WIRTSCHAFT
25/06/2018 10:37 CEST | Aktualisiert 25/06/2018 11:02 CEST

Wir waren in der Stadt, in der bald ein Drittel der Jobs an Roboter fallen

"Man muss auch weiterhin wissen wie man schweißt, um einen Schweißroboter programmieren zu können."

Tom McCarten

Als Ryan Trotter mit 16 von der Schule ging, hat er sich erst einmal treiben lassen. Er nahm Gelegenheitsjobs an, er hatte ein grobes Ziel, aber keine Ahnung, wie er es erreichen konnte.

Trotters Rutsch in die Arbeitslosigkeit war eigentlich vorgezeichnet. Der Anfang des Jahres veröffentlichte “Centre for Cities”-Bericht schien das zu bestätigen. Demnach sollen bis 2030 fast ein Drittel aller Jobs im englischen Nordosten verloren gehen. Der Grund: Der “Aufstieg der Roboter”.

Gerade Trotters Heimatstadt Sunderland zählt laut der Studie zu den am stärksten betroffenen Gebieten: 29 Prozent aller dortigen Jobs werden voraussichtlich in den kommenden 12 Jahren verschwunden sein.

Die Schere, zwischen dem ärmeren Norden des Landes und dem wohlhabenderen Süden, könnte weiter auseinandergehen. Besonders gefährdet sind Kassierer, Verkäufer, Lagerarbeiter und Verwaltungs- und Kundenservice-Mitarbeiter, wie beispielsweise Angestellte in Call-Centern.

Insbesondere diese Tätigkeiten werden sich verändern, die Mitarbeiter werden wohl zunehmend durch immer ausgeklügeltere Maschinen ausgetauscht. Doch was kann die Politik, was die Städte und Wirtschaft dagegen tun?

Ein Besuch in Sunderland

Über Videospiele in die Uni

Computerspiele waren schon immer Trotters große Leidenschaft. “Seit ich zur Schule ging, habe ich immer Videospiele gezockt. Ich wollte mein eigenes Spiel kreieren, aber ich wusste nicht, wie ich die Kurse bestehen soll”, sagt er.

Ein Sprung in die Gaming-Industrie schien außer Reichweite. Das änderte sich, als sich Trotter mit 26 Jahren für einen kostenlosen Kurs einschrieb und damit einen “völlig neuen Weg” einschlug, wie er sich erinnert.

Trotter ist einer von zahlreichen Kursteilnehmern, die die Sunderland Software City besuchten – von Schulkindern, über Call-Center-Mitarbeiter bis hin zu Verkäufern aus dem Einzelhandel. Die Sunderland Software City ist ein Gründerzentrum für Software, Technik und kreative Unternehmungen, das im Herzen der nordenglischen Großstadt angesiedelt ist.

Im “Go Reboot”-Kurs des Zentrums bekam Trotter eine Einführung in Programmierung, Designen und in praktische Übungen aus dem Technik-Bereich. Er hörte sich Gastvorträge an und besuchte lokale Technologie-Unternehmen, um etwas über die verschiedenen zur Verfügung stehenden Jobs zu erfahren und um zu verstehen, wie und wann er am besten einsteigen kann.

Mittlerweile hat sich Trotter am Sunderland College für den Kurs Videospiel-Design eingeschrieben. Sein Ziel ist es, danach an einer Universität zu studieren. “Wenn es den ‘Go Reboot’-Kurs nicht gegeben hätte, wäre ich nie aufs College gegangen”, sagt er.

Ryan Trotter
Ryan Trotter studiert Spiele-Design am Sunderland College.

Englands Wirtschaft spaltet sich zunehmend  

Paul Swinney ist Leiter der Strategie- und Forschungsabteilung beim “Centre of Cities”. Er sagt: Gering Qualifizierte, wie Trotter und die anderen Kursteilnehmer, werden es im Nordosten Englands künftig schwer haben. Ihre Jobs könnten gar ganz verschwinden. 

Hochqualifizierte Arbeitsplätze dagegen, die hauptsächlich im Süden Englands angesiedelt sind, seien weniger gefährdet, erklärt Swinney. “Die Wirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten im Land immer weiter spalten. Und diese Spaltung wird durch die Automatisierung noch größer”, sagt Swinney.

Dennoch ist die Stimmung in Sunderland nicht getrübt.

Die Stadt wird von Jacqueline de Rojas, der Verbandspräsidentin von TechUK, das fast Tausend britische Technik-Unternehmen vertritt, als Vorreiter in der Digitalisierung bejubelt.

