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17/04/2018 17:40 CEST | Aktualisiert 17/04/2018 18:55 CEST

Von wegen nutzlos: Rentner Dirk Alberts zeigt jungen Leuten, wo es lang geht

“Irgendwann ist der Rasen gemäht, die Dachrinnen geleert – und was macht man dann?”

“Aber Sie können doch nicht nichts mehr tun!” Es waren diese Worte einer ehemaligen Kollegin, die Dirk Alberts 2005 dazu bewegten, seine Pläne für den Ruhestand noch einmal zu überdenken.

Alberts ist keiner, der zufrieden auf dem Sofa sitzt und zuschaut, wie sich die Welt dreht. So war er nie in seinem langen Berufsleben. Und so war er auch nicht in Rente. Alberts beschloss nach seinem Ruhestand mit Anfang 60, sich den Wirtschaftssenioren anzuschließen.

► Die Wirtschaftssenioren sind ein bundesweiter Verbund von Rentnern, die mittelständische und kleine Unternehmen beraten. Bei den Hamburger Wirtschaftssenioren, denen Alberts angehört, engagieren sich rund 25 ehemalige Manager, leitende Angestellte und ehemalige Unternehmensinhaber als Berater.

Dirk Alberts
Ein unschätzbarer Wissensschatz: Dirk Alberts vor seinem Bücherregal in Hamburg.

 Millionen Jahre Lebenserfahrung

Alberts war unter anderem Geschäftsführer eines Hamburger Handelshauses, hatte eine eigene Unternehmensberatungsfirma und brachte als Wirtschaftsreferent die Handelsbeziehungen zu Kanada voran. Er war Mitglied im Außenwirtschaftsausschuss der Handelskammer und 21 Jahre lang ehrenamtlich als Handelsrichter tätig.

Da sammelt sich viel Wissen an.

Zwar gibt es die Wirtschaftssenioren schon seit 1983, doch angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung in Deutschland gewinnt das Konzept zunehmend an Bedeutung:

17,5 Millionen Deutsche sind 65 Jahre oder älter. Sobald sie in Rente gehen, bleibt ihr Wissen größtenteils ungenutzt.

Genau das wollen die Wirtschaftssenioren ändern. Es ist ihnen ein Anliegen, dass andere aus ihrer Expertise schöpfen können. “Uns allen macht es Spaß, das Wissen weiterzugeben, das wir uns im Lauf unserer Karriere angeeignet haben”, sagt Alberts der HuffPost.

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Billiger als normale Berater

Noch dazu an Menschen, die es sich wahrscheinlich nicht leisten könnten, eine klassische Beratungsfirma zu engagieren – die Wirtschaftssenioren bieten ihre Dienste nach eigener Aussage gegen eine geringe Aufwandsentschädigung an. Sie verstehen sich als ehrenamtlicher Verein, der sich hauptsächlich über seine Mitgliedsgebühren – 240 Euro pro Jahr – finanziert.

Allein in der Region Hamburg nehmen jedes Jahr rund 400 Unternehmen die Dienste der Senioren in Anspruch.

Michael Linden, Inhaber der Möbelfirma Tavar, ließ sich in der Gründungsphase seines Unternehmens in betriebswirtschaftlichen Fragen beraten.

Er hatte eine Idee, wie man Möbel nach dem Baukasten-Prinzip zusammenpuzzeln könnte, ähnlich wie bei Ikea – nur wollte er keine Schrauben, sondern Magnete dafür benutzen. So kann man die Möbel öfter wieder auf- und abbauen, ohne dass dabei Gebrauchsspuren entstehen.

Nur wie man einen Businessplan aufstellt, davon hatte Linden keine Ahnung. Ein Fall für die Wirtschaftssenioren also.

Gelassenheit, die viele Junge nicht haben

Doch es ist nicht allein das Fachwissen, für das er die Wirtschaftssenioren schätzt, es ist ihre Lebenserfahrung, sagt er der HuffPost.

Von seinem Berater habe er nicht zuletzt auch Gelassenheit gelernt  – “wie man mit neuen und unerwarteten Situationen umgeht, ohne in Hektik und blinden Aktionismus zu verfallen.”

