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23/10/2018 09:05 CEST | Aktualisiert 23/10/2018 10:35 CEST

Er drehte "DSDS" und "Biggest Loser": Regisseur packt über Trash-TV aus

Kai Tilgen über die Fernsehhölle: “Da warten schon die schrillen Teilnehmer von 'Frauentausch'."

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Dieter Bohlen als Juror in der Casting-Show "DSDS".
  • Kai Tilgen hat seit mehr als 30 Jahren beim Fernsehen zahlreiche Castingshows und Scripted-Reality-Formate mitverantwortet.
  • In einem Interview mit der “Welt” hat der Fernsehmacher jetzt Einblicke in seine Arbeit und die mögliche Zukunft des Fernsehens geäußert.

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Kai Tilgen beim Fernsehen. Seine Königsdisziplin: Trash-TV

Der Regisseur zeichnet sich unter anderem für Fernsehsendungen wie “Deutschland sucht den Superstar” oder “The Biggest Looser” mitverantwortlich. Casting-Shows, die nicht gerade für besonders viel Feingefühl im Umgang mit ihren Protagonisten bekannt sind.

Regelmäßig gibt der Regisseur Einblicke hinter die Kulissen des Fernsehgeschäfts. In einem Interview mit der “Welt” hat er erklärt, warum er wohl eines Tages in der Fernsehhölle landen dürfte – und was ihn dort erwartet.

Wie sieht es in der Fernsehhölle aus?

“Da warten schon die schrillen Teilnehmer von ‘Frauentausch’,” vermutet Tilgen. Er lässt es sich nicht nehmen zu erklären, dass er es vermeiden konnte, für diese Sendung zu arbeiten.

Und trotzdem vermutet er in der Hölle des Fernsehens zu landen. Denn, dort landen auch jene, “die nicht gut sind zu Kindern”. 

So wie er selbst: Durch sein Mitwirken an Deutschlands erfolgreichstem Casting-Format, “Deutschland sucht den Superstar”, habe auch er sich “an Jugendlichen vergangen”, sagt Tilgen.

So habe er einst auf einen Schweißfleck auf der Hose eines Kandidaten gezoomt, der dadurch “zum Pillerfleck umgedeutet wurde”.

Dafür schäme er sich heute ein wenig, gesteht der Fernsehmacher.

Tilgen: “Warum geht man als junger Mensch da eigentlich hin?”

Für Tilgen stelle sich generell die Frage, warum Jugendlich überhaupt an Trash-TV-Formaten teilnehmen. Nach einem Erklärungsversuch gefragt, sagt er der “Welt”: 

“Ich glaube, es gibt eine große Sehnsucht danach, wahrgenommen zu werden. Vielleicht ist es immer noch besser, von Dieter Bohlen einen Spruch gedrückt zu bekommen, als ignoriert zu werden.”

Allein bei Facebook würden schließlich jeden Tag 350 Millionen Fotos hochgeladen, im ganzen Internet vermutet Tilgen, könnten es gar 3,5 Millionen sein. Und “nur ein Prozent davon betrifft professionelle Gründe,” erklärt Tilgen weiter.

Gesellschaftliche Auswirkungen von Trash-TV

Tilgen glaubt auch, dass “Scripted Reality”-Sendungen, “also semidokumentarische Geschichten nach Drehbuch”, Schuld daran sind, dass “Polizei und anderen Würdenträgern nur noch so wenig Respekt entgegengebracht” werde:

“Wir haben Beamten in unseren Sendungen in dramaturgische Sequenzen gezwängt, in denen sie nicht immer gut aussehen. Da sagt die Polizei etwa, hier ist jetzt mal Ruhe, wir klären das. Und dann wird stattdessen durcheinander gebrüllt, und wer der Lauteste ist, der setzt sich letztlich durch. Wenn wir Polizisten so im Fernsehen darstellen, verlieren die Leute den Respekt vor ihnen.”

Tilgen selbst spürt keine Reue

Doch der Fernsehmacher empfindet selbst keine Reue: “Na, dass ich nicht schlafen kann oder Gewissensbisse habe, das gab es eigentlich nicht.” Doch Tilgen ist selbst Vater von sechs Kindern, denen er ganz andere Dinge beibringen würde.

Der Regisseur vermutet, dass es eine Trendwende im Fernsehen geben könnte. So könnte “Scripted Reality” bald von TV-Formaten über Zivilcourage abgelöst werden.

Ganz unzynisch kommentiert Tilgen im Interview:

“Wir werden merken, wie schön es ist, der Oma aufzuhelfen, die mit dem Rolli gestürzt ist. Wir werden Sendungen bekommen wie ‘Aktenzeichen XY’, aber positiv gedreht: Nicht über das Verbrechen, sondern über das Gute.”

Diesen Hoffnungsschimmer lässt sich der Trash-TV-Regisseur nicht nehmen.

(jg)