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09/07/2018 16:22 CEST | Aktualisiert 22/07/2018 22:57 CEST

Satire: Angela und Horst in der Paartherapie

Axel Schmidt / Reuters

Der Kompromiss: Sie wollen es doch noch mal versuchen

„Und nun wollen sie es doch noch mal versuchen, der Horst und die Angela“, hatte Kerstin Glockenturm-Stiege, Therapeutin in Münsters Paartherapie-Zentrum „Emotion und Koalition“ mit trauriger Stimme im Kollegenkreis berichtet. Die Angela habe sie angerufen und alle Termine zur Paartherapie abgesagt. Was Gott zusammengefügt habe, das solle der Mensch nicht trennen, habe sie erklärt. Und ihr Ehe-Haus sei auf einem christlichen Fundament gebaut, man habe einen Kompromiss gefunden. Sie habe dabei sehr tapfer geklungen.

Das sei doch ganz ausgezeichnet, hatte Kaplan Meierdings, der Leiter der christlichen Einrichtung, frohlockt. Er wolle den beiden wohl seinen pastoralen und therapeutischen Segen geben. Die Therapeuten-Runde aber hatte nur den Kopf geschüttelt. Dann hatte Kerstin Glockenturm-Stiege auf Bitte des etwas unwilligen Kaplans erklären sollen, wo sie denn Probleme sehe. Und die Therapeutin hatte berichtet.

Die Aktenlage: Dringlichkeitstermin im Zentrum für Paartherapie

Kerstin Glockenturm-Stiege hatte die Akte „Angela und Horst“ zur Hand genommen. Angela habe in Münsters Paartherapie-Zentrum „Emotion und Koalition“ Anfang Juni einen Dringlichkeitstermin beantragt. Der Horst sei nur unwillig mitgekommen. Das habe er ihr, der Therapeutin, gleich mit knurriger Stimme mitgeteilt. Er verstehe das ganze Theater nicht, aber wenn es sein müsse, sei er zur Paar-Therapie bereit. Er wolle die Ehe nicht aufgeben.

Die Rescue -Tropfen–Übung und Horst sieht technische Probleme

„Guter Mann“, hatte der Kaplan freudig erregt in die Runde gerufen. Kerstin Glockenturm-Stiege hatte etwas pikiert geschaut, dann dem Kaplan aber zugestimmt und erklärt, sie habe auch gleich den Ehe-Rettungs-Test gemacht, die „Rescue-Tropfen-Übung.“

Sie hatte eine Tonaufnahme vorgespielt, die sie mit Angelas Erlaubnis gemacht hatte. „Stellt Euch vor“, hatte sie damals mit sonorer Stimme in den Raum geflötete.“ Ihr steht am Rande eines großen Tales, durch das ein reißender Fluss fließt. Ein jeder steht auf einer anderen Seite des Tales. Komm rüber, Horst, rette mich, ruft Deine Frau“ hatte sie Horst dann ins Ohr geflüstert. „Wie geht es Dir jetzt, lieber Host“, hatte sie dann lauernd und hoffnungsvoll gefragt.

Göttliche Fügung und Psychologie

Der Kaplan hatte etwas irritiert geschaut und gefragt, ob sie sich hier nicht in die göttliche Fügung einmische Die Therapeutin aber hatte erklärt, Sinn und Zweck der Übung sei es, festzustellen, ob da noch irgendwo ein Gefühl sei, und viele Paare seien sich bei der Übung schon schluchzend um den Hals gefallen.

Der Horst aber habe sich hartleibig gezeigt, hatte sie mit einem Blick auf die Akte erklärt. Er habe sie, die Therapeutin, nur lange und kritisch angeschaut. Wie weit die Angela denn luftlinientechnisch entfernt sei, habe er dann wissen wollen und ob sie ihn denn überhaupt hören könne, wenn der Fluss stark rausche.

Dann sei der Horst plötzlich wütend geworden und habe gefragt, ob diese Übung vielleicht da sei, um hier sein Gehör zu testen. Er wisse schon, dass er älter sei und Angela eigentlich einen jüngeren wolle, vielleicht wolle sie ja auch einen ganz anderen Mann. Dann habe Horst tief und traurig geseufzt.

Angela, von Freunden auch Angie genannt, hatte die Therapeutin damals verzweifelt angeschaut und erklärt, so sei das immer mit dem Horst. Der finde immer ein Haar in der Suppe und sie wisse eigentlich schon gar nicht mehr, was er von ihr wolle und manchmal frage sie sich, was sie noch von ihm wolle.

„Müssen wir das alles wissen“, hatte der Kaplan in die Runde gerufen. „Reicht es nicht aus, für die beiden zu beten und vielleicht eine Kerze zu opfern?“ Kerstin Glockenturm-Stiege hatte sich geschworen, direkt mit dem Erreichen des Rentenalters aus der Kirche auszutreten. Dieser Hoffnungsschimmer hatte ihr die Kraft gegeben, weiter aus dem Therapieverlauf zu berichten.

Angela und die Haustür-Frage

Sie hatte in der Akte geblättert und berichtet. Nach der Übung sei ein Ruck durch den Horst gegangen und er habe die Angela angebrüllt, sie wisse genau, worum es hier gehe, um die Haustür nämlich. Der erstaunten Therapeutin hatte Horst erklärt, eigentlich sei alles gut zwischen der Angela und ihm. Aber sie lasse die Haustür Tag und Nacht offenstehen. Er habe ihr wohl tausendmal erklärt, die Haustür gehöre abgeschlossen, der Schlüssel sei zweimal dabei rumzudrehen. Das Leben sei kein Ponyhof und das Migrantenpack lauere überall. Ob sie denn keine Zeitung lese. Und einer müsse sich doch schließlich um den ganzen Laden kümmern.

