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23/06/2018 14:48 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 15:58 CEST

Russische Ex-Fußballerin über Homosexualität: "Ich will nicht mehr schweigen"

"Russlands Mentalität geht brutal mit Menschen wie mir um. Vor allem im Fußball."

Ekaterina Bodyagina
Alena Lazareva spricht zum ersten Mal offen über ihre Homosexualität. 

Zum ersten Mal spricht eine frühere Profi-Fußballerin aus Russland ausführlich und öffentlich über Homosexualität in ihrem Sport. Russland gilt als eines der homophobesten Länder Europas. Durch die Fußballweltmeisterschaft ist das Thema erneut in den Fokus gerückt. Wir haben Alena Lazareva in Samara getroffen.

Ich erinnere mich noch genau an das Abendessen mit meinen Eltern in unserem Haus in Samara.

Meine Mutter stellte mir die üblichen Fragen: Wann suchst du dir einen Verlobten? Wann heiratest du endlich?

Dann sagte mein Vater: Vielleicht will sie ja mit einer Frau zusammen sein.

Meine Mutter haute ihm auf den Hinterkopf, als hätte er einen blöden Spruch gemacht.

Für mich aber war es kein blöder Spruch. Es war die Wahrheit.

Ich sagte: Ja, es stimmt.

Meine Mutter weinte. Ich weiß bis heute nicht, ob aus Trauer oder aus Freude. Aber sie sagte: Wir lieben dich so sehr. Du bist unser Kind, so oder so.

Die russische Mentalität geht brutal mit Menschen wie mir um. Homosexualität ist ein Tabu – vor allem im Fußball.

Ich habe mich in diesem Moment beruhigt, aber auch befreit gefühlt.

Das Abendessen ist jetzt fast fünf Jahre her.

Bis dahin spielte ich professionell Fußball in Russland: Für die Erstliga-Teams Ekostrom, Olympic Spartak, CSK VVS und die Jugend-Frauennationalmannschaft.

Ich habe meine Karriere dann für meine große Liebe, Jenja, aufgegeben. Nun wollen wir heiraten. Wir sparen für eine Hochzeit in zwei Jahren in Las Vegas.

Privat
Alena Lazareva (m), in der russischen Jugendnationalmannschaft.

Die russische Mentalität geht brutal mit Menschen wie mir um. Homosexualität ist ein Tabu – vor allem im Fußball.

Wer sich outet, muss befürchten, dass unsere Gesellschaft mit ihren moralischen Anklagen wie Aasgeier über ihn herfällt.  

Sie zeigen mit dem Finger auf dich und sagen: Schaut sie an, irgendwas ist falsch mit der! Die kann doch kein Fußball spielen!

Denen möchte ich sagen: Ich spiele Fußball genauso konsequent - egal, ob ich eine Frau oder einen Mann liebe.

Die Sexualität hat nichts mit der sportlichen Leistungen zu tun.

Diese Sichtweise zählt aber in der Öffentlichkeit nicht.

Im schlimmsten Fall wenden sich Sponsoren, Vereinschefs und Fans gegen einen. Die Karriere ist zerstört, und wenn sich auch noch Eltern und Familie gegen einen wenden, auch das Leben.

Ich spiele Fußball genauso konsequent - egal, ob ich eine Frau oder einen Mann liebe. Die Sexualität hat nichts mit der sportlichen Leistungen zu tun.

Kein homosexueller Profi-Spieler in Russland hat deswegen bislang öffentlich über seine Sexualität gesprochen.

Ich jedoch will nicht länger schweigen – und möchte das erste Mal öffentlich darüber reden.

Denn ich habe zum einen nichts mehr zu befürchten. Meine Fußballkarriere ist zu Ende. Der Chef des Unternehmens, in dem ich nun arbeite, weiß es. Meine Freunde wissen es, meine Eltern seit dem Abendessen vor fünf Jahren auch.

Und ich möchte jenen Mut machen, die sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befinden.

In meinem Sport haben wir untereinander nie ein Geheimnis aus unserer Sexualität gemacht. In jedem Team, in dem ich spielte, war fast jede zweite lesbisch.

Als ich zum Fußball kam, war es eine Art Hype, lesbisch zu sein. In jedem Team, in dem ich spielte, war fast jede Zweite homosexuell.

Es ist schwer zu sagen, ob das ein repräsentative Zahl ist. Aber ich glaube nicht, dass es in den anderen Teams anders aussieht. Als ich zum Fußball kam, war es eine Art Hype, lesbisch zu sein.

Das hat mir auch geholfen, meine Sexualität besser zu verstehen.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich verstand, was mit mir eigentlich los ist.

Wir spielten in der russischen Stadt Krymsk. Kurz bevor wir einschliefen, haben meine Mitspielerinnen darüber gesprochen, dass Frauen auch mit Frauen zusammen sein können.

Ich habe mich an dem Gespräch nicht beteiligt. Aber ich lag unter meiner Bettdecke und dachte mir: “Hurra! Endlich macht alles einen Sinn.”

Danach habe ich mich befreit gefühlt und bin mit dem Thema offen umgegangen.

Ich kenne aber auch viele in meinem Sport, die sich eine heterosexuelle Fassade aufgebaut haben, hinter der sie Schutz suchen.

