POLITIK
25/06/2018 17:49 CEST | Aktualisiert 06/09/2018 15:37 CEST

"Polens Macron": Wie Robert Biedroń der Hoffnungsträger junger Polen wurde

Um erneut ein “Unglück für Polen” zu verhindern, will er eine breite Front gegen die Regierung aufbauen.

Igor Nizio
Robert Biedroń ist jung, schwul und Atheist – und der Hoffnungsträger der polnischen Opposition.

Robert Biedroń hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Er wuchs in der polnischen Provinz auf, ganz im Südosten des erzkatholischen Landes – als schwuler Atheist. Die Situation empfand Biedroń als Teenager so unerträglich, dass er kurz davor war, sich umzubringen. 

Heute zählt der 42-Jährige zu den beliebtesten Politikern des Landes. Die ARD erklärte ihn zu “Polens Politik-Star”, die BBC zum “aufsteigenden Stern der polnischen Politik” und selbst die konservative polnische Zeitung “Rzeczpospolita” nannte Biedroń den “Obama von Słupsk”, in Anlehnung an den beliebten und progressiven ehemaligen US-Präsidenten. 

Gerade für junge, urbane Polen ist der ehemalige LGBT-Aktivist ein Hoffnungsträger in dem immer noch tief katholischen und von der nationalkonservativen PiS regierten Land

Doch wer ist dieser Mann, der sogar Polens künftiger Präsident werden könnte? Und warum ist Biedroń landesweit und vor allem bei den jungen Menschen so populär?

Igor Nizio
Robert Biedroń mit Schülern

Statt Hass gibt es nun Lob

Als Biedroń 2011 ins polnische Parlament einzog, ebbte der Hass nicht ab, den er aus seiner Jugend kannte. Er bekam zahllose Hassbriefe. Er wurde sogar mehrmals zusammengeschlagen.

Nun ist Biedroń zwar immer noch der bekannteste offen homosexuell lebende Politiker des Landes. Doch der Umgang mit ihm ist anders geworden, seit er 2014 Bürgermeister von Słupsk ist, einer 92.000-Einwohner-Stadt zwischen Stettin und Danzig im Norden des Landes.  

“Jetzt begrüßen mich die Menschen mit Lächeln, Lob und Ermutigungen”, sagt Biedroń im Gespräch mit der HuffPost. Die Bürger hätten etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass es Biedroń nicht um Religion, Parteizugehörigkeiten oder seine sexuellen Orientierung gehe, “sondern dass ich mich in erster Line für mein Land und meine Stadt einsetze”.

Igor Nizio
Auch das gehört zu den Aufhaben vom Robert Biedroń: Trauungen. 

Tatsächlich steht Biedroń kurz vor seiner Wiederwahl: Laut einer aktuellen Umfrage würden 62 Prozent der Einwohner von Słupsk Biedroń ihre Stimme geben. Bei seinem Amtsantritt plagte die Stadt eine schwere Schuldenlast. 

“Heute gilt Słupsk als die zweitglücklichste Stadt Polens. Die Stadt ist voller Kultur, umweltfreundlicher Lösungen und fortschrittlicher Politik”, schwärmt Biedroń. Und er lebt sein Ideal einer umweltfreundlichen Stadt vor. Er besitzt selbst kein Auto und radelt stets zur Arbeit.  

“Polen wird von politischen Streithähnen ruiniert”

Doch seine Popularität endet nicht an den Stadtgrenzen von Słupsk. Seit Polens Ex-Präsident Aleksander Kwaśniewski Biedroń dazu aufgefordert hat, bei der Präsidentschaftswahl 2020 anzutreten, steigen die Beliebtheitswerte weiter. 

Derzeit liegt Biedroń in den Umfragen mit 17 Prozent auf Platz drei hinter dem aktuellen Präsidenten Andrzej Duda (39 Prozent) und EU-Ratspräsident Donald Tusk (26 Prozent).

Igor Nizio
Robert Biedroń gibt sich bürgernah – hier bei farbenfrohen Holi Day in Słupsk. 

Offiziell hat Biedroń zwar seine Kandidatur noch nicht bestätigt, auch gegenüber der HuffPost hält er sich diesbezüglich bedeckt. Allerdings positioniert er sich eindeutig: “Unser Land wird von politischen Streithähnen ruiniert.” Der Opposition fehle jeglicher Plan und jede Gelassenheit, um verlorene Wähler wieder zurückzugewinnen. “Es tut weh, das alles mit anzusehen.”

Um erneut eine “Katastrophe” und ein “Unglück für Polen” zu verhindern, wie Biedroń den Erfolg der PiS im Interview mit der konservativen Tageszeitung “Super Express” nennt, will er eine “breite Front” gegen PiS-Chef Jarosław Kaczyński aufbauen – dem mächtigsten Mann Polens. 

“Mit jedem Jahr wird Polen gespaltener und polarisierter”

Biedroń wirft Kaczyński und der polnischen Regierung vor, für den “Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit und der Zerstörung grundlegender demokratischer Institutionen verantwortlich zu sein.

Hintergrund:

Seit PiS die Regierung vor knapp drei Jahren übernommen hat, hat sie das Verfassungsgericht ausgehebelt, die Unabhängigkeit der Gerichte untergraben, die Berichterstattung über die Parlamentsarbeit eingeschränkt und versucht, die Medien gleichzuschalten. Dazu bedient sich der Partei nationalistischer Gesetze und Agitation

Aus Sicht von Biedroń geht das Problem aber noch weiter. “Mit jedem Jahr wird unsere Gesellschaft gespaltener und polarisierter.” Dieser global zu beobachtende Prozess sei in Polen besonders stark ausgeprägt. “Er kann unseren Staat für Jahrzehnte kaputt machen, wenn wir ihn nicht sofort stoppen”, warnt der 42-Jährige.

Biedroń betont aber zugleich, dass Polens rechte Regierung nicht aus dem Nirgendwo kam. “Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung, mangelnder demokratischer Bildung und eines fehlenden Dialogs zwischen Politikern und Volk. Dazu kommt ein stagnierendes Zweiparteiensystem, das massive Teile unserer Gesellschaft ignoriert.” 

Deshalb ist es Biedrońs Kernanliegen, Polen zu “re-demokratisieren”. “Die Justiz, die öffentlich-rechtlichen Medien oder die Kulturinstitutionen dürfen nicht länger Spielzeug der Regierung sein.”

Das Land brauche Mechanismen, die künftig verhindern, dass sich die gegenwärtige Situation wiederholt – ganz egal, wer Polen regiert.

Gefahr für Donald Tusk?

Politikwissenschaftler Bartosz Rydliński bestätigt im Gespräch mit der HuffPost, dass Biedrońs Chancen gut stehen. “Insbesondere in linken und liberalen Kreisen ist er äußerst populär. Biedroń stellt deshalb gerade für Tusk und dessen Partei eine ernsthafte Gefahr dar.” 

Laut Rydliński, der an der Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität forscht, sei es aber schwer, Biedrońs landesweites politisches Standing abzuschätzen. Die Umfragen in Polen seien einfach zu ungenau.

Klar ist aus Sicht von Rydliński aber: Um Erfolg zu haben, sollte der “Macron von Polen”, wie Rydliński Biedroń bezeichnet, es dem Vorbild aus Frankreich gleich tun und eine neue politische Bewegung gründen.

Ob diese allerdings auch die Menschen auf dem Land für sich einnehmen kann, sieht Rydliński skeptisch – gerade mit Blick auf Biedrońs Homosexualität.

Igor Nizio
Biedroń ist der bekannteste offen homosexuell lebende Politiker Polens.

Biedroń selbst gibt sich optimistisch. “Polens Öffentlichkeit ist fortschrittlicher als die Eliten”, ist er sich sicher. Sogar die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe hält er für möglich, die polnische Gesellschaft habe sich gewandelt. Das zeigt eine Geschichte, die er gerne erzählt: 

“Ende Mai hielt ich einen Vortrag in einer konservativen Stadt in Südpolen. Eine rechtsextreme Organisation hatte im Vorfeld gedroht, die Veranstaltung zu blockieren.”

Am Ende erschienen jedoch kaum fünf Protestierende – während 300 Leute gekommen waren, um mit Biedroń zu sprechen. Das hat ihm gezeigt: “Wir sollten uns nie von Verleumdungen und Hass einschüchtern lassen.” Und an den eigenen Weg glauben.

(ben)