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26/05/2018 12:39 CEST | Aktualisiert 26/05/2018 13:56 CEST

Wie diese Frau gegen die Diskriminierung der Roma kämpft

"Es ist wichtig, dass wir uns von der Geschichte befreien, die über uns geschrieben wurde."

Gordon Welters/Open Society Foundations
Tímea Junghaus

Sie haben eine eigene Sprache, eigene Traditionen, sogar eine eigene Flagge: Rund sechs Millionen Roma leben Schätzungen zufolge in der Europäischen Union.

Wer über sie spricht, spricht meist über Probleme. Das hat gute Gründe. Viele Roma kämpfen mit Herausforderungen, von denen wir glauben wollen, dass sie in Europa längst Geschichte sind. 

Sie leben in Häusern ohne fließendes Wasser oder Strom, haben keine Krankenversicherung, kämpfen mit Armut und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt.

Tim Graham
Heruntergekommene Häuser, Armut, ein Leben am Rande der Gesellschaft – in diesem Kontext wird meist über Roma gesprochen.

Es ist nicht schwer, Daten zu finden, die veranschaulichen, dass es noch viel zu tun gibt, wenn es um die Inklusion von Roma geht:

► 12 Millionen Menschen gehören in Europa zur Minderheit der Roma. In Deutschland sind es Schätzungen zufolge 120.000.

► Vier von fünf Roma in neun untersuchten EU-Mitgliedstaaten sind armutsgefährdet.

► Im Durchschnitt hat nur ein Viertel der Roma einen bezahlten Job.

► Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung besuchen wesentlich weniger Roma weiterführende Schulen oder Universitäten.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Seit Jahrzehnten ist die schwierige Lage der Roma bestens dokumentiert: EU-Strategien werden entworfen, nationale Integrationspläne geschrieben, Fortschrittsreporte verfasst.

Warum ändert sich dann trotzdem so wenig? Die EU-Grundrechteagentur nennt das Problem beim Namen: Es liege am weit verbreiteten Antiziganismus, so lautet der Fachbegriff für Rassismus gegen die Roma, dass sich Chancen und Lebensbedingungen der Minderheit nicht nachhaltig verbessern. 

Ist Antiziganismus der letzte gesellschaftlich akzeptierte Rassismus Europas?

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Roma wollen ihre Geschichte endlich selbst erzählen

Tímea Junghaus ist eine Frau, die diesem Rassismus zu Leibe rücken will. Junghaus wuchs in Budapest auf und machte als erste Frau der ungarischen Roma überhaupt einen Abschluss in Kunstgeschichte. Heute lebt sie in Berlin und ist Direktorin des im letzten Jahr gegründeten Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur (ERIAC). 

Mit ihrem Team will sie dazu beitragen, dass künftig weniger über Roma gesprochen wird – sondern dass diese ihre Geschichte endlich selbst erzählen.

Wie kam es zur Gründung des Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur (ERIAC)?

Tímea Junghaus: ERIAC ist das Ergebnis einer Initiative von Roma-Intellektuellen in ganz Europa: Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten, die aus verschiedenen Ländern zusammenkamen. Sie betrieben Lobby-Arbeit beim Europäischen Rat und auf nationaler Ebene.

Seit die Roma in den späten 60er-Jahren zum Thema der politischen Debatte wurden, werden sie als Problem definiert.

Das Ergebnis dieser Initiative ist dieses Institut mit Wänden, Türen, Fenstern und Ausstellungen. Ich weiß, dass das komisch klingt. Aber es gab schon so viele Grundsatzpapiere, Webseiten, Initiativen und Projekte, wenn es um Roma geht. Sie lösen sich in nichts auf, sind kurzfristig, laufen aus. Aber ein echter Raum prägt sich ein.

ERIAC wurde gegründet, um mit Kunst und Kultur “das Selbstbewusstsein der Roma zu stärken und negative Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung abzubauen.” Wie genau soll das funktionieren?