“Für jeden Job, der möglicherweise verschwindet, wird potenziell ein neuer geschaffen”, bemerkt Jill McKinney, Leiterin der Qualifikations- und Trainingsabteilung der Sunderland Software City. “Die Leute müssen das schlichtweg nur akzeptieren. Wir müssen die richtige Einstellung haben und offen sein für den Wandel. Das ist wirklich alles, was nötig ist.

“Wir entmystifizieren den Bereich”

McKinneys Organisation hilft dabei, Schüler und Studenten zu unterrichten und konzentriert sich auch auf Leute über 50, die ihre Fähigkeiten erweitern möchten.

Die Organisation arbeitet im Nordosten Englands mit Führungskräften der Industrie zusammen, um herauszufinden, welche Fähigkeiten sie in Kursen ausbilden müssen, um die wachsende Nachfrage nach neuen, qualifizierten Arbeitskräften zu befriedigen, die durch den “Aufstieg der Roboter” entstanden ist.

McKinneys Ziel sei es, den Leuten zu zeigen, dass man für technische und digitale Berufe Fähigkeiten brauche, die man lernen könne, wie für jeden anderen Beruf auch. Es sei nichts, dass man fürchten müsse. “Wir entmystifizieren den Bereich. Wir nehmen ihnen die Panik davor und reden mit ihnen über die realen Bedingungen und darüber, was Automatisierung wirklich bedeutet”, erklärt sie.

Viele Leute, die das “Go Reboot”-Programm abgeschlossen hätten, würden jetzt als Programmierer oder Grafik-Designer arbeiten, sagt McKinney. Einige hätten noch weitere und höhere Ausbildungen draufgesetzt, wie Spiele-Design oder Computerwissenschaften.

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Die neue Northern Spire Brücke überspannt den Fluß Wear in der Nähe von Sunderland. Das Bauwerk ist Teil des Infrastrukturplans, der Jobs und Investitionen ankurbeln soll.

Vom Erzieher zum Unternehmensgründer  

McKinney erinnert sich an einen Erzieher, der den Kurs absolviert hat. Er hätte damit zu kämpfen gehabt, eine Stelle im Technikbereich zu finden, sagt sie. Aber dann habe er sich aufgemacht und mit zwei anderen Kursabsolventen einfach sein eigenes Unternehmen im Spielesektor gegründet.

Ihre Einstellung, dass man den Zuwachs an Robotern begrüßen und nicht fürchten solle, teilt auch Roger O’Brien vom Institute for Automotive and Manufacturing Advanced Practice (Institut für fortschrittliche Automobil- und Herstellungspaktiken) der Universität Sunderland. “Die Belegschaft wird nicht komplett überflüssig oder ersetzt. Nur die Fähigkeiten, die ein Arbeiter benötigt, ändern sich”, sagt O’Brien.

Er nennt ein Beispiel: Ein Schweißer muss sich möglicherweise weiterbilden, um Roboter programmieren zu können. “Man muss auch weiterhin wissen, wie man schweißt, um einen Schweißroboter zu programmieren”, erklärt O’Brien. 

Einige Berichte untermauern diese strahlenden Aussichten: Eine Analyse des Beratungsunternehmens Deloitte aus dem Jahr 2015 betonte, dass Dank der Technik neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. So habe die britische Wirtschaft 140 Milliarden Pfund (160 Milliarden Euro) an Gehältern dazu gewonnen – und das allein in den letzten 15 Jahren.

Auch wenn die Digitalisierung und Automatisierung zum Verlust von 800.000 weniger qualifizierten Arbeitsplätzen geführt habe, gebe es “starke Indizien” dafür, dass dafür 3,5 Millionen neue, höherqualifizierte Jobs geschaffen wurden, heißt es in der Analyse.

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Arbeiter im Nissan-Werk in Sunderland.

Unternehmen könnten Automatisierung verschlafen 

Allerdings warnt Craig Dawson, Vorsitzender des Forums für junge Arbeitnehmer vom gewerkschaftlichen Dachverband Trade Union Congress, vor zu viel Optimismus. Vorsicht sei geboten.

Seine größte Sorge ist, dass nicht alle Unternehmen die Automatisierung auf dem Schirm haben. “Es könnte vermutlich noch schlimme Folgen haben, weil die Leute die Entwicklung nicht so beunruhigend finden, wie sie es sollten.”

Dawson meint, dass der steigende Gebrauch von Apps wie Uber und Deliveroo, die das Interagieren mit Industriezweigen wie dem Transport oder der Bewirtung verändern, uns daran erinnern sollte, dass um uns herum ein ständiger Wandel vonstatten geht.

Verbände und Geschäftsführer im ganzen Land müssten zusammenarbeiten, um “sicherzustellen, dass Leute, die einen gefährdeten Arbeitsplatz haben, neue Möglichkeiten und Ausbildungen bekommen, damit sie woanders im Unternehmen unterkommen können”.

