POLITIK
28/02/2018 19:52 CET | Aktualisiert 01/03/2018 12:25 CET

Sat.1-Moderator wirft Merkel vor, sich nur um Flüchtlinge zu kümmern

Claus Strunz verstößt zwar nicht gegen einen Amtseid, aber vielleicht gegen den Pressekodex.

  • Sat.1-Moderator Claus Strunz geht Merkel in einem Kommentar zum Fall der Essener Tafel an
  • Dabei bemüht er keine Argumente, sondern ein Best Of rechtsextremer Wut-Tiraden

Angela Merkel verstoße gegen ihren Amtseid als Kanzlerin: Es ist das liebste Argument radikaler Rechter.

► Sie argumentieren: Die CDU-Chefin habe ihren Schwur, dem deutschen Volke zu dienen und Schaden von ihm abzuwenden, durch ihre Flüchtlingspolitik gebrochen.

Nun bekommen die Populisten, die seit Jahren mit grobschlächtiger Rhetorik vom Eidesbruch und Volksverrat gegen Merkel grollen, einen prominenten Unterstützer aus der vermeintlichen Mitte des Privatfernsehens.

Sat.1-Moderator Claus Strunz, bisweilen darum bemüht, eher zufällig als gewollt, als Fürsprecher derselben Ideen aufzufallen, mit denen sich die AfD profiliert, ist in einem bis zur Unverständlichkeit inhaltslosen Kommentar auf Merkel losgegangen.

“Merkel hat Selfies mit Flüchtlingen gemacht!”

“Stets bemüht sie sich um Flüchtlinge und Asylbewerber, vergisst dabei aber die Einheimischen und ihre Sorgen”, behauptet Strunz da in einer Schlichtheit, die der Aschermittwochrede von AfD-Mann André Poggenburg in nichts nachsteht.

Als Beweis für diese Behauptung soll dabei Merkels vorsichtige Kritik an der Entscheidung der Essener Tafel dienen, Ausländer nicht weiter als Empfänger von Spenden aufzunehmen.

► Auch weitere AfD-Klischees spart Strunz nicht aus: “Sie hat Selfies mit Flüchtlingen gemacht”, führt der Sat-1-Mann aus – völlig ironiefrei.

Die Wahrheit ist eine andere

Die Polemik des gegelten Frühstücksfernsehen-Kolumnisten gipfelt in diesem Kommentar: 

Merkel ist zur doppelten Mutti geworden. Zur strengen, gefühllosen und ungerechten Stiefmutter für die aufmüpfigen Deutschen und zur fürsorglichen, nachsichtigen und gütigen Mama für die Flüchtlinge. Claus Strunz

Dabei hatte die CDU-Chefin gerade das Gegenteil gemacht: Sie hatte für eine Gleichbehandlung aller Bedürftiger plädiert und vor dem doppelten Spiel gewarnt, das durch die Entscheidung der Essener Tafel zu beginnen droht.

Merkel ließ durch Regierungssprecher Stefan Seibert erklären: “Bedürftigkeit ist Bedürftigkeit, dafür ist nicht die Staatsangehörigkeit die Richtschnur.”

► Frei nach dem Grundgesetz, das allen Menschen Würde garantiert – und eben nicht nur deutschen Staatsbürgern, wie es sich wohl nicht zuletzt Strunz wünschen würde.

Populistische Pöbelei unter AfD-Niveau

Ohnehin muss man sich fragen, was den erfahrenen Journalisten dazu bewegt, sich mit einem Kommentar auf ein derart plumpes Stammtischniveau zu begeben, dem sogar die AfD in ihrer Arbeit im Bundestag mittlerweile an den meisten Tagen abgeschworen hat.

► Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der These, Merkel kümmere sich mehr um Flüchtlinge, als um Einheimische, lässt diese zumindest schnell zweifelhaft erscheinen.

So kommen Flüchtlinge im neuen Koalitionsvertrag von Union und SPD 12 Mal vor: Meist geht es allerdings um die Begrenzung der Flüchtlingszuwanderung, die Aufteilung von Flüchtlingen in Europa und die Fluchtursachenbekämpfung.

Die Flüchtlingspolitik in Deutschland hat sich seit Ausbruch der Krise im Jahr 2015 stetig graduell verschärft.

► Dem Thema “Heimat” widmet man nicht nur ein eigenes Kapitel, sondern nun auch ein eigenes Ministerium.

► In ihrem Wahlkampf sprach Merkel vor allem über die Digitalisierung, über die notwendigen Verbesserungen für den ländlichen Raum und über dringend notwendige Reformen im Pflegebereich. 

Es hätte nur noch gefehlt, dass Strunz behauptet hätte, dass Flüchtlinge mehr Geld vom Staat bekommen als deutsche Arbeitslose. Auch das ist übrigens falsch: Diese liegen mit 318 Euro monatlich unter dem Niveau des Arbeitslosengelds II mit 368 Euro. 

So verstößt Strunz zwar nicht gegen einen Amtseid, aber vielleicht gegen den Pressekodex. In diesem steht sie nämlich verankert: die Achtung vor der Wahrheit.

(mf)