POLITIK
17/06/2018 09:22 CEST | Aktualisiert 18/06/2018 11:33 CEST

WM: Claudia Roth fordert "Zurückhaltung mit nationaler Selbstbeweihräucherung"

"Das hat uns stark gemacht und uns im Ausland hohe Anerkennung verschafft."

  • Wo hört Feiern auf, wo fängt Nationalismus an?
  • Pünktlich zur WM stellt Grünen-Politikerin Roth die Jubel-Frage.
  • Im Video oben fordert Claudia Roth mehr Zusammenhalt gegen die AfD.

Grünen-Politikerin Claudia Roth hat sich an ein Thema gewagt, an dem man sich schnell die Finger verbrennen kann. Erst recht, wenn man Claudia Roth ist, die zu polarisieren vermag wie wenige andere.

Der “Tagesspiegel” konfrontierte Roth im Interview mit dem Satz: “Es gab ja Zeiten, in denen es unter linksalternativen Menschen regelrecht verpönt war, der deutschen Nationalmannschaft zuzujubeln.”

Und erwartete dann eine Reaktion der Grünen-Politikerin.

Die kam auch. “Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt”, sagte Roth. Und sie wolle auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen.

“Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung.”

“Habe ich gesagt, wir sollten nicht feiern?”

Nationale Selbstbeweihräucherung. Das ist wieder so ein typischer Roth-Satz, bei dem ihr klar sein muss, dass sie damit nicht nur (wie üblich) AfD-Anhänger, sondern noch eine Menge anderer Deutscher gegen sich aufbringt.

Ein bisschen Fahnenschwenken und sich feiern – was spreche denn dagegen?, fragt der “Tagesspiegel” nicht ganz unprovokativ.

Und Roth führt aus:

“Habe ich gesagt, wir sollten nicht feiern? Von meinen Eltern habe ich nur gelernt, dass es keine Gnade der späten Geburt gibt. Über Jahrzehnte haben wir in einem breiten demokratischen Konsens geschafft, uns der deutschen Geschichte zu stellen. Das hat uns stark gemacht und uns im Ausland hohe Anerkennung verschafft.”

Aber: Nun gebe es mit der AfD eine Partei, die einen Schlussstrich ziehen wolle.

“Eine Partei, die auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören. Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben. Deshalb: Feiern ja, Nationalismus nein.”

Roth: Nationalmannschaft Spiegelbild unserer Gesellschaft

Roth führt die altbekannte Debatte über das angemessene Jubeln, die das Land in den vergangenen Jahren noch bei jedem sportlichen Großereignis führen musste, auf die aktuelle politische Bühne. 

Ist das nötig? Schließlich möchte ein Großteil der Deutschen vermutlich auch gar nichts anderes, als die Mannschaft für ihre (hoffentlich guten) Leistungen zu feiern. 

Und das wiederum müsste Roth sogar freuen, denn sie sagt auch: “Die Nationalmannschaft ist (für mich, Anm. d. Red.) Spiegelbild unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. So ist inzwischen auch Deutschland: bunt und vielfältig, mehr Regenbogen, mit Namen wie Kroos und Werner, aber eben auch Khedira und Boateng.”

Dieser multikulturellen Truppe zuzujubeln, bedeutet dann doch gewissermaßen auch, sich an einem multikulturellen und weltoffenen Land und seiner Gesellschaft zu erfreuen. 

Da macht sicher auch Claudia Roth gerne mit.

(jg)