POLITIK
19/06/2018 16:46 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 10:07 CEST

Es ist scheinheilig, Mexiko für Beleidigungen gegen Neuer zu bestrafen

Die mexikanischen Fans hatten den deutschen Torwart am Sonntag beschimpft.

Kai Pfaffenbach / Reuters
Nationaltorhüter Manuel Neuer beim ersten Spiel der DFB-Elf gegen Mexiko – einer 0:1 Pleite.

Es war laut und deutlich zu hören, auch in der Fernsehübertragung des ZDF. “Puto, Puto” riefen die mexikanischen Fans Manuel Neuer immer wieder zu, als sich Mexiko und Deutschland am Sonntag bei der Fußball Weltmeisterschaft in Russland gegenüberstanden. 

“Puto” ist ein spanisches Schimpfwort, das so viel wie Stricher heißt. Und natürlich homophob ist – das ist klar. 

Die P-Wort-Rufe sind nichts Neues in Fußballstadien. Sie haben eine lange Tradition bei Fans mittel- und südamerikanischer Mannschaften. Und sind vergleichbar mit anderen plumpen und dummen Beleidigungen wie Affenlauten oder “Arschloch, Wichser, Hurensohn”-Sprechchören von deutschen Fans.

Seit einigen Jahren geht der Weltfußballverband Fifa auch gegen solche sexistischen oder rassistischen Beleidigungen vor – und teilte jetzt im Fall Manuel Neuer mit, ein Disziplinarverfahren gegen den mexikanischen Fußballverband einzuleiten. Der muss sich dann auf eine Geldstrafe einstellen.

Ist es mehr als ein Zeichen?

Natürlich ist es zu begrüßen, dass die Fifa gegen Homophobie aktiv wird. Der Verband tut dies in, nach eigenen Angaben, erstmals bei einer WM durchgeführten Antidiskriminierungskontrollen. Noch nie hat die Fifa so sehr darauf geachtet, dass LGBTQI-Rechte nicht verletzt werden, Fans niemanden rassistisch beschimpfen und sich Frauen nicht durch sexistische Sprüche verletzt fühlen.

Dafür sind bei jedem Spiel drei Mitarbeiter im Stadion, die die Zuschauer beobachten und diskriminierendes Verhalten melden.

► Eigentlich ein schönes Zeichen des Verbands, der bei der Aktion mit dem Netzwerk Football Against Racism in Europe (Fare) zusammenarbeitet. 

Aber ist es recht viel mehr als ein Zeichen? Während im Stadion darauf aufgepasst wird, dass auch ja kein nicht Homo-, Trans- oder Bisexueller Schimpfworte zu hören bekommt, die ihn als solchen bezeichnen, ist Russland für Homosexuelle eines der gefährlichsten Reiseziele Europas

Denn Russland, das Land, das die Fifa mit der WM massiv finanziell unterstützt, ist ein Paradebeispiel für Homophobie. Bis 1999 wurde Homosexualität in Russland als psychische Krankheit eingestuft. Seit 1993 steht sie zwar nicht mehr unter Strafe, ist aber absolut verpönt.

Negativ über Homosexualität sprechen ist erlaubt

85 Prozent der Russen halten Homosexualität für “moralisch falsch”, fand eine Umfrage des Pew Research Instituts 2017 heraus. Unnötig zu erwähnen, dass Homosexuelle in Russland nicht heiraten oder eine eheähnliche Lebenspartnerschaft eingehen dürfen. 

2013 erließ der russische Präsident Wladimir Putin ein Gesetz, das sogenannte homosexuelle Propaganda im Beisein von Kindern verbietet. Putin spricht dabei aber ungern von Homosexualität sondern lieber von “nicht-traditionellen Sexualitäten”.

Das Gesetz hat weitreichende Folgen: Öffentliche Veranstaltungen wie ein Christopher Street Day sind nicht möglich, nicht einmal das Sprechen über Homosexualität im Beisein von Kindern ist erlaubt. Zumindest nicht, so lange die Wertung positiv oder neutral ausfällt. Wer das tut, muss bis zu 2500 Euro Strafe zahlen. 