“Ich hatte das Gefühl, mein Berater ist mit Überzeugung und Herzblut daran interessiert, dass meine Firma und ich vorankommen”, sagt Linden. Und eben das sei es, was in dieser zunehmend schnelllebigen Welt schwinde: die leidenschaftliche Weitergabe von Erfahrung und Wissen von einer zur nächsten Generation.

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Vielleicht ist diese Leidenschaft aber auch zum Teil der privilegierten Situation der Senioren geschuldet. Denn sie müssen nicht mehr arbeiten, sie entscheiden sich bewusst dafür.  

“Irgendwann ist der Rasen gemäht, die Dachrinnen geleert – und was macht man dann?”, fragt Rentner Alberts.

Hilfe für die Jungen, Bestätigung für die Senioren

Vor Kurzem feierte er seinen 75. Geburtstag. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Die meisten Wirtschaftssenioren tun das nicht, versichert Alberts. Und verrät: “Einer unserer EDV-Spezialisten ist 80.”

Nicht zuletzt halte die Arbeit auch fit – körperlich und vor allem geistig. “Die Arbeit belastet mich keineswegs, sie bereichert mich”, sagt Alberts. “Das heißt nicht, dass ich jetzt jeden Tag einen Mittagsschlaf brauche.”

Irgendwann ist der Rasen gemäht, die Dachrinnen geleert – und was macht man dann?” – Dirk Alberts

Zudem sei es schön zu wissen, dass man von seinen Kunden geschätzt wird.

So sei es schon öfter vorgekommen, dass sich ein Unternehmen Jahre später wieder bei ihm gemeldet habe und um erneute Beratung in einer anderen Angelegenheit gebeten habe. “Es ist immer schön zu wissen, dass man in guter Erinnerung geblieben ist”, sagt der 75-Jährige.

Manchmal rate er Kunden jedoch auch davon ab, ein Unternehmen zu gründen, etwa wenn diese noch nicht genügend Kreditwürdigkeit besäßen. Zu groß ist in manchen Fällen die Gefahr, sich so zu verschulden, dass man jahrelang nicht herauskommt aus der Finanz-Falle.

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► Es sei heute “wesentlich komplexer” ein Unternehmen zu gründen als zu seiner Zeit. Nicht ohne Grund scheitern 50 Prozent aller neu gegründeten Unternehmen in Deutschland in den ersten fünf Jahren.

Man sei deshalb immer besonders stolz, wenn eine Firma, die man beraten hat, über die Gründungsphase hinaus bestehen kann, sagt Alberts. 

“Die Höhle der Löwen” blendet laut Alberts zu viele Probleme aus

Von Unterhaltungssendungen wie “Die Höhle der Löwen”, wo Start-Up Gründer versuchen, Investoren für ihre Ideen zu gewinnen, hält Alberts nichts. “Solche Sendungen sind mir zu reißerisch. Denn sie zeigen nicht, mit welchen Detailschwierigkeiten sich Firmengründer auseinandersetzen müssen.”

Ein wichtiger Schritt zum Erfolg sei ein entsprechender Online-Auftritt. “Wer heute mit einem Unternehmen bestehen will, muss sich im Internet auskennen”, sagt Alberts.

Das gilt auch für seinen Verein.

Bei der Gestaltung ihrer Webseite vertrauen die Wirtschaftssenioren wiederum auf die Expertise der jüngeren Generation: Studenten der Universität Lüneburg beraten Alberts und seine Kollegen was den Internetauftritt angeht.

Was Alberts von ihnen gelernt hat? “Die jungen Leute von heute sind viel zielstrebiger als wir das unserer Zeit waren. Viele von ihnen wollen schon im Studium wissen, wo die Reise hingeht.” Und: “Sie wollen mehr erreichen.”

Allerdings bedeute das nicht unbedingt, dass sie vom großen Reichtum träumten. “Sie wollen eine Existenz gründen, die ihren Bedürfnissen angepasst ist”, sagt Alberts. Das bedeute in der Regel vor allem Eines: mehr Zeit für sich, die Freunde und die Familie.

Ein Privileg, das Alberts bereits genießt – und sich hart erarbeitet hat in den vielen Jahren in seinem Job, der ihm nur wenig freie Wochenenden und viele späte Feierabende gab.

Er weiß, dass diese Zeit ein Schatz von unschätzbarem Wert ist. Einer, den er weitergeben will. An die nächste und die übernächste Generation. Und wer weiß, vielleicht ja auch noch an die danach.

(mf)