Viele haben geheiratet, Kinder bekommen.

Andere wiederum haben eine Freundin, zeigen sich aber nicht in sozialen Netzwerken auf Fotos mit ihnen. Auf Veranstaltungen treten sie entweder alleine oder mit einem Freund auf. Und wenn sie von Journalisten gefragt werden, mit wem sie ins Bett gehen, reden sie sich heraus. 

Ich kenne viele in meinem Sport, die sich eine heterosexuelle Fassade aufgebaut haben, hinter der sie Schutz suchen. Viele haben geheiratet, Kinder bekommen.

Wer den russischen Sportjournalismus nicht kennt, wird sich vielleicht wundern, dass solche Fragen auf Pressekonferenzen fallen.

Aber es ist leider die Realität.

Schon der Verdacht, dass man homosexuell ist, macht einen zur Zielscheibe. Ich habe diese Erfahrungen nie gemacht. Möglicherweise war ich nicht bekannt genug. Ich weiß aber, wie es sich anfühlt, seinem Umfeld ein anderes Leben vorzuspielen.

Als ich Jenja kennenlernte, gab sie mir drei Tage, mich für sie zu entscheiden und von Samara nach Moskau zu ziehen – oder sie zu verlassen.

Damals war ich noch Profifußballerin in Samara. Ich wusste: Wenn ich meinen Traum als Spielerin in der Nationalmannschaft verwirklichen will, darf ich nicht nach Moskau ziehen.

Die Entscheidung fiel mir deswegen nicht leicht. Mein Herz raste, ich hatte Schmetterlinge im Bauch, wenn ich an Jenja dachte. Andererseits ist Fußballspielen alles, was ich kann.

Privat
Alena Lazareva (r.), mit ihrer Freundin Jenja.

Am Ende gewann die Liebe.

Doch wie sollte ich das meinen Eltern erklären, dass ich für eine Frau nach Moskau ziehe.

Also strickte ich mir ein zweites Leben.

Ich sagte ihnen, dass ich zu einem Verein in der Hauptstadt wechseln und bei einer Freundin leben würde.

Und während ich mit Jenja die ersten Wochen unserer Beziehung erlebte, erzählte ich meinen Eltern von Trainings und meinem neuen Verein.

Zwei Monate hielt ich das durch, dann flog ich nach Samara. Und machte reinen Tisch.

Ich bin mir bis heute nicht sicher, was meine Eltern wirklich in diesem Moment dachten. 

Aber ich weiß, dass mein Vater darunter gelitten hat. Er hat es mir gegenüber nie gezeigt. Aber meine Mutter sagte mir einmal, dass mein Vater nach diesem Abendessen wochenlang nicht mehr schlafen konnte.

Er war enttäuscht von mir, liebte mich aber immer noch.

Mittlerweile haben sie Jenja kennengelernt. Wir können eine normale Zeit miteinander verbringen, küssen uns aber nicht vor meinen Eltern.

Privat
Alena Lazareva (r), als Torwart des FC Stary Oskol.

Homophobie ist leider überall präsent.

Angefangen im Fußball, wo eine meiner Trainerinnen einmal ausrastete und zwei Spielerinnen anschrie, die eine Affäre angefangen hatten.

Sie wolle nicht, dass die beiden einsam werden und ohne Kinder aufwachsen, sagte sie.

In Moskau, wo uns unsere Vermieterin rauswarf. “Wenn ich gewusst hätte, was ihr in eurem Raum macht, hätte ich euch nie herein gelassen”, schrie sie uns hinterher.

Bei meinem neuen Job, einem Geschäft für Sportbekleidung, wo mir eine Kollegin sagte: “Ich lasse meine Kinder nicht in deine Nähe.”

Oder eine Freundin von mir, die in einem Club von einem Skinhead zusammengetreten wurde.

Homosexuelle können sich in Russland leider immer noch nur dann frei bewegen, wenn sie ihre Liebe zueinander in der Öffentlichkeit verstecken.

Das gilt auch für Besucher dieser Weltmeisterschaft. Vor allem für die Jungs. Küsst euch nicht, haltet keine Händchen! Sonst werdet ihr verprügelt.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, seinem Umfeld ein anderes Leben vorzuspielen.

Es ist gar nicht so leicht, eine Botschaft an alle zu senden, die das lesen und die gleichen Sorgen, Ängste, Probleme aber auch Hoffnungen haben wie ich. 

Aber ich weiß: Es gibt viele von euch! Und wenn ihr bereit seid, dann traut euch und versteckt euch nicht länger.

Es hängt natürlich stark von eurem Umfeld ab, wie ein Outing euer Leben beeinflussen wird.

Eure Familie kann euch verstoßen, ihr könnt euren Job verlieren. Die Aasgeier lauern überall.

Aber ein Leben ohne Lügen ist befreiend.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Jenja ein Spiel meiner Heimatmannschaft im Stadion in Samara angeschaut habe.

Sie nahm mich in den Arm und flüsterte: Das hast du alles für mich aufgegeben. 

Ich antwortete ihr: Nein, es sollte so sein.

Ekaterina Bodyagina

Aufgezeichnet von Jürgen Klöckner; Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina.

(jg)