LIFE
04/08/2018 14:54 CEST | Aktualisiert 05/08/2018 15:17 CEST

Wenn ihr die Welt liebt, solltet ihr sie besser nicht bereisen

Wer seinen Urlaub zu Hause verbringt, tut der Umwelt etwas Gutes.

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Ein Mann räumt Müll an einem der Sandstrände der indonesischen Ferieninsel Bali auf. 

Las Lajas in Panama: Braungebrannt laufe ich mit einem roten Bikini bekleidet den menschenleeren Strand entlang. Links von mir: der badewannenwarme Pazifik, rechts von mir: Palmen und hin und wieder eine kleine Holzhütte. Die Sonne blendet meine Augen, ein lauer Wind weht durch meine salzverkrusteten Haare. 

Plötzlich kitzelt mich etwas an meinen Füßen, umschlingt meine Gelenke weich, raschelt sanft:

Es ist eine Plastiktüte.

Panama hat im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsorten noch keine Schlagzeilen gemacht, was Umweltverschmutzung betrifft. Trotz mit Tüten und Flaschen bespickter Strände kommt das Land an die Müllprobleme, mit denen Traum-Destinationen wie Bali, die Malediven oder Galapagosinseln zu kämpfen haben, nicht heran. 

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Fast 70 Millionen mal sind wir Deutschen im Jahr 2017 verreist und sind damit eines der reisefreudigsten Völker der Welt. Besonders beliebt ist der Strand- und Badeurlaub – schließlich wollen wir von unserem stressigen Alltag abschalten und uns endlich mal von der Sonne verwöhnen lassen.

Wo viele Touristen sind, ist auch viel Müll

Ich nehme mich selbst da nicht raus.

Ich habe allein in den letzten Jahren fast 30 Länder bereist, bin teilweise mehrmals jährlich geflogen, war an Touristenorten, habe Klimaanlagen genutzt und viel aus Plastikverpackungen unterwegs gegessen.

Das war ganz schön kacke von mir. Denn so habe ich als ein Teil des Massentourismus dazu beigetragen, dass unsere Erde, die wir so schön finden und deswegen entdecken wollen, weiter zerstört wird.

Wo viele Menschen sind, ist auch viel Müll. Das Müllproblem in Bali hat in den letzten Jahren zum Beispiel immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Insel wird jährlich mittlerweile von bis zu sieben Millionen Touristen besucht – bei etwa nur vier Millionen Einwohnern

Bali versinkt im Dreck 

Im Internet kursieren erschreckende Videos, in denen verdreckte Strände und geradezu schwimmende Inseln aus Plastik zu sehen sind. Dieses Video zeigt einen Taucher, der durch ein Meer aus Müll bei Bali schwimmt: 

“Wollen wir mehr Touristen? Vielleicht nein”, sagt auch Umweltaktivistin Viebeke Lengkong. Mit “Bali Angels”, einem Community-Projekt, setzt sie sich unter anderem für den Umweltschutz auf der Insel ein. Sie macht sich Sorgen, Bali könne die Touristenmassen nicht mehr stemmen. 

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Das liege nicht nur am Müll-Problem, sondern auch an der Wasserknappheit, mit der Bali gerade zu kämpfen habe. Ein Tourist verbrauche durchschnittlich 1785 Liter Wasser pro Tag – ein Einheimischer lediglich 14 Liter. Innerhalb von weniger als zehn Jahren ist der Wasserspiegel in manchen Gegenden Balis deswegen um mehr als 50 Meter gesunken.

Die höchste Müllkippe der Welt

Doch nicht nur beliebte Touristenziele wie Bali leiden unter Umweltproblemen – auch Orte, an denen Touris etwas anderes als das typische Sommer-Sonne-Strand-Feeling suchen, kämpfen mittlerweile mit dem Müll. Der Mount Everest zum Beispiel.

Längst ist der Mythos des unbezwingbaren 8848 Meter hohen Gipfels gestorben. Stattdessen ist er zum beliebten Reiseziel für Hobby-Bergsteiger und sogar Hochzeitspaare geworden, die sich auf 5000 Metern Höhe in Hochzeitsmode ablichten lassen

Der Tourismus bedeutet zwar einen finanziellen Segen für Nepal, die Umwelt zahlt allerdings einen hohen Preis: Der Mount Everest ist zur höchsten Müllkippe der Welt geworden. Umweltschützer schätzen, dass sich in den letzten Jahren mehr als 600 Tonnen Müll auf dem Berg gesammelt haben – bestehend aus Sauerstoffflaschen, Konservendosen und menschlichem Kot. 

