………….man eine Brille aufhat. Simon findet seine beschissen und trägt sie nur selten, was dazu führt, dass er vieles nicht sieht, was so auf dem Fussboden herumliegt. Zum Beispiel die Zwergkaninchen, meine Brille (weil heruntergefallen) oder eben mal einen Haufen Himbeermarmelade. Nun wär das kein grosses Thema, wenn er nicht in die Marmelade hineintreten würde, die er ja nicht sieht, um dann durch die komplett mit weissem Laminat ausgelegte Wohnung zu latschen. Als er die roten Fussspuren bemerkt glaubt er sein letztes Stündchen habe geschlagen und daher das riesen Geschrei.

Liebe Leser/innen, glauben sie mir, ich habe tausendmal versucht dieses Kind zu Manieren oder gesunder Lebenshaltung zu animieren. Habe gelobt und belohnt, wenn er mal in einen Apfel gebissen hat, habe geschimpft und gedroht, wenn er angebissene Würstchen einfach hochkant in den Kühlschrank schmeisst. Er frisst wie ein Schwein, hinterlässt ein Chaos, das keine Truppe junger Briten in El Arena anrichten könnte und beklagt sich dann noch, wenn irgendetwas fehlt, wonach ihm gerade gelüstet. Das ist Simon und ich hatte wirklich gute Gründe ihn mit 17 schon hochkant rauszuschmeissen

Aber die Geschichte dieses Sonntags ist noch nicht zu Ende! Simon fragte uns also an diesem besagten Nachmittag und bevor das kleine Missverständnis mit dem vermeintlichen Blutbad seinen Lauf nahm, ob jemand mal kurz Zeit hätte.

Wie immer war mein Mann sehr beschäftigt! Er war immer beschäftigt und zwar mit Dingen, gegen die keine vernunftbegabte Ehefrau angehen konnte. Mein Mann arbeitete sehr, sehr hart an seiner persönlichen Vervollkommnung und wer wollte ihm da schon im Wege stehen. Da er beruflich sehr eingespannt war, brauchte er die wenigen freien Stunden seines Lebens - er nannte es nie Freizeit, weil dies implizieren würde, dass man freie Zeit zur Verfügung habe, dies treffe für ihn nicht zu, da er sich niemals frei nehme, sondern beständig an der Vervollkommnung seiner Persönlichkeit arbeite- also da mein Mann keine Freizeit hatte, ergab ich mich meinem Schicksal und fragt unseren Erstgeborenen was er denn brauche.

„Ach“, sagte Simon, „ich bräuchte Dich nur kurz als Chauffeurin“.

„Wozu“, frage ich.

„Ich muss mein Handy holen“, sagt der Spross. Oh, denke ich, da komm ich ja nochmal gut weg. So simpel läuft es ja selten, wenn Simon um einen Gefallen bittet.

Ich sage, „geht klar, lass uns in einer Stunde losfahren“. Das Kind grinst, bedankt sich artig, ich lackiere mir die Nägel blutrot - komische Farbwahl nach allem- und bin froh, dass meine Sohn den Tag überlebt hat und mit sich und der Welt wieder im Einklang ist. Da tu ich ihm doch gern den kleinen Gefallen.

Als wir zum Auto gehen bemerke ich, dass er hinkt.

„Nichts wildes“ antwortet Simon auf meine Frage und bedeutet mir mit einem Kopfschwenker endlich loszufahren. Auf der kleinen Landstrasse ins nächste Dorf ruft er plötzlich: „Hier lang“, und zeigt mit dem Finger auf einen kleinen Waldweg.

Ich frage: „Wohin des Wegs?“, der Sohn knapp „Fahr einfach!“

Tja, diese Generation verliert nicht mehr viele Worte, es ist eben alles effizienter geworden. Simon plötzlich ganz munter und fröhlich pfeifend, bedeutet mir langsamer zu fahren. Ich bin genervt und sage: „Simon, dieser Waldweg ist für Autoverkehr gesperrt, und ich weiss auch nicht, warum ich durch den Wald fahren soll, um Dein Handy bei irgendeinem Kumpel im Nachbardorf abzuholen“.

Der Filius antwortet:“ Die Formulierung abholen trifft es nicht wirklich. Es handelt sich vielmehr um eine Suche. Erinnere Dich doch mal an die vielen Schatzsuchen und Schnitzeljagden, die du für unserer Kindergeburtstage immer veranstaltet hast und die dir doch immer so gut gefallen haben.“

Ich habe Schnappatmung! „Simon, die hab ich mir doch nicht für mich ausgedacht, um mir eine Freude zu machen, sondern für die Horde gelangweilter Nasenbohrer, sprich deine Freunde, die man ja irgendwie einen Nachmittag lang beschäftigen musste.“

„Wenn Du meinst“, sagt der Undankbare und schweigt wieder.

