POLITIK
18/03/2018 23:24 CET

Kreml-Kritiker Kasparow: "Die Zukunft Putins hängt vom Westen ab"

Der Giftanschlag in Großbritannien sei eine Warnung Moskaus.

JOEL SAGET via Getty Images
Garry Kasparow – Ex-Schachlegende und Putin-Kritiker
  • Die Attacke auf einen Ex-Doppelagenten sorgt derzeit für eine neue Eiszeit zwischen Russland und dem Westen 
  • Wie Letzterer darauf reagieren sollte, hat der Kreml-Kritiker Garry Kasparow der HuffPost erklärt

Der Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien war nach Ansicht von Kreml-Kritiker Garry Kasparow ein Einschüchterungsversuch des Kremls. 

Dass auch Skripals Tochter Opfer der Attacke wurde, sei kein Zufall, sagte der frühere Schachweltmeister der HuffPost am Rande der großen Putin-Konferenz “Putincon” in New York.

“Das ist ein zielgerichtetes Signal der Einschüchterung. Der Kreml hat Angst, dass US-Sonderermittler Robert Mueller jetzt russische Staatsbürger zur Einmischung Moskaus in den US-Wahlkampf befragen könnte.” Man wolle das um jeden Preis – auch den eines Mordes – verhindern.

“Wer redet, dem ergeht es wie Skripal”

Das Russland unter dem frisch wiedergewählten Präsidenten Wladimir Putin sei ein Mafia-Staat, mahnt Kasparow: “Und die Mafia mordet nicht einfach so. Es gibt immer einen Grund. Das Opfer Skripal selbst ist Moskau egal. Es geht um die Warnung, um die Botschaft: Wer redet, dem passiert das gleiche.”

Die Mafia mordet nicht einfach so. Es gibt immer einen Grund. Das Opfer Skripal selbst ist Moskau egal. Es geht um die Warnung, um die Botschaft: Wer redet, dem passiert das gleiche.”

Das oft gehörte Argument zur Verteidigung Putins, der Giftanschlag schade dem Kreml-Chef, weist Kasparow zurück. “Diesen Unsinn hören wir seit 15 Jahren, immer wenn jemand ermordet wird.”

Belastende Aussagen von russischen Zeugen gegenüber Sonderermittler Mueller seien für Putin viel gefährlicher als der Mordversuch, glaubt Kasparow.

► Er fordert Konsequenzen: Der Westen müsse endlich aufhören, so zu tun, als sei Russland ein ganz normaler Staat mit seinen ganz normalen Interessen.

„Der russische Staat vertritt unter Putin keine nationalen Interessen, sondern nur die Interessen der Banditen, die dort an der Macht sind“, mahnt der Oppositionspolitiker, der im Exil in den USA lebt, nachdem er in Russland mehrfach festgenommen wurde.

Geld oder Loyalität? 

Dass Großbritannien jetzt 23 russische Diplomaten ausgewiesen habe, sei als Reaktion auf den Mordversuch völlig unzureichend.

► „Man muss beim russischen Geld ansetzen“, fordert Kasparow. „Nur das tut Putin und seinen Leuten weh.” Man müsse ihren Kapitalflüssen in die Quere kommen. Das sei der einzige Weg. Vor allem den russischen Oligarchen müsse man zu verstehen geben, dass für sie eine Unterstützung Putins teuer zu stehen kommt.

Der Westen müsse die superreichen Russen vor die Wahl stellen: „Entweder bleibt Ihr auf Putins Seite oder Ihr rettet Euer ganzes Vermögen, das Ihr bei uns gebunkert habt.” Dann würden die Oligarchen anfangen, sich etwas  gegen Putin zu überlegen, erwartet Kasparow.

► Ein erster wichtiger Schritt wäre ihm zufolge es, das in den USA und einer Reihe anderer Länder in Kraft getretene so genannte “Magnitski-Gesetz” in ganz Europa einzuführen.

Dieses verbietet russischen Offiziellen, die in den Fall des im Gefängnis getöteten russischen Anwalts Magnitski und anderen Verbrechen involviert sind, unter anderem die Einreise und blockiert ihr Vermögen im Ausland.

Tschechien, Ungarn, Griechenland: Putins Vorposten in Europa

Kasparow gründete 2008 zusammen mit dem 2015 ermordeten Politiker Boris Nemzow die außerparlamentarische Oppositionsbewegung Solidarnost. 

Für den 54-Jährigen ist klar: Wie lange Putin noch an der Macht bleibt, hängt nicht von Wahlen ab. Denn diese könne man nicht als solche bezeichnen. Einzig allein der Westen könne Einfluss nehmen. Doch der Hauptgrund dafür, dass es bisher keine wirksamen Konsequenzen gebe, sei Putins starke Position in Europa.

Denn mit Miloš Zeman in Tschechien, Viktor Orbán in Ungarn, Alexis Tsipras in Griechenland sowie den vielen Putin-Verstehern in Deutschland und in anderen EU-Ländern habe der Kreml-Chef “ein starkes Unterstützer-Feld”, erklärt Kasparow.

Unverständlich findet der Ex-Schach-Weltmeister die großen Sympathien für Putin in Deutschland, das jahrzehntelang und der Teilung und dem von Moskau geführten Unrechtssystem in der DDR litt.

 Nach einer aktuellen von der “Welt” in Auftrag gegebenen, repräsentativen Umfrage wünschen sich 58 Prozent der Deutschen eine Annäherung an Russland; 14 Prozent sind für eine Beibehaltung des bisherigen Kurses, und nur 26 Prozent für eine Distanzierung von Moskau. 

In der Bundesrepublik habe es von Anfang an kaum Widerstand gegen Putins Propaganda gegeben, seine Lobbyisten gäben auch in Berlin den Ton an, klagt Kasparow.

Moskau betreibe eine gigantische Destabilisierungs-Kampagne in ganz Europa, mahnt der Kreml-Kritiker: „Und was tun die Deutschen? So gut wie nichts. Vielen wollen das Problem nicht mal wahrhaben.“

Bis es zu spät ist.

(mf)