ELTERN
25/05/2018 14:49 CEST

Irland: Mutter kämpft für Abtreibungsgesetz – sie selbst hatte nie eine Wahl

Die 54-Jährige wirbt seit Tagen für das Referendum in Irland.

OONAGH MCDERMOTT
Oonagh McDermotts und ihre beiden Töchter. 
  • Heute wird in Irland über das Recht auf Abtreibung abgestimmt.
  • Die Irin Oonagh McDermott erzählt ihre Leidensgeschichte und erklärt, was ein neues Gesetz verändern würde.

Oonagh McDermotts erste Schwangerschaft war brutal. 

In der 14. Schwangerschaftswoche fand sie heraus, dass das Baby eine schwere Krankheit, bekannt unter dem Namen Anenzephalie, hat.

Bei dieser Deformation bilden sich die Schädelknochen nicht richtig aus, was `zu schweren Gehirnschäden bei dem Baby führen kann. 

McDermotts Arzt teilte ihr mit, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich noch im Uterus sterben würde, er jedoch die Schwangerschaft nicht beenden könne.

Er sagte zu ihr: “Wir können nichts mehr tun. Schauen Sie selbst, wie sie zurechtkommen.”

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McDermott, die im irischen Edenderry lebt, sagt im Gespräch mit der HuffPost UK: “Man konnte den deformierten Kopf auf dem Bildschirm erkennen. Alle Vitalzeichen waren sehr dürftig und es war keine Gehirnaktivität zu erkennen.”

Mediziner konnten jedoch keine Abtreibung durchführen, da Schwangerschaftsabbrüche in der Irischen Republik illegal sind. 

“Sie schickten mich nach Hause und sagten zu mir: ‘Wenn sie denken, dass alles weg ist, kommen sie zu uns zurück.’ Sie erwarteten von mir, in meinem eigenen Heim eine Fehlgeburt zu haben”, erzählt McDermott. 

► Heute, als zweifache Mutter, wird McDermott für eine Abschaffung des achten Zusatzartikels der irischen Verfassung stimmen.

Darum geht es beim Referendum gegen das Abtreibungsverbot in Irland

Im katholisch geprägten Irland gilt ein striktes Abtreibungsverbot. Seit 1983 steht das “Recht auf Leben des Ungeborenen” auch in der Verfassung.

Artikel 8 besagt, dass das Baby das selbe Recht auf Leben hat, wie seine Mutter. Treibt eine Schwangere ab, drohen ihr bis zu 14 Jahre Haft. Selbst im Falle einer Vergewaltigung bleibt der Abbruch verboten.

Vor vier Jahren wurde die Gesetzeslage so verändert, dass eine Abtreibung erlaubt ist, wenn die Mutter in Lebensgefahr schwebt oder suizidgefährdet ist. 

Am 25. Mai 2018 stimmen die Iren ab, ob der achte Zusatzartikel abgeschafft werden sollte oder nicht. Bei einem “Ja” könnte sich die Gesetzeslage ändern und es Frauen ermöglicht werden, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abzutreiben.

Ab der zwölften Woche könnten Frauen nur dann abtreiben, wenn sie ernsthaft gesundheitlich gefährdet sind – eine Entscheidung, die von zwei Ärzten abgesegnet werden müsste. 

Die 54-jährige McDermott wirbt seit Tagen für das Referendum und versucht die Bürger Irlands von einem “Ja” zu überzeugen.

Dadurch erhofft sie sich, dass andere Frauen nicht das erleiden müssen, was sie als Erlebnis “wie aus einem Horrorfilm” beschreibt. 

Fehlgeburt ohne jedwede Hilfe

PA WIRE/PA IMAGES
Irland stimmt heute über das Abtreibungsverbot ab: "Ja zu einer Abschaffung". 

McDermott erinnert sich, wie sie 2001 vom Krankenhaus nachhause geschickt wurde, alleine gelassen mit der Information, dass ihr Kind sterben wird und ohne jedwede Unterstützung, um das Trauma irgendwie verarbeiten zu können.

“In den darauffolgenden Tagen war ich verzweifelt. Ich hatte nach einer Abtreibung verlangt, doch diese wurde abgelehnt. Daraufhin rief ich nochmal im Krankenhaus an und erklärte ihnen, dass ich in einer sehr schlechten emotionalen Verfassung sei. Doch sie meinten nur ‘Es tut uns sehr leid. Wir können nichts machen’. 

► “Das waren ihre Worte. Sie erklärten mir, dass es natürlich passieren müsse.”

Sie blutete stark und hatte horrende Schmerzen. Schließlich hatte McDermott eine Fehlgeburt, ohne ärztliche Aufsicht, bei sich zuhause.