Firmen und Organisationen trifft ein zehnmal höherer Betrag. Medien dürfen auch nicht positiv oder neutral über Homosexualität berichten – tun sie es doch, droht eine bis zu dreimonatige Schließung. Ausländer, die gegen das Gesetz verstoßen, können verhaftet werden und müssen Russland verlassen

Straftaten gegen Homosexuelle haben sich verdoppelt

Seit das Gesetz in Kraft getreten ist, das Homophobie im Endeffekt legalisiert, sind politisch motivierte Straftaten gegen Homosexuelle in Russland gestiegen. Das geht von Körperverletzungen über Missbrauch bis hin zum Mord. Die Straftaten haben sich laut Daten der Universität St. Petersburg seit 2013 sogar verdoppelt. 

Und während der WM sind solche Hassverbrechen ebenfalls wahrscheinlich: 40 Prozent der Russen glauben, dass es zu körperlichen Attacken auf LGBTQI-Fans kommen wird – auch wenn die ihre Sexualität in der Öffentlichkeit nicht zeigen.

Ja, verschiedene russische Politiker sagten zwar, dass sich schwule und lesbische Fans frei und wohl fühlen sollen, wenn sie durch das Land reisen und ihre Mannschaft anfeuern. 

Mehrere LGBTQI-Aktivisten, die Russland wegen der WM besuchen wollten, erhielten Morddrohungen, verschiedene Gruppen von Ordnern kündigten im Vorfeld an, nach sich küssenden Männern Ausschau zu halten und diese bei der Polizei zu melden. 

► Die Football Supporters’ Federation, ein englischer Fan-Verband, gibt auf ihrer Website eine Reiseempfehlung an alle LGBTQI-Fans:

“Es gibt keinen Grund, nicht zur WM zu kommen, wenn du LGBTQI bist. Obwohl homosexuelle Aktivitäten seit 1993 in Russland nicht mehr verboten sind, empfehlen wir aber mit Nachdruck, in der Öffentlichkeit die Sexualität nicht zu zeigen.” 

Das Disziplinarverfahren gegen Fans, die ein homophobes Wort benutzen, um einen heterosexuellen Torwart aus der Verfassung zu bringen, ist nichts anderes als scheinheilig. 

“Nein, Fußball ist nicht politisch”

Mit der Wahl, die WM, das größte Sportereignis der Welt, in Russland auszurichten, gibt der Fußballverband dem homophoben Autokraten Putin die größtmögliche Bühne für seine Propagandaschau.

Um auf der anderen Seite homophobe Rufe von Fans mit Geldstrafen zu sanktionieren.

Fifa-Boss Gianni Infantino, dem Kritiker eine gefährliche Nähe zum russischen Präsidenten vorwerfen, relativiert Vorwürfe wegen der Vergabe an Russland stets.

► Frei nach dem Motto: “Politik? Nein, der Fußball ist nicht politisch.”

Zumindest dann nicht, wenn es die Fifa viel Geld kosten würde, auch wirklich auf eine Einhaltung von Menschenrechten zu achten. 

Es gibt sogar ein Wort für diese Aktion der Fifa: Pinkwashing heißt es. Der Begriff bezeichnet Maßnahmen, die nur den Schein einer LGBTQI-freundlichen Umgebung vermitteln. 

Und nichts anderes tut die Fifa.

Das zeigt auch ein weiteres Beispiel: Kurz vor der WM haben einige EU-Abgeordnete Schnürsenkel an die nationalen Verbände verschickt. In Regenbogenfarben. Spieler sollten die bunten Bänder tragen, um ein Zeichen gegen das homophobe Russland zu setzen.

An sich rechnete keiner der Abgeordneten damit, dass sie wirklich zum Einsatz kommen sollten. Doch einige Spieler wurden auf die Schuhbänder aufmerksam, darunter der Kapitän der Schweden, Andreas Granqvist

Doch als die schwedische Nationalmannschaft am Montag gegen Südkorea auflief, trug Granqvist weiße Schuhbänder.

Der Grund: Ja, richtig, Fußball ist nicht politisch, so wollen es die Fifa-Statuten. Und deshalb sind politische Statements von Spielern auch nicht erlaubt. 

Die Fifa definiert selbst, wann, wo und wie der Fußball dann doch ein bisschen politisch sein darf.

Und da herrscht offenbar der Gedanke: Solange man die Fassade rosa anstreicht, ist es egal, was sich dahinter verbirgt.

(glm)