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15/02/2018 21:44 CET | Aktualisiert 15/02/2018 21:44 CET

Rechte Attacken auf Sorben: Wohin Hass führen kann, haben wir vor 80 Jahren gesehen

Menschen wurden angegriffen, nur weil sie Sorbisch sprachen.

Domowina
Beschmierte Schilder in der Lausitz – die sorbischen Ortsbezeichnungen sind übermalt

Konflikte hat es in der Geschichte der Lausitz immer schon gegeben. Auch zu meiner Jugendzeit gab es Reibereien zwischen Sorben und Nicht-Sorben.

Seit 2014 erleben wir jedoch eine gänzlich neue Qualität:

► Organisierte, maskierte Gruppen von Rechtsextremisten haben sorbische Jugendliche gejagt. Vom ersten Vorfall im Herbst 2014 wurden wir völlig überrascht. Erst recht, als sich herausstellte, dass sich junge Sorben bereits seit längerer Zeit Aggressionen ausgesetzt sahen.

► Im katholischen Städtedreieck Bautzen – Kamenz – Hoyerswerda, in dem Ortschaften teils zu 80 bis 90 Prozent sorbisch geprägt sind, registrierten wir in kurzer Zeit mehrere Straftaten.

► Es hatte den Anschein, als ob Rechtsextremisten raus auf die Dörfer kamen, um Ärger zu machen.

Zudem wurden immer wieder sorbische Schilder beschmiert und mehrsprachige Ortseingangsschilder flächendeckend übermalt oder überklebt.

Hintergrund: Die Sorben sind ein westslawisches Volk und eine der vier in Deutschland lebenden nationalen Minderheiten (neben den Friesen, den Dänen und den Sinti und Roma). 

Ihre Heimat liegt in der Lausitz, einer Region, die sich in Deutschland über den Osten Sachsens und den Südosten Brandenburgs erschreckt. Insgesamt leben dort heute etwa 60.000 Sorben. 

Ihre Rechte sind in den Verfassungen der betreffenden Bundesländer verankert und dadurch besonders geschützt.

Die inoffizielle Hauptstadt der Sorben ist Bautzen. Dort hat auch der sorbische Dachverband Domowina seinen Sitz. 

Domowina

Auffällig: Schmierereien wie “Hooligans gegen Sorben” oder Aufkleber von Dynamo Dresden lassen vermuten, dass es offenbar Verbindungen zwischen den Rechtsextremisten und Teilen des Fußball-Milieus gibt. 

Das alles sind ganz klar sorbenfeindliche, zum Teil sogar verfassungsfeindliche Taten. Denn Menschen werden aufgrund ihrer bloßen Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe attackiert.

Domowina
Słona Boršć, der sorbische