“Es war unglaublich brutal und eine Schande. Und meine Geschichte ist nicht ein mal so schlimm, wie manch andere. Keiner hat mir gesagt, dass ich einen ganzen Fötus gebären würde – doch genau das passierte. Das werde ich nie vergessen – wie ich in meine Hände blickte und einfach nur noch schreien konnte.”

Die 54-Jährige glaubt, dass der Fötus kurz nach der Diagnose gestorben sei und sie ihn bis zur natürlichen Fehlgeburt in sich tragen musste.

Anschließend kehrte sie zurück in das Krankenhaus, wo ihr bestätigt wurde, dass die Schwangerschaft beendet wurde. Eine Woche später hatte McDermott heftige Blutungen aufgrund einer Infektion. Eine Notoperation folgte. 

Teil eines Entscheidungsprozesses

Für die Teilzeit-Sekretärin hätte eine andere Gesetzeslage ihre persönliche Erfahrung grundlegend verändert: “Ich wünschte, dass mir jemand während des Scans erklärt hätte, dass ich eine Wahl habe: ‘Entweder können sie die Schwangerschaft jetzt beenden oder warten. Wenn sie warten, wird dies und das passieren. Wenn sie abbrechen, wird es so weitergehen.’”

“Wenn der achte Zusatzartikel aufgehoben wird und dadurch im weiteren Verlauf das Gesetz so verändert wird, dass Abtreibungen – egal aus welchem Grund – legal sind, dann müssten Frauen nicht mehr warten. Nicht mehr warten, bis ihr Baby mit einer Anenzephalie tot ist. Frauen würden so Teil des Entscheidungsprozesses werden, was ich selbst nie war.

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Bei ihrer zweiten Schwangerschaft ließ sich McDermott privat versichern – hatte dennoch eine weitere Fehlgeburt. Da der Fötus bereits gestorben war und kein Herzschlag mehr zu hören war, wurde sie gefragt, was sie jetzt machen wolle. 

Diese Worte werde ich nie vergessen. Sie waren so mächtig. Meine Geburtshelferin fragte mich, was ich wolle. Ich sagte ihr, dass ich es wirklich nicht mehr in mir tragen möchte und sie sagte ‘Kein Problem, kommen sie morgen vorbei’.”

NIALL CARSON - PA IMAGES VIA GETTY IMAGES
Irische Frauen demonstrieren für das Recht auf eine Abtreibung. 

Bei einer weiteren Schwangerschaft überlebte nur eines der beiden Zwillingskinder, die McDermott erwartete – ihre Tochter Ellen, welche heute 16 Jahre alt ist. Ihre Schwester Tara wurde zwei Jahre später mit Down-Syndrom geboren. 

Verletzende Gerüchte

Die Behinderung ihrer Tochter bedeutet für McDermott auch, dass sie sich von den Gerüchten des “Nein-Lagers” persönlich getroffen fühlt. Diese behaupten, dass eine Abschaffung des achten Artikels auch bedeute, dass es weniger Kinder mit Down-Syndrom, oder mit einer anderen Behinderung geben werde.

Obgleich die Regierung betont, dass eine Behinderung nicht als Grund für einen Schwangerschaftsabbruch akzeptiert werden würde. 

Die “Love both”-Kampagne der Abtreibungsgegner veröffentlichte kürzlich ein Video, in dem der 23-jährige Conor O’Dowd zu sehen war, der das Down-Syndrom hat. Er sprach zum Publikum und sagte: ‘Ich liebe mein Leben. Bitte rettet die Babys mit Down-Syndrom.’” 

Das Video erschien nachdem der irische Premierminister, Leo Varadkar, erklärte, dass es von “Love both” “falsch” sei, Menschen mit dieser Krankheit für Kampagnen-Plakate zu missbrauchen.

Als Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom fühlt sich McDermott beleidigt, dass diese Krankheit als Werbung für ein “Nein” verwendet wird.

“Ich hörte Menschen sagen ‘Wenn das Gesetz geändert wird, werden wir niemanden mehr mit Down-Syndrom haben, genauso wie in Island.’ Ich lehne diesen Vorwurf vollkommen ab, denn auch nach zwölf Wochen wird es immer noch illegal sein, ein Kind mit Behinderung abzutreiben.”

“Ich finde deren Aktion sehr düster, denn erst vor fünf Wochen erklärte die Organisation “Down-Syndrom Irland”, dass sie von keiner der beiden Lager möchte, dass das Down-Syndrom als Argument verwendet wird.”

McDermott kämpft dafür, dass beide ihrer Töchter eine Wahl bekommen werden, ob sie ein Kind austragen möchten. “Es geht darum, dass wir wollen, dass unsere Kinder entscheiden können. Sie können sich sehr gerne dafür entscheiden, das Kind zu behalten. Aber es ist wichtig, dass sie wissen, dass sie dennoch eine Wahl haben und dass sie unterstützt werden – egal bei welcher Entscheidung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Nadine Cibu aus dem Englischen übersetzt.

(kap)