„Was soll das heissen, wir gehen auf eine Suche?“ frage ich. „Du hast dein Handy nicht bei einem Freund vergessen?“

„Nein“, sagt der Bub, „aber nicht weit von dessen Zuhause entfernt.“

Ich möchte schreien...reisse mich aber zusammen und sage: „Das kann ja überall sein“. „Zwischen der Bude deines Kumpels und unserem Zuhause liegt also irgendwo Dein Handy? Also irgendwo auf den nächsten 4 Kilometern“? Mein Stimme zittert.

„Richtig“, sagt der Irre auf dem Beifahrersitz und freut sich scheinbar über meine schnelle Auffassungsgabe.

Ich sage „Simon, wie kann Dein Handy zwischen Wiesen und Wäldern verloren gehen? Hattest Du eine Kollision mit einem Hirsch“?

„Oh“ antwortet er gönnerhaft, „nein, nein, alles halb so wild. Und es ist ja nicht meine Schuld, dass es heute Nacht so verteufelt dunkel war, als ich mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bin. Weiss der Geiger wo der scheiss Mond war, jedenfalls nicht da, wo ich ihn gebraucht hätte, nämlich im Wald.“

Ich: ???????????????????????????????

Er: „Und überhaupt ist der Waldweg eine miese, löchrige Schotterpiste, fahrlässig befestigt und war es war überhaupt nicht zu umgehen in den Graben zu fallen. Und dabei ist mir dann wohl mein Handy aus der Hosentasche gerutscht.

Ich denke:

Der Typ fährt statt auf der kleinen, leeren Landstrasse mitten in der Nacht, mitten durch den Wald - 4 Kilometer??????

er würde nicht durch den Wald fahren, wenn er nicht sturzbetrunken gewesen wäre und Angst vor dem Dorfpolizisten gehabt hätte, der nachts gern mal auf Streife ist!!!!!!

Ein Handy in einem 4 Kilometer langen Graben zu finden, ist ein Ding des unmöglichen######

wieso wollte ich unbedingt Kinder???

warum hat Gott mich mit diesem Exemplar gestraft???????

Jahreslanges Training in Disziplin und Selbstbeherrschung ermöglichen es mir, ihn nicht zu schlagen sondern nur wie eine Irre zu schreien. Ich flippte total aus, denn ich hatte nach dem nicht ganz einfachen Nachmittag einfach so die Nase voll, dass ich mir Luft verschaffen musste.

„Meine Güte“, sagt Simon, „musst Du Dich denn immer so gehen lassen und aus einer Lappalie eine Tragödie machen? Lernst Du denn nicht dazu“?

Ich bin immer wieder sprachlos, wie dieses Kind es schafft, jede seiner geistesabwesenden Taten und Handlungen, jeden kruden Gedanken und verbal geäusserten Wahnsinn so zu verdrehen, dass am Ende ich die Schuldige bin.

Wie immer gebe ich in solchen Momenten auf. Ich verfalle in dumpfes Schweigen, Apathie durchdringt meine Nervenbahnen, meine Freundin nennt es meine Akutdepression. Ich funktioniere dann nur noch und Simon übernimmt die Führung. Da er ja nicht auf den Kopf gefallen ist, geht es dann doch erstaunlich schnell. Während ich auf dem holprigen Waldweg sehr langsam und mit niedrig gedrosseltem Motor dahin schleiche, ruft Simon mit meinem Handy, das er vorsorglich mitgenommen hatte, seines an. Er lässt es klingeln und klingeln und nach ungefähr 1.2 Kilometer hören wir tatsächlich aus dem Graben neben dem Weg die vertraute Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“, Simon’s Klingelton. „Siehst Du“, sagt der Junge, „alles völlig unproblematisch und hat keine 10 min gedauert. Bis meine Wunden vom Sturz heute Nacht verheilt sind, wird es sicherlich ein paar Wochen dauern“.Dabei krempelt er seinen Pullover und die Jeans hoch und zeigt mir seine offenen tiefen Schmarren und Wunden an beiden Beinen und Ellbogen. Mir wird schlecht und ich möchte einfach wieder ohnmächtig werden. Simon hingegen ist dank seines Fundes und Lebenselixiers bestens gelaunt.

„Ich denke darüber nach, die Gemeinde zu verklagen, wegen des gemeingefährlichen Zustandes des Waldweges”, sagt der Schwerverletzte.” Hier handelt es sich um massive Fahrlässigkeit und Gefährdung des Gemeinwohls, die geahndet werden muss. Mir hätte wirklich etwas übles passieren können”, sagt Simon und googelt auf dem wiedergefunden Handy nach einem geeigneten Fachanwalt.

Ja, ich bin etwas gestraft mit diesem Jungen und es ist leider nicht so, dass ich über meine anderen Kinder besseres zu berichten hätte.

Fortsetzung folgt!