POLITIK
06/11/2018 17:12 CET | Aktualisiert 06/11/2018 21:55 CET

Republikaner setzen auf die "Hausfrauen-Stimmen" – aber Trump wird zum Problem

"Ich mag Trumps Verhalten nicht."

Getty / Leonhard Landes
Frauenschreck Trump: Warum der US-Präsident für seine Partei zur Bürde in den Vorstädten wird. 

Im Ort Henrico im US-Bundesstaat Virginia tobt ein Kampf. Zu sehen ist davon jedoch nichts.

Den Besucher empfangen mit Holz verkleidete Familienhäuser, in den Einfahrten stehen Jeeps oder Pickup-Trucks, an vielen Häusern hängt eine US-Flagge schlapp an einem Mast herab. 

Henrico ist ein verschlafener Vorort von Virginias Hauptstadt Richmond an der Ostküste der USA – und Schauplatz einer der spannendsten politischen Auseinandersetzungen bei den Zwischenwahlen, den Kongresswahlen am 6. November

In dem Wahlbezirk kämpft der republikanische Abgeordnete Dave Brat um seinen Sitz im Repräsentantenhaus gegen die demokratische Neueinsteigerin Abigail Spanberger.

Ein etablierter Republikaner gegen eine aufstrebende Demokratin, ein konservativer Mann gegen eine progressives Frau: Dieses Duell findet bei den Zwischenwahlen nicht nur in Henrico statt – sondern im ganzen Land. Und es entscheidet darüber, wer die Macht über das Repräsentantenhaus gewinnt. 

In Henrico ist es ein knappes Duell. In Umfragen lässt sich kein Gewinner ausmachen. Dabei wählten die Menschen im 7. Kongressdistrikt bis auf wenige Ausnahmen republikanisch. 2018 könnte wieder eine Ausnahme werden – und das ausgerechnet wegen US-Präsident Donald Trump.

Midterms: Trumps schroffe Töne sorgen in den Vorstädten für Probleme

Trump ist in den Köpfen der Wähler, auch wenn er am Dienstag nicht zur Wahl steht, immer präsent.

Am Sonntag sitzen Sheryl und Steve vor ihrem Haus in Henrico auf Gartenstühlen und trinken Bier aus Dosen in der Sonne.

Die beiden Rentner wollen gerne über ihren Präsidenten sprechen – und auch über die Wahlen. Dabei dürfen beide derzeit gar nicht wählen.

Sie sind verurteilte Straftäter – und dürfen deswegen nicht wählen.

Was sie verbrochen haben, wollen sie nicht erzählen. Dank einer Order des Gouverneurs dürfe sich Sheryl jetzt aber wieder zur Wahl registrieren, sagt sie. Wegen des Aufwands hat sie das nicht getan. 

Aber in einem ist sie sicher: Bei der nächsten Wahl werde sie die Demokraten wählen. Obwohl sie aus einer Familie von Republikanern stamme. 

“Ich mag Trumps Auftreten nicht”, sagt Sheryl. Sie habe wie ihre Familie oft für die Republikaner gestimmt, aber spätestens mit Trump habe sie die politischen Lager in den USA gewechselt. Was ihr besonders am US-Präsidenten missfällt: seine Rhetorik in der Migrationspolitik. 

“Das sind alles nur Lügen” 

Einige Straßen weiter steht ein Wahlkampfschild mit dem Namen der demokratischen Kandidatin Spanberger im Vorgarten.

Natürlich wähle sie die Demokratin, sagt Nancy, die das Schild ins Gras gesteckt hat. Allerdings stimmte sie auch schon einmal für die Republikaner, 1989 für George Bush war das. 

Für Trump hat Nancy, die früher in der IT arbeitete und jetzt Rentnerin ist, nur Verachtung übrig. “Er ist scheußlich, ich kann ihn nicht ausstehen. Ich hoffe wirklich, dass wir ihn so schnell wie möglich loswerden können.”

Es gebe so viele Beispiele für seine Ausfälle, seit er das Präsidentenamt übernommen hat, betont Nancy.

Zuletzt missfielen ihr aber vor allem Trumps Äußerungen gegen die angeblichen “Horden” von Immigranten, wie Nancy sagt, die von Mittelamerika in Richtung USA marschieren. “Das sind alles nur Lügen, um politisch zu gewinnen.”

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Ihr Urteil über die Republikaner insgesamt fällt ebenso hart aus. Die Nominierung von Brett Kavanaugh zum Richter am Supreme Court habe gezeigt, dass die Partei keine Integrität mehr besitze, sagt Nancy.

Eine Frau wirft Kavanaugh vor, sie vergewaltigt zu haben. Unter Tränen berichtete sie in einem Senatsausschuss von dem sexuellen Übergriff, Kavanaugh dementierte. Aussage stand gegen Aussagen. Auch, weil die Republikaner erst eine FBI-Ermittlung in dem Fall verweigerten und diese am Ende nur in begrenzten Maße zuließen

Den Republikaner fehle jedes Mitgefühl für die Schwachen, für die Unterlegenen, für die Opfer, sagt Nancy.  

