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02/12/2018 18:01 CET

Sandwiches erobern Instagram – das steckt hinter dem Trend

"Auf Instagram bleibt man eher an den Dingen hängen, die extremer sind."

vaaseenaa via Getty Images

Wie ein Phönix aus der Asche steigen sie in euren Newsfeeds empor, schmackhafte Giganten, die sich aus der faden Masse unscheinbarer Sandwiches lösen.

Aus den Tiefen eures Newsfeeds steigen sie empor, imposant: Wie aus den Überresten weit unscheinbarerer Sandwiches.

Die vertrauten Elemente sind alle da, oder zumindest einige davon:

► Goldener Käse, dessen geschmolzene Ecken sich stetig ihren Weg über glänzendes Fleisch bahnen, Schicht um Schicht.

► Eine Soße von milchiger Blässe, die lustvoll in eine überschüssige Pfütze tropft.

► Ein Schuss Eigelb; vielleicht etwas Frittiertes.

► Ein Stich von Rot oder Grün, von einer Tomate oder Gurke.

► Und das überfüllte Chaos wird zusammengehalten – zaghaft, hilflos –, von zwei Scheiben Brot, die dich resigniert ansehen, als wollten sie sagen: Was genau machen wir hier eigentlich?

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Das ist die Magie der Instagram-Sandwiches. Angeblich zu gleichen Teilen für ihr äußeres Erscheinungsbild und ihren Geschmack konzipiert, treten sie als natürliches Nebenprodukt der modernen Restaurantszene in Erscheinung, die sich wie die meisten Branchen an die Anforderungen der leistungsfähigen Foto-Sharing-App anpassen musste.

Instagram-Sandwiches sehen gut aus, aber schmecken sie auch?

Obwohl diese Instagram-Sandwiches zweifelsohne anziehend wirken, führt ihre komplizierte Konstruktion dazu, dass sie nicht immer praktisch zu essen sind. Oder gut schmecken.

Ein Beispiel: Machen seine frittierten Beilagen diesen Burger geschmackvoller oder verwandeln sie sein Inneres zu einem riesigen Haufen Brei? Kann ich meinen Mund wirklich weit genug öffnen, um einen Bissen von einem doppelt gebratenen Hühnerbrustsandwich zu nehmen, ohne dass es dabei in seine Einzelteile zerfällt?

Und falls nicht, widerspricht es dann nicht dem Sinn eines Sandwiches?

Ich will an dieser Stelle festhalten, dass viele Insta-würdige Sandwiches nicht unhandlich sind und einige klassische Sandwiches die Qualitäten eines Instagram-Sandwiches besaßen, lange, bevor es die App überhaupt gab.

Der “Italian Hero” war schon immer ein Gigant unter den Sandwiches. Und Sandwiches von New Yorker Imbissen wie Katz’s and Frankel’s sind so überladen wie alles, was heute in unserem Feed zu finden ist.

Und zahlreiche Köche beteuern, sie hätten immer schon versucht, ihre Speisen möglichst ästhetisch erscheinen zu lassen, unabhängig davon, ob sie fotografiert werden.

Essen ist eine sinnliche Erfahrung, richtig? Man muss also auf jeden Sinn achten und, offen gesagt, der Geschmack ist der letzte Sinn, den unser Essen ankurbelt“, sagt der in Los Angeles ansässige Koch Eric Greenspan, Inhaber mehrerer Geschäfte, die üppig beladene Sandwiches verkaufen. “Der erste Sinn, den Essen bedienen muss, ist die Sicht.”

Was sich jedoch in den letzten Jahren geändert hat, sei der Schwerpunkt auf das Aussehen eines Sandwichs.

Die wachsende Konkurrenz um die Gäste hat die Köche gezwungen, Speisen zu kreieren, die nicht nur gut schmecken, sondern auch gut aussehen.

 “Ich denke, die wachsende Konkurrenz um die Gäste hat die Köche gezwungen, Speisen zu kreieren, die nicht nur gut schmecken, sondern auch gut aussehen”, sagt der Koch Chase Devitt.

“Schön anzusehende Beilagen sind mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil unseres Essens geworden und nicht nur bloße Lückenfüller.“

Immer mehr Restaurants denken ihre Gerichte in Instagram-Likes

Greenspan geht davon aus, dass Instagram den Menüs vieler Köche mindestens ein Element hinzugefügt hat, das zuvor noch nicht Bestandteil davon war – ein Gericht, dessen Hauptzweck eher darin besteht, Blicke auf sich zu ziehen, als einfach nur lecker zu schmecken.

Andere Küchenchefs, mit denen ich gesprochen habe, wie Jaime Young von Sunday in Brooklyn und Michael Simmons von Chicago’s Café Marie-Jeanne, beteuern jedoch, dass Instagram nicht direkt in ihre Menügestaltung einbezogen wird.

