POLITIK
08/03/2018 07:25 CET | Aktualisiert 08/03/2018 09:49 CET

"Maischberger": Journalistin spricht harte Wahrheit über Medien aus

"Ich würde für keinen Kollegen die Hand ins Feuer legen."

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Die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen geht bei "Maischberger" mit Ulrich Kienzle, dem ehemaligen Chef von Radio Bremen, ins Gericht.
  • Bei “Maischberger” geht es am Mittwochabend um das Geiseldrama von Gladbeck und die unrühmliche Rolle, die Journalisten dabei spielten
  • Als der ehemalige Radio-Bremen-Chef Ulrich Kienzle sich aus der Verantwortung stehlen will, geht eine Reporterin dazwischen

Pressekonferenzen vor einem Bus voller Geiseln in Todesangst, ein Mob von Journalisten, der Fluchtautos hinterher hetzt und Reporter, die Verbrecher wie Superstars verehren: Das Geiseldrama von Gladbeck war einer der Tiefpunkte der deutschen Medienwelt. 

Am Mittwochabend wird dieser Tiefpunkt bei “Maischberger” in der ARD aufgearbeitet. Gleich zwei Journalisten, die für den damaligen Medienzirkus mitverantwortlich waren, sind anwesend. Beide spielen ihre Mitverantwortung für das tödliche Drama im Jahr 1988 herunter

So sehr, dass es der Journalistin Gisele Friedrichsen irgendwann reicht – und sie die Runde und die Zuschauer mit einer harten Wahrheit über die Medien konfrontiert. 

 Zu Gast bei “Maischberger”:

► Johnny Bastiampillai (Arzt und Ex-Geisel)

► Ulrich Kienzle (ehemaliger Chefredakteur von Radio Bremen)

► Gisela Friedrichsen (Gerichtsreporterin im Fall Degowski)

► Joe Bausch (Gefängnisarzt von Degowski)

► Manfred Protze (dpa-Reporter beim Gladbecker Geiseldrama)

►Bernd Heinen (heutiger Polizeichef in NRW)

Ex-Chef von Radio Bremen kann Aufregung “nicht nachvollziehen”

Friedrichsens vehementer Vorwurf folgt auf eine peinliche Wortmeldung des ehemaligen Radio-Bremen-Chefs Ulrich Kienzle. Mit seinem Team hatte der Journalist damals ein Interview mit dem Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner geführt – noch während die Geiselnahme lief. 

Als Moderatorin Sandra Maischberger ihm ein Zitat der Mutter der erschossenen Geisel Silke Bischoff vorliest, in dem diese Journalisten als “blutrünstige Menschen” bezeichnet, sagt Kienzle: “Das kann ich nicht nachvollziehen, was da passiert ist, ist eine Hysterisierung.”

Er redet sich heraus: Das ZDF habe ja schon am Abend vor seinem Rösner-Interview eine Szene der Abfahrt der Geiselnehmer aus Gladbeck gezeigt. 

“Sie müssen sich vorstellen, wir haben damals in einer sehr angestrengten Situation gelebt”, rechtfertigte sich Kienzle. “Die Privaten tauchten auf, wir fragten uns, wie müssen wir damit umgehen?” 

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► An das Rösner-Interview sei dann das ZDF gelangt – der Sender habe es einfach ausgespielt, “ohne uns zu fragen”.

Überhaupt sei das Interview ja gar nicht so schlimm gewesen. Am Ende wiederholt Kienzle noch mal, was er schon zu Beginn der Sendung behauptet: Dem Medienversagen sei ein Staatsversagen vorausgegangen

Als Moderatorin Maischberger Kienzle darauf festnageln will, dass er als Chefredakteur durchaus hätte verhindern können, dass seine Kollegen das Interview mit Rösner führen oder senden, wird es noch peinlicher.

Kienzle stiehlt sich aus der Verantwortung: “Wir haben das einfach an die ‘Tagesthemen’ überspielt und gesagt: ‘Macht damit, was ihr wollt.’” 

Und an diesem Punkt reicht es dann Gisela Friedrichsen.

Journalistin: “Sie haben den Verbrechern eine Bühne gegeben” 

“Ich bekomme da ganz große Bauchschmerzen”, sagt die Reporterin, die den Fall des Geiselnehmers Dieter Degowski für den “Spiegel” vor Gericht verfolgte.

► “Sie haben damit den Verbrechern eine Bühne gegeben, die man sich ja kaum erträumen kann”, herrscht sie Kienzle an. 

In der Folge wären die Journalisten ja erst noch weiter ausgeartet, hätten etwa die Geiselnehmer aufgefordert, ihre Waffe für das richtige Bild doch nochmal an das Kinn der Geisel Silke Bischoff zu halten. 

“Und die haben das auch brav gemacht, weil das ja so toll war alles”, wütet Friedrichsen über den Medienzirkus um Rösner und Debowski. “Das entwickelt eine Eigendynamik.” 

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Als Kienzle noch einmal versuchen will, das Interview zu verharmlosen, geht die Journalistin direkt wieder dazwischen: “So harmlos war das nicht!” 

Das wirklich vernichtendste Statement von Friedrichsen kommt aber später, als Maischberger sie nach den Lehren aus dem Fall Gladbeck fragt. Es ist eine Aussage, die eine bittere Wahrheit über die Medien vor Augen führt. 

Das Jagdfieber der Journalisten hält an

“Angenommen, heute würde wieder so ein Auto in der Fußgängerzone stehen”, beginnt Maischberger, “glauben Sie, wir Journalisten würden da alle rumstehen und sagen, ‘Das lassen wir’?” 

Friedrichsens antwortet fast schon bedrückt: “Ich würde für keinen Kollegen die Hand ins Feuer legen. Für keinen.” 

► Es ist eine bittere Erkenntnis.

Der Journalismus hat, so legt es Friedrichsen nahe, aus seinen Fehlern nicht gelernt. Der Sensationsrausch, das “Jagdfieber”, wie es bei “Maischberger” genannt wird, ist noch immer ausgeprägt. 

Das wird auch deutlich, als der dpa-Reporter Manfred Protze über das Geiseldrama von Gladbeck spricht. Er zeigt keinerlei Einsicht über Fehler in der damaligen Berichterstattung. 

Stattdessen sagt Protze: “Es war die Geilheit auf die geilsten Bilder. Wir wollen einfach die geilsten Bilder senden!” 

Ob das heute so anders wäre?  

(mf)