Der Gender-Gap bei den Wahlen

Frauen wie Nancy könnten die Zwischenwahlen entscheiden. Laut einer Befragung des US-Senders CNN neigen 62 Prozent der Frauen zu den Demokraten, nur 35 Prozent würden demnach die Republikaner wählen.

Bei den Männern sind die Werte ausgeglichen. Auch eine weitere Umfrage zeigte ähnliche Resultate. 

Zum Vergleich: 2016 stimmten 54 Prozent der Frauen für Hillary Clinton, 42 Prozent wählten Trump. 

Es gibt mehrere Gründe, warum sich die Spaltung der USA in zwei Lager nun auch bei den Geschlechtern abzeichnet. 

Die Kontroverse um Kavanaugh ist einer. 

► Laut einer Umfrage des Unternehmens Morning Consult und dem Magazin “Politico” stürzte Trump 19 Prozentpunkte bei Republikanerinnen ab, nachdem die Vorwürfe gegen Kavanaugh publik wurden. Nur noch zwei von drei Frauen, die sich selbst als Konservative bezeichnen, sehen ihn demnach positiv.  

ANDREW HARNIK via Getty Images
Richter Brett Kavanaugh bei seiner Anhörung

► Dazu kommt, dass Frauen andere Prioritäten in der Politik setzen. Laut einer Umfrage ist eine Mehrheit der Frauen in den USA für striktere Waffengesetze. Das wichtigste Anliegen allerdings ist für Frauen die Gesundheitsvorsorge.

Auch hier können die Republikaner und Trump nicht punkten. Sie wollen die Gesundheitsreform von Trumps Vorgänger Barack Obama so weit wie möglich rückgängig machen, auch wenn Millionen Amerikaner dann ihre Versicherung verlieren. 

“Wir sehen eine Kluft zwischen dem Land und den Vorstädten”

Trump hat Frauen verunsichert. Das könnte zum Problem werden, wie auch die Republikaner gemerkt haben.

”Die Umfragen zeigen eine Kluft zwischen den ländlichen und den vorstädtischen Gegenden, besonders bei Frauen”, sagte ein langjähriger Berater der Republikaner in Virginia, der Kommunikationsberater Martin Tucker, kürzlich der “Washington Post”.

Die ländlichen Regionen sind meist noch immer tief rot, also republikanisch geprägt. In den Vorstädten aber gewinnen die Demokraten an Boden. Tucker erklärt weiter: 

“Republikaner wie Dave Brat können in einer so schwierigen Umgebung alles richtig machen, aber wenn man nicht begeistert davon ist, was in Washington passiert, kann Spanberger den Leuten sagen, sie sei die sichere Wahl.”

Der republikanische Kongressabgeordnete Dave Brat, ein 54-jähriger  Wirtschaftswissenschaftler, zählt zu den Moderaten seiner Partei. Die 39-jährige Abigail Spanberger war früher beim CIA und will nun ihr erstes politisches Amt erreichen. 

Wenn der Haustürwahlkampf zum Problem wird 

Die Wahlhelfer von Spanberger versuchen gerade im Wahlbezirk von Henrico, wo Sheryl und Nancy wohnen, Wähler zu mobilisieren. Sie klopfen an Haustüren, sprechen mit den Menschen hier und verteilen Flyer. 

Der aktive Wahlkampf könnte den Unterschied ausmachen. Aber die Strategie des direkten Kontakts an der Haustür hat auch Nachteile.

“Ich dachte, Sie wären einer von Spanbergers Freiwilligen”, sagt uns eine Frau, als wir an ihrer Tür klingeln. Seit ihr Ehemann sich für die Wahl registriert habe, seien bereits drei Mal Wahlkämpfer bei ihnen gewesen.

Ihr Ton lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Familie nicht über die wiederholten Besuche freut. Über Politik möchte die Frau nicht sprechen – und zur Wahl werde sie ebenfalls nicht gehen. 

“Die Botschaft: Frauen sind nichts wert” 

Andere fühlen sich vom politischen Klima in den USA derzeit angestachelt. So wie Claire, die als Freiwillige für die Demokraten in den Vororten Wahlkampf gemacht hat. Spanbergers Kontrahenten Brat nennt sie eine “nicht sehr mitfühlende Person”, Trump einen “selbsternannten Schürzenjäger und Sittenstrolch”. 

leonhard landes
Claire ist wütend über Trump. 

Je länger sie über Trump spricht, desto wütender wird sie. “Ich kann nicht verstehen, dass er unser Präsident ist.”

Und was Kavanaugh angeht: “Egal ob er schuldig ist oder nicht: Es sendete eine ganz gestimmte Botschaft an Frauen – dass wir keinen Wert haben.”

(jkl)