Die Angela habe die Augen damals im Kopfe verdreht und ihr erklärt, der Horst sei ein ganz Vorsichtiger, seine Mutter habe ihn leider so geprägt, besser gesagt, versaut. Und seitdem die Pommes-Bude an der Ecke von einem Döner- Imbiss verdrängt worden sei, könne er Ausländer nicht mehr leiden. Und ja, sie sehe den Istanbul Krimi gerne und der Kommissar sähe toll aus. Dann hatte sie die Augen gesenkt und leise geschluchzt. An Horst gewandt, hatte sie erklärt, er sei völlig unnötig eifersüchtig. Sie kämen schließlich beide aus einem christlichen Haushalt.

Horst stellt ein Ultimatum

Horst war dann aus dem Raum gestürmt. Er ließe sich hier nicht vorführen, hatte er gebrüllt und er hatte ihr ein Ultimatum gesetzt. Wenn er gleich nach der Kneipe - er brauche jetzt dingend Stärkung und Freunde - nach Hause käme und die Haustür sei nicht zweimal abgeschlossen, dann sei endgültig Schluss. Die Angela habe die Therapeutin damals sehr betroffen angeschaut und hilflos mit den Schultern gezuckt.

Horst und die verborgenen Botschaften - ist der Horst emotional unterversorgt?

„Chauvinisten- Schwein“, hatten einige Therapeuten-Kolleginnen aufgeregt in die Runde gerufen, und der Kaplan hatte zu professioneller Mäßigung gemahnt.

Kerstin Glockenturm-Stiege hatte den Aktenvortrag fortgesetzt, gestärkt durch eine Tasse Kamillentee. Sie habe dann mit der Angela auf einer Meta-Ebene weitergearbeitet, berichtete sie, sich sozusagen gemeinsam mit ihr die Lage aus der Vogelperspektive angeschaut.

Die Angela könne das, hatte sie mit heftigem Kopfnicken erklärt. Sie habe der Angela dann erklärt, dass man sich vielleicht neben der offenen Botschaft, dem Ultimatum, auch die verborgene Botschaft anschauen müsse. Die laute vielleicht, der Mann wisse nicht weiter. Was Horst denn wirklich wolle, hatte sie gefragt. Sei er mit seiner Beschützer-Rolle überfordert, habe er sich in eine Angstneurose verstiegen, sei sein Helfer-Syndrom vielleicht das Ergebnis einer frühkindlichen Kränkung und sei er ein verkappter Narzisst? Oder brauche der Horst mehr Zärtlichkeit, sei er vielleicht emotional unterversorgt, gar chronisch untervögelt, hatte sie mit einem Augenzwinkern gefragt.

Angela ist ratlos und zeigt Charakter

„Oh Gott“, hatte Angela gestöhnt und erklärt, sie müsse sich das alles durch den Kopf gehen lassen. Eigentlich sei der Horst ja kein schlechter Mensch, es sei im Moment eben nur sehr schwierig mit ihm. Und ja, die Haustür-Frage stehe natürlich für mehr. Es gehe hier auch um ein Menschenbild, sie wolle sich nun mal nicht zu Hause einmauern, und der Horst habe wohl auch die falschen Freunde.

Sie hätten bei der letzten Sitzung einen erneuten Therapie-Termin vereinbart und sich mit einer Umarmung verabschiedet. Doch dann sei eben alles anders gekommen.

Kaplan Meierdings verzweifelt und Horst will nun den Keller aufräumen

Kaplan Meierdings hatte sich die Ohren zugehalten und einen tiefen Schluck Weihwasser getrunken. „Dann sei doch alles bestens“, hatte er erklärt und sich vorgenommen, beim Bischof eine Audienz zu erbitten und vielleicht doch wieder als Gemeindepfarrer zu arbeiten. Kerstin Glockenturm-Stiege aber war nun nicht mehr zu bremsen gewesen. Gerade als der Kaplan sagen wollte, „dann lasset uns beten“, hatte Kerstin Glockenturm-Stiege einen Kontrollverlust erlitten.

Nichts sei gut, hatte sie geschrien, der Horst wolle doch gar keinen Ehe-Frieden. Am Ende des Telefonats habe sie Horst im Hintergrund rufen hören, er ginge jetzt schon mal vor in den Keller. Da müsse auch ganz dringend aufgeräumt werden. Angela habe an dieser Stelle den Hörer aufgelegt, aber man habe noch ein Schluchzen ahnen können.

Ist die Therapeutin, Kerstin Glockenturm-Stiege, noch zu retten?

Der Kaplan war mit feuerrotem Kopf aus dem Raum gerannt in Richtung Domplatz, dem Wohnsitz des Bischofs. Kerstin Glockenturm-Stiege war in Tränen ausgebrochen. Lisa Feuerstein, ihre beste Freundin in der Therapeutenrunde, hatte gerufen, den schnappe sie sich, war dem Kaplan hinterhergelaufen, und alle hatten beruhigt genickt. Das würde wieder bei Wein und Tränen im Zimmer des Kaplans enden und seiner Frage, ob das Zölibat richtig und zeitgemäß sei. Lisa würde ihn dann in den Arm nehmen und gehen.

Kerstin Glockenturm-Stiege aber hatten die Kollegen geraten, erst mal zuzuwarten. Das sagten sie immer, wenn sie auch nicht weiter wussten, es aber nicht zugeben konnten.