Forscher Swinney vom “Centre for Cities” sagt, man könne drei Dinge tun, um sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der man mit Robotern arbeiten muss: “Vorbereiten, anpassen, ausgleichen.”

  • Vorbereiten – man muss sicherstellen, dass die Schule einen auf Jobs vorbereitet, die in 10 oder 20 Jahren relevant sein werden
  • Anpassen – bereits arbeitstätige Leute dazu anhalten, sich ein Leben lang weiterzubilden und seine Fähigkeiten auszubauen
  • Ausgleichen – ein soziales Auffangnetz in Stellung bringen, um Leute zu unterstützen, die ihren Job verloren haben. Und gleichzeitig in die Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte investieren.

Bildung, Bildung, Bildung

Paul Carbert von der Handelskammer Nordost England ist ebenfalls optimistisch. Er weißt darauf hin, dass die Bevölkerung in dieser Region des Landes immer älter werde – auch im überregionalen Vergleich.

Während eine Studie der britischen Regierung prognostiziert, dass es bis 2022 im Nordosten 9000 gewerbliche Arbeitsplätze weniger geben wird, sagt Carber, dass in der gleichen Zeitspanne voraussichtlich 36.000 Arbeiter aus diesen Bereichen in Rente gehen werden. Dadurch entstehe eine Lücke von 27.000 Stellen.

Aber Carber betont ausdrücklich, dass Investitionen in die Bildung – das “Ausgleich”-Element im Bericht von “Centre for Cities” – entscheidend seien.

Die politische Antwort der Regierung auf kommunaler- und nationaler Ebene sollte sein, dass sie in die Fähigkeiten und die Ausbildung von jungen Leuten investiert. Und dass sie Leuten, die eine andere Karriere einschlagen wollen und älteren Arbeitnehmern eine Umschulung finanziert”, betont Carbert.

Überrascht – aber nicht beunruhigt 

Julie Elliott ist eine Parlamentsabgeordnete aus dem Zentrum von Sunderland. Sie sagt, sie sei von dem “Centre for Cities”-Bericht überrascht gewesen, aber nicht beunruhigt. Und sie sei zuversichtlich, dass ihr Wahlbezirk genug dafür tue, um auf den erwarteten Zuwachs in der Automatisierung vorbereitet zu sein.

Die Politikerin der Labour-Partei erzählt, dass die Automatisierung unausweichlich Arbeitsplätze kosten werde, gerade in der Produktion. “Genau wie sie es in den vergangenen 50 Jahren auch schon gewesen ist.”

“Das ist nichts Neues. Jeder weiß, dass die Automatisierung vonstatten geht”, sagt sie. “Automatisierung geschieht im Produktionsbereich schon seit Jahren. Aber man muss sich darauf vorbereiten und sich anpassen, indem man anpassungsfähig ist und sich höherqualifizierte Jobs an Land zieht.”

Der Weg, das zu schaffen, soll durch Sunderlands International Advanced Manufacturing Park (Internationaler und fortschrittlicher Produktionspark, kurz IAMP) geebnet werden. Die Anlage wird gerade errichtet und soll Automations- und Herstellungsbetriebe auf ein 150 Hektar großes Gelände locken.

Der Park wird voraussichtlich 5000 neue Jobs bis 2027 schaffen und mehr als 400 Millionen Pfund (455 Millionen Euro) an privatwirtschaftlichen Investitionen für die Region bringen. “Es wird dazu beitragen, den anhaltenden Erfolg der Automobil- und Fertigungsindustrie im Nordosten des Landes und in ganz Großbritannien zu untermauern”, heißt es auf der IAMP-Webseite.

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Arbeiter im Nissan-Werk in Sunderland bereiten Türen des Modells Qashqai für die Montage vor.

Was immer auch passiert. Optimisten wie McKinney von der Sunderland Software City sind zuversichtlich, dass die Zukunft der Region darin besteht, mit den Robotern zusammenzuarbeiten und nicht gegen sie anzutreten. Als Beispiel nennt sie die Produktionsstätte des Autoherstellers Nissan in Sunderland. Dort sind 7000 Leute beschäftigt.

“Ursprünglich standen Arbeiter am Fließband, die jedes Teil manuell am Auto befestigt haben. Das war vor 20 Jahren, als das Werk öffnete. Wenn man jetzt die Halle betritt, dann sieht man nur noch Roboter bei der Arbeit.”

Aber für jeden Roboter gibt es einen Menschen, der ihn steuert und beaufsichtigt. 

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Marco Fieber bearbeitet.