Tímea Junghaus: Seit die Roma in den späten 60er-Jahren zum Thema der politischen Debatte wurden, werden sie als Problem definiert. Politik, die auf Roma abzielt, tut das normalerweise in den Bereichen Wohnen, Bildung, Gesundheit und Arbeit.

Die Probleme und Herausforderungen für Roma in diesen Bereichen werden dabei von der Mehrheitsbevölkerung als Nebenprodukte der “Zigeunerkultur” begriffen. So findet eine kulturelle Codierung statt. Die Mehrheitsbevölkerung begreift Roma dann auch in der Kategorie des Zigeuners.

Es ist also extrem wichtig, einen Bereich zu finden, in dem Roma als Mehrwert für die Gesellschaft empfunden werden. Kunst und Kultur ermöglichen es, dass in einem positiven Kontext über Roma gesprochen wird und darüber, wie wir zu nationalen Kulturen beitragen. Damit wollen wir arbeiten.

In Deutschland leben weniger Roma als in anderen europäischen Staaten. Warum ist Berlin trotzdem eure Basis?

Tímea Junghaus: Es sollte auch anerkannt werden, dass es neben den Sinti in Deutschland auch viele Roma gibt, die aus anderen EU-Staaten zugewandert sind oder die während der Balkan-Kriege als Asylbewerber nach Deutschland kamen. Es war uns bei der Standortwahl wichtig, dass es einen großen Roma-Anteil in der Bevölkerung gibt.

Wir wollten außerdem in eine europäische Hauptstadt mit einer lebendigen Kunstszene – und einer Regierung, die unsere Ideen, Prinzipien und Aktivitäten unterstützt. ERIAC wurde letztes Jahr gegründet, seitdem gab es Kulturprojekte in 8 Ländern, die sich mit der lokalen Szene auseinandersetzen, aber auch mit der europäischen Ebene verknüpft sind.

Gordon Welters/Open Society Foundations
Tímea Junghaus (erste von links) mit Team und Gründungsmitgliedern des Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur bei der Eröffnung im Juni 2017.

Worüber sprichst du eigentlich, wenn du von der Kultur der Roma sprichst? Gibt es eine Kultur der Roma?

Tímea Junghaus: Nein. Ein Prinzip unserer Arbeit lautet, dass wir die kulturelle Vielfalt innerhalb der Community anerkennen. Es gibt über 23 Untergruppen von Roma allein in Europa. Viele von ihnen sprechen eigene Dialekte und haben eigene Traditionen. In unserem Institut laden wir die ganze diverse Bandbreite an Kulturen der größten Minderheit Europas zum Mitmachen ein. Es ist wichtig, dass Kultur eine inklusive Kategorie ist.

Geschichte und Erinnerung werden eine weitere Programmschiene des Instituts bilden. Was wollt ihr in diesem Bereich erreichen?

Tímea Junghaus: Wir haben einige Prioritäten, zum Beispiel die Anerkennung der wichtigen Orte und Gedenkstätten, die mit der Geschichte des Roma-Holocausts zusammenhängen. Außerdem wollen wir auf die Rolle der Roma bei historischen Ereignissen in bestimmten Staaten hinweisen. Die Ungarische Revolution von 1956 hatte viele Roma-Helden. Dass wir uns selbst in die Geschichte dieser Länder schreiben, ist extrem wichtig.

Der erste Schritt: verlernen und vergessen

Du plädierst für “Interventionen bei der Wissensproduktion”. Wie wird Wissen über Roma denn überhaupt produziert?

Tímea Junghaus: Ich sollte vielleicht nicht so kritisch sein, aber ein Bereich, dem wir wirklich mit sehr viel Skepsis begegnen sollten, ist die Wissenschaft. Texte und Forschung über Roma werden von Soziologen, Anthropologen und anderen Wissenschaftlern produziert, die selbst keine Roma sind.

Es ist wichtig, dass wir uns von der Geschichte befreien, die über uns geschrieben wurde.

Sie bauen auf die Geschichte dieser Forschung auf, die wiederum von Folkloristen, Ethnographen und den Sammlern der Wunderkammernproduziert wurde. Erst in den späten 60er-Jahren beanspruchten Roma-Intellektuelle auch die Autorenschaft ihrer Welt.