Dieses Video zeigt die Ausmaße des Müllproblems:

So viel also zum Thema: unberührte Natur. Selbst an den verlassensten und gefährlichsten Orten der Welt hat der Mensch es schon geschafft, seine Plastikflaschen liegen zu lassen. Quasi als Zeichen: Ich war da. Mein Instagram-Foto und mein Müll beweisen es. 

Die Umweltprobleme verursachen Touristen natürlich nicht erst an ihren Reisezielen. Gehen wir einen Schritt zurück: Bevor wir auf den Malediven in der klimatisierten Hotelbar ein Bierchen zischen oder auf Machu Picchu unsere Chipstüte “vergessen”, steigen wir in ein Flugzeug. Weil wir möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erreichen wollen.

Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe: Die Goliaths unter den Umweltsündern

Jeder Flieger, in den wir uns setzen, stößt umweltschädigendes CO2 ab – so liegt der durchschnittliche jährliche CO2-Ausstoß in Deutschland bei 9,6 Tonnen pro Kopf. Um einen Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad in diesem Jahrhundert zu vermeiden, müsste die Menge bis 2050 auf eine Tonne reduziert werden.

Praktisch dürften wir also nicht mehr fliegen – oder müssten unsere Flugreisen zumindest drastisch einschränken. 

Auch Kreuzfahrten bieten in Hinblick auf die Umwelt keine günstigere Alternative: Der Markt boomt und Kreuzfahrten sind nicht mehr nur für Gutverdiener erschwinglich. Der Umsatz allein in Deutschland lag 2015 bei 2,9 Milliarden Euro (Vergleich mit 2005: 1,22 Milliarden Euro). 

Die meisten der 600 Kreuzfahrtschiffe weltweit werden mit Schweröl betrieben – bei der Verbrennung entstehen deutlich mehr Abgase als zum Beispiel bei Benzin. So werden Abgase wie Schwefeldioxid, Stickoxid und Feinstaub in die Atmosphäre gepumpt – nicht nur an Großstadthäfen, sondern auch an umweltsensiblen Orten wie Fjorden oder der Arktis. 

Wer zumindest umweltschonendere Kreuzfahrten buchen will, kann sich mithilfe der Liste des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) schlau machen: Im Kreuzfahrtschiff-Ranking kann man zumindest das kleinere Übel wählen.

Heißt das, wir dürfen nicht mehr reisen? 

Sollen wir nun also gar nicht mehr verreisen? Nein. Wir alle brauchen mal einen Tapetenwechsel. Aber wir können gewissenhafter reisen.

► Zum Beispiel können wir Zug fahren anstatt das Flugzeug zu nehmen – zumindest, was kurze Strecken betrifft. Der CO2-Ausstoß bei Zug- ist etwa sechs mal niedriger als bei Flugreisen.

► Wir können uns mehr Zeit nehmen – “Slow Travel” heißt der Trend zum langsamen, bewussten und nachhaltigen Reisen. Wer ohne Zeitdruck reist, vielleicht sogar mit dem Fahrrad oder zu Fuß, erlebt mehr und schont die Umwelt.

► Wir sollten Unterkünfte mit eigener Küche wählen – wer selbst in der Ferienwohnung kocht, produziert weniger Müll. Achtet auch darauf, regionale Produkte zu kaufen. Selbst in tropischen Ländern wird Obst zum Beispiel oft importiert.

► Und dieser Tipp sollte eigentlich ein No-Brainer sein: Hinterlasst keinen Müll in der Natur. Wir alle sollten versuchen, die schönen Orte, die wir besuchen, genauso zu hinterlassen, wie wir sie uns auf unserem perfekten Instagram-Bild wünschen. 

Bleibt einfach mal zu Hause

Ich selbst habe mir nun vorgenommen, weniger zu reisen, vor allem weniger Fernreisen zu unternehmen. Viele Ziele in Europa sind gut mit dem Zug oder Fernbus zu erreichen und unser Kontinent bietet eine Vielzahl traumhafter und unentdeckter Orte.

Es muss nicht immer der weiße Sandstrand in Puerto Rico sein – auch Kroatien, Montenegro oder Albanien bieten idyllische Strandorte und sind schnell zu erreichen. Wandern gehen oder eine Fahrradtour machen kann man auch fantastisch in Deutschland. 

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Oder man verbringt einfach mal zwei erholsame Wochen zu Hause – denn mal ganz ehrlich, wer nimmt sich schon die Zeit, um seinen Wohnort und die Umgebung einmal richtig zu erkunden? 

Urlaub auf Balkonien ist vielleicht kein Futter für spektakuläre Urlaubsbilder, kann aber genauso schön sein. Und: Die Umwelt wird es uns danken.  

(jg)