“Ich glaube nicht, dass jemand etwas dagegen hat, ein Gericht zu kreieren, das sich gut auf Instagram macht, solange die eigentliche Menüentwicklung nicht dadurch eingeschränkt wird”, sagt Heidi Hageman, Präsidentin der Public Relations-Firma H2 Public Relations in Chicago der HuffPost.

“Ich denke, ein Punkt, dem einige meiner Köche nicht zustimmen, ist, dass der Schaffensprozess mit dem Erstellen eines speziellen Elements beginnt, sodass das Ergebnis für soziale Medien gut aussieht.”

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Andere Köche, die auf der Suche nach einem Wettbewerbsvorteil sind, tun dies jedoch, indem sie Berater wie Devour Power nicht nur damit beauftragen, ihr gesamtes Menü für soziale Medien zu fotografieren, sondern auch mit speziellen “off-la-carte” -Optionen zu helfen.

Rebecca West-Remmey, die das Unternehmen mit Sitz in New York zusammen mit ihrem Ehemann Greg leitet, erzählt HuffPost, dass es diese Kreationen sind, die zum Gegenstand des “Foodporns” werden, für den ihr Instagram-Account berühmt ist.

Daher der Devour Power Burger im Restaurant Breakroom in New York City: eine ungeheure Doppel-Patty-Situation mit Tempura-Zwiebelrolle, Schweinebauch und Mac n’ Cheese. (Ich weiß, ich weiß – ein Burger ist nicht wirklich ein Sandwich; aber um dieses Artikels willen, tun wir so, als ob er das wäre.)

Warum sind wir so besessen von “Food-Porn”?

West-Remmey sagt, Devour Power poste nur Sandwiches, die sie selbst probiert haben und sich selbst empfehlen würden – selbst wenn gelegentlich eins dekonstruiert werden muss, um das Essen zu erleichtern. Jackson Cook und Graham Burns, die eine Kreativagentur in Williamsburg sowie den beliebten Instagram-Account “The Brothers Buoy” betreiben, arbeiten nach demselben Prinzip.

Trotzdem sind sie sich nicht sicher, warum ausgerechnet die verrückten, schwieriger zu essenden Sandwiches – die sie eher meiden – die meisten Reaktionen in den sozialen Medien hervorrufen.

“Es ist das Schauspiel”, vermutete Burns. “Jeder weiß, wie ein normales, gutes Sandwich aussieht. Aber auf Instagram bleibt man eher an den Dingen hängen, die extremer sind. ”

Letztlich ist Instagram ein aufstrebendes Medium. Wir möchten keine Reiseposts aus dem Park um die Ecke. Wir wollen einen windgepeitschten Menschen betrachten, der an einem weit entfernten Küstenabschnitt herumtollt.

Ebenso wenig wollen wir typische Sandwiches betrachten. Wir wollen uns die Art von Sandwiches ansehen, bei deren Anblick einem Gast in irgendeinem entlegenen Diner deutlich hörbar das Wasser im Mund zusammen läuft.

Das Gleiche gilt für übertriebene Iterationen anderer Instagram-geeigneter-Lebensmittel – gigantische Burritos, verrückte Pizzen und goldbeschichtete Chickenwings.

Sie sind im Wesentlichen virtuelle Werbetafeln für ihre weniger außergewöhnlichen Brüder. Allerdings kann es sein, dass diese Instagram-Sandwiches die Kerneigenschaften eines Sandwichs verloren haben – nämlich eine gut zu handhabende Speise zu sein, die eine robuste Struktur besitzt.

“Für mich hat das wirklich etwas von einem Porno”, sagt Greenspan. “Die Leute schauen sich das an und denken, ‘Ist das abgefahren. Aber ausprobieren will ich das nicht.’”

Diese Sandwiches könnten zwar Gäste in die jeweiligen Restaurants locken, sagt Greenspan, aber: “Am Ende des Tages müssen sie neben dem unwiderstehlichen Hingucker eben auch eine solide Basis liefern, damit die Leute zurückkommen.”

Die Leute schauen sich das an und denken, ‘Ist das abgefahren. Aber ausprobieren will ich das nicht.'

Es wäre also falsch zu sagen, dass Sandwiches im Allgemeinen größer, saftiger und überteuerter werden, ungeachtet dessen, was Instagram glauben lässt.

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Vielmehr stellt das Instagram-Sandwich die Apotheose des Food-Pornos dar – die per Definition ein Element der Unmöglichkeit enthält. Vielleicht sehen wir uns auf Instagram deshalb keine typischen Sandwiches an, weil sie erreichbar sind. Vielleicht wollen wir nur das, was wir nicht haben können.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt und leicht gekürzt.

(ak)