Was hat sich seitdem verändert?

Tímea Junghaus: Seit den späten 60er-Jahren haben Europa und die einzelnen Nationalstaaten viel Geld in die Ausbildung von Roma investiert. Jetzt haben wir also Wissenschaftler und Dozenten und Leute, die sogar in mehreren Disziplinen promoviert sind. Auch weil es für Roma immer leichter ist, in der Wissenschaft Karriere zu machen, als in anderen Bereichen Jobs zu finden…

Die erste Generation von promovierten Roma leitet nun den Studiengang für Roma-Studien an der Central European University in Budapest. Wir leben in wirklich historischen Zeiten. Diese Leute sind unsere bell hooks’ (eine Verfechterin antirassistischer Ansätze, Anm.) und Cornel Wests (afroamerikanischer Intellektueller, Anm.). Wir sehen uns selbst als die Schwarzen Europas.

Inwiefern macht es einen Unterschied, wenn Roma anfangen, ihre eigene Geschichte zu erzählen?

Tímea Junghaus: Es gibt einen critical turn in den Roma-Studien. Roma arbeiten mit Theorien des Postkolonialismus oder des Feminismus und versuchen zu begreifen, wie wir uns als kolonialisierte Minderheit verstehen können. Es ist wichtig, dass wir uns von der Geschichte befreien, die über uns geschrieben wurde.

Erst mal muss die Roma-Community ein Bewusstsein entwickeln. Und das passiert gerade.

Das ist die Intervention, die wir brauchen: verlernen und vergessen. Und danach müssen wir unsere eigene Geschichte schreiben. Roma sind ein Teil der europäischen Nationalstaaten, Roma haben zu Geschichte, Kultur und Lebensstil der einzelnen Länder beigetragen!

600 Jahre alte Stereotype

Wenn man über Roma spricht, denken heute noch viele an verführerisch tanzende Frauen in bunten Kleidern, Wahrsagerinnen oder ein sorgenfreies Leben im Wohnwagen. Wie kriegt man diese Bilder raus aus den Köpfen?

Tímea Junghaus: Erst mal muss die Roma-Community ein Bewusstsein entwickeln. Und das passiert gerade. Aber wir müssen auch anerkennen, dass Stereotype und Vorurteile sehr tief sitzen. Sie sind ein integraler Teil der westlichen, der europäischen Kultur. Antiziganismus prägt die Mehrheitsbevölkerung.

Die ersten Bilder von Roma tauchten in der Niederländischen Renaissance auf, im späten 15. Jahrhundert. Sie zeigten schon damals den Orientalismus der Maler und sagten mehr über die Fantasien der Mehrheitsgesellschaft als über die Roma aus. Die Stereotype, die wir bekämpfen, gibt es also seit 600 Jahren. Wir werden sie nicht innerhalb von ein paar Jahren ändern können. Es ist ein Prozess.

Nihad Nino Pusija/ERIAC
Skulptur des Künstlers Damian Le Bas bei der ersten Ausstellung des ERIAC: Transgressing the past, shaping the future.

Wie wird dieser Prozess zum Erfolg?

Tímea Junghaus: Vorlesungen an den Universitäten sind nicht genug. Wir brauchen Zugang zu den Institutionen. Wir brauchen Herausgeber, die das Wissen drucken, das wir produzieren. Wir brauchen Institutionen, die Roma repräsentieren und Roma-Künstler zeigen – sodass diese Künstler selbst rassistische Stereotypen dekonstruieren können.

Wir brauchen Organisationen, die Quoten verhandeln, oder zumindest die Anwesenheit von Roma bei Politikprozessen, besonders bei denjenigen, die sie betreffen.

Die Gründung von ERIAC und auch das Department für Kritische Roma-Studien an der Central European University in Budapest sind das Ergebnis harter Arbeit von Roma und Nicht-Roma in den letzten 40 Jahren, die zu einer Bewegung für die Anerkennung der Roma wurde. Das ist bereits ein großer Erfolg.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.