ELTERN
17/01/2019 14:03 CET | Aktualisiert 17/01/2019 14:03 CET

Nach 12 Jahren begegnete ich dem Samenspender meiner Tochter – und verliebte mich

Es sind nicht die Gene, die eine Familie ausmachen. Doch Liebe allein ist es auch nicht.

Als Jessica Share ihren Lebensgefährten Aaron Long kennenlernte, hatte sie bereits eine elfjährige Tochter von ihm. Obwohl sie sich nie zuvor gesehen hatten, fühlte Jessica gleich eine tiefe Verbundenheit zu ihm. Über diese ungewöhnliche Familienkonstellation schreibt Jessica hier in einem Gastbeitrag. 

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Aaron das erste Mal begegnet bin. Da war gleich diese Vertrautheit. Ich fühlte mich sicher bei ihm und ich hatte das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen.

Dieser völlig Fremde Mann war der biologische Vater meiner 11-jährigen Tochter. 12 Jahre zuvor, im Jahr 2005 hatte ich sein Sperma von einer Samenbank bekommen und mich damit selbst befruchtet. Damals lebte ich im mittleren Westen der USA und war mit einer Frau verheiratet.

Wir wünschten uns Kinder und entschieden uns für einen anonymen Samenspender. Weil ich von zu Hause aus an meiner Doktorarbeit schrieb, entschieden wir, dass ich das erste Baby austragen würde.

Bei der Wahl des Spenders suchten wir nach Merkmalen, die er mit meiner Frau gemeinsam hatte: Dunkles, gewelltes Haar, eine Vorliebe für Sport und ein Literaturstudium.

Wenige Monate später war ich schwanger. Und kurz nachdem meine Tochter Alice geboren war und wir ein wenig Zeit hatten, dieses Wunder zu bestaunen, beschlossen wir, noch ein Baby von demselben Spender zu bekommen. Diesmal trug meine Frau das Kind aus. Ihre Tochter kam 18 Monate nach Alice zur Welt.

Alice wollte wissen, wer ihr Vater ist 

Doch als die Kinder eins und drei Jahre alt waren, trennte meine Frau sich überraschend von mir. Bis heute habe ich nicht erfahren, was der Grund für die Scheidung war. Eine Weile betreute ich unsere Kinder noch gemeinsam. Doch eines Tages nahm meine Ex-Frau ihre Tochter mit, brach den Kontakt ab und blockierte alle Nummern.

Alice und ich haben ihre kleine Schwester nie wieder gesehen. Ein paar Jahre vergingen und Alice beschäftigte die Frage, wer ihr Vater war. Als sie 11 Jahre alt war bekam sie ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk von ihrer Großmutter: Einen DNA-Test.

Ich hätte nie gedacht, dass wir ihren Vater auf diesem Weg finden würden. Schließlich hatte er sich entschieden, seinen Samen anonym zu spenden. Doch als die Ergebnisse acht Wochen später zurückkamen und ich auf der Website nach Verwandten meiner Tochter suchte, stand dort: Aaron Long: 50% Vater. Und noch etwas: Bryce Gallo 25% Halbbruder.

Ich kannte diesen Gesichtsausdruck 

Ich suchte Online nach Aaron Long. Natürlich gab es nicht nur einen. Doch nach einiger Recherche fand ich ein Foto auf einem Social-Media-Account. Und es gab keinen Zweifel: Ich kannte diesen Gesichtsausdruck von meinen Töchtern.

Jessica Share

Ein paar Monate vergingen, bevor ich schließlich vor ihm stand und in diese Augen sah, die mir längst vertraut waren. Auch Alice hat diese wahnsinnig schönen Augen. Diese Farbmischung aus braun, grün und grau, die ich bei keinem anderen Menschen je gesehen habe.

Aaron lebte inzwischen in Seattle. Alice war nicht das einzige Kind, das den Kontakt zu ihm gesucht hatte. Zusammen mit ihrem Vater lernte meine Tochter auch ihren Halbbruder Bryce und ihre Halbschwester Madi kennen.

Es war alles sehr harmonisch. Als Aaron und ich uns zum ersten Mal trafen, war ich noch in einer Beziehung mit einem anderen Mann. Doch als diese Beziehung endete, fragte ich mich, ob es nicht eine Zukunft für mich und den Vater meiner Töchter geben könnte.

Aaron war längst Familie für mich 

Wenn Menschen eine Beziehung haben und über Kinder nachdenken, sind sie oft ganz entzückt von dem Gedanken, es könnte kleine Menschen geben, die eine Mischung aus ihnen beiden sind. Aaron und ich hatten das bereits. Auf verrückte Art und Weise war er längst Familie für mich.

Ich erkannte so viele Eigenschaften von Alice in ihm wieder. Zum Beispiel sind sie beide unglaublich empathisch. Aaron arbeitet ehrenamtlich bei einer Obdachlosenorganisation. Und Alice hat in ihrer Kindheit viel Zeit darauf verwendet, Briefe an den Präsidenten zu schreiben, damit er den Krieg im Nahen Osten beendet.

Außerdem haben sie beiden einen unglaublichen Wortschatz, interessieren sich gleichermaßen für Literatur und haben einen ganz ähnlichen Humor.

 

Jessica Share

Nachdem Aaron und ich uns etwas besser kennengelernt hatten, beschlossen Alice und ich, zu ihm nach Seattle zu ziehen. Aaron lebt in einem großen Haus mit mehreren Etagen. Seine Mutter lebt ebenfalls dort, genau wie seine Tochter Madi. Und es ist gut möglich, dass noch weitere Kinder von Aaron in unser Haus kommen und eine Weile bleiben.

Was Familie wirklich ausmacht

Wir wissen nicht genau, wie viele Kinder durch seine Samenspenden entstanden sind. Er hat ein Jahr lang regelmäßig gespendet und darauf basierend eine Kalkulation aufgestellt: Bis zu 67 Kinder könnten daraus entstanden sein. Im Moment wissen wir von insgesamt 10 Kindern.

Mich stört das überhaupt nicht. Ich denke, jedes weitere Kind von Aaron, das in unsere Leben tritt, kann nur eine Bereicherung sein. Unsere Geschichte hat uns gezeigt, wie viele Facetten eine Familie haben kann, denn unsere ist sozusagen anders herum entstanden und ich habe so viel daraus gelernt. 

Die DNA hat eine viel größere Bedeutung als mir damals bewusst war, als ich nach einem Samenspender für mein Kind gesucht habe. Trotzdem sind es nicht die Gene, die eine Familie ausmachen. Doch Liebe allein ist es auch nicht. Denn sonst hätten wir Alice’ zweite Mutter und ihre kleine Schwester nicht so einfach verlieren können.

Ich denke, der wahre Sinn einer Familie ist, offen für die Liebe zu sein – in welcher Form auch immer sie entsteht. Neue Familienmitglieder können willkommen geheißen werden, denn in einer starken Familie gibt es Raum für die unterschiedlichsten Beziehungen.

Dieser Text basiert auf einem Gespräch zwischen Jessica Share und Gina Louisa Metzler.