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25/12/2017 23:06 CET | Aktualisiert 26/12/2017 09:16 CET

Risiko-Experte: “Wurst essen ist gefährlicher als Glyphosat”

Der Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung erklärt, wovor sich die Deutschen am meisten fürchten.

AFP via Getty Images
Andreas Hensel
  • Der Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung erklärt in einem Interview die Mechanismen der Angst
  • Aus seiner Sicht fürchten sich die Deutschen vor den falschen Gefahren

Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfA), Andreas Hensel, glaubt, dass die Deutschen – wissenschaftlich betrachtet – vor den falschen Dingen Angst haben. Dass sie wirklich Gefährliches unter- und vergleichsweise Harmloses überschätzten.

Im Interview mit der Zeitung “Die Welt” erklärt der Experte, welche Faktoren die Angst der Menschen beeinflussen.

1. Todesgefahr

Laut Hensel fragen sich die Deutschen immer, ob sie an einer bestimmten Gefahr sterben könnten. Wie wahrscheinlich es ist, dass sie persönlich überhaupt davon betroffen sind, spiele kaum eine Rolle.

“Derzeit fürchten sich die Menschen vor allem vor islamistischem Terror und Kriminalität durch Flüchtlinge. Dabei ist das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken, sehr viel größer”, sagte er.

Eine repräsentative Umfrage des Versicherers R+V im Sommer hatte zum Beispiel ergeben, dass sich 71 Prozent der Befragten vor Terror ängstigen. Die Angst vor einem Autounfall dagegen tauchte in den neun häufigsten Antworten in der Umfrage nicht auf.

Dabei sind laut Europol im vergangenen Jahr in ganz Europa 135 Menschen durch Terror zu Tode gekommen. Dagegen starben 2016 allein in Deutschland mehr als 3200 Menschen im Straßenverkehr.

2. Gewöhnung

Laut Experte Hensel hängt die persönliche Einschätzung auch damit zusammen, wie sehr wir uns an das Risiko gewöhnt haben.

Von einem Verkehrsunfall lesen wir fast täglich in den Medien. Ein Terroranschlag in Deutschland aber ist selten.

3. Kontrolle

Ein weiterer entscheidender Faktor sei die Frage der Kontrolle. Zu Hause glaubten die Menschen, alles unter Kontrolle zu haben – und kletterten etwa auf wacklige Leitern.

Im Jahr 2015 kamen fast 10.000 Menschen in Deutschland bei Unfällen im Haus oder in der Wohnung ums Leben. 

Umgekehrt hätten viele Menschen Angst, über das Essen Gift aufzunehmen, ohne es zu merken.

Die Sache mit Glyphosat

Folgt man Hensels Argumentation, haben deswegen Kritiker des Unkrautvernichters Glyphosat mit ihrer Warnung besonderen Erfolg gehabt. Er hält das Risiko, dass man im Alltag damit in bedenklichen Mengen in Berührung kommt, für gering.

Die Krebsagentur bei der Weltgesundheitsorganisation habe Glyphosat zwar als wahrscheinlich Krebs erregend eingestuft, aber: “Wurst essen ist nach den Kategorien der IARC gefährlicher als Glyphosat.”

Mehr zum Thema: Warum die Diskussion um die Glyphosat-Zulassung auf ein viel größeres Problem verweist

(ll)