POLITIK
27/08/2018 17:21 CEST | Aktualisiert 27/08/2018 18:00 CEST

Sächsische Kriminalpolizistin: Darum ist die Lage in Chemnitz eskaliert

Die Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Sachsen berichtet: "Ich kenne Menschen, die sind schwarz, die leben hier seit Jahren und werden auch Opfer solcher Hetzjagden."

Im Video oben seht ihr, wie die Lage in Chemnitz eskaliert ist.

Deutschland diskutiert über Jagdszenen, die sich am Sonntagabend im sächsischen Chemnitz ereignet haben. 

Nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes in der Innenstadt formierten sich dort mehrere hundert teils rechtsradikale Demonstranten und gingen ausländisch aussehende Bürger an.

Videos dokumentieren auch gewaltsame Angriffe auf Polizisten. Auch am Montagabend könnte es erneut zu brisanten Zusammenstößen kommen. Rechte Bündnisse mobilisieren zu einem massiven Aufmarsch, auch eine Gegendemonstration ist geplant.

Phoenix / Screenshot

Die HuffPost hat Cathleen Martin, Kriminalpolizistin und Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Sachsen gefragt, wie die Situation so außer Kontrolle geraten konnte und was am Montag anders laufen muss.

Sie ist der Überzeugung: “Die deutsche Bevölkerung ist unzufrieden und hier erleben wir jetzt den Explosionsherd, welchen rechtsgerichtete Gruppen bewusst ausnutzen.”

Das Interview:

HuffPost: Wenn Sie die Bilder von der aus dem Ruder gelaufenen Demonstration gestern Abend beurteilen sollten: War die Polizei auf diese Gewalteskalation nicht vorbereitet?

Martin: Es war definitiv damit nicht zu rechnen, dass es so aus dem Ruder läuft. Es war ein Zusammenschluss von Gruppen, der sich so nicht angekündigt, sondern sich spontan gebildet hat. Dann ist es trotz großer Bemühungen der Polizei eskaliert. 

Was ist die Strategie für heute Abend?

Die Polizei sollte alle verfügbaren Kräfte mobilisieren. Wir dürfen aber auch die anderen stattfindenden Großveranstaltungen nicht aus dem Auge lassen. 

Wie kann man gegen Rechtsextreme vorgehen, die Jagd auf ausländisch aussehende Mitbürger machen und Dinge skandieren wie “Kanacken klatschen“?

Man muss da trotzdem deeskalierend vorgehen. Denn die oberste Maxime muss immer sein, weitere Gewalttaten zu verhindern. Ich würde mir da aber mehr Unterstützung der Stadt wünschen, dass solche Veranstaltungen gar nicht erst erlaubt werden. Das Wichtigste wäre aber, die Ursachen der Probleme anzugehen.

Die da wären?

Zum Beispiel die nicht erfolgte Integration von bestimmten Gruppen der neu dazugekommenen Bürger. 

Sie meinen die mutmaßlichen Täter der Messer-Attacke. Nun wurden danach aber auch zahlreiche Unbeteiligte angegriffen, weil sie “ausländisch“ aussahen... Auch Studenten waren dabei.

Ich verurteile beide Straftaten. Auch die Reaktion dürfen wir uns nicht gefallen lassen. Das ist hier ein lang bekanntes Problem. Ich kenne Menschen, die sind schwarz, die leben hier seit Jahren und werden auch Opfer solcher Hetzjagden. So etwas geht nicht.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Situation auch durch Stimmungsmache im Internet weiter aus dem Ruder gerät? 

Die Gefahr ist groß. Es ist alarmierend. Die deutsche Bevölkerung ist unzufrieden und hier erleben wir jetzt den Explosionsherd, welchen rechtsgerichtete Gruppen bewusst ausnutzen. 

Die AfD ruft etwa dazu auf, dass die Bürger ihren Schutz nun in die eigene Hand nehmen... 

Wo wollen wir da denn hinkommen? Solche Äußerungen sind wirklich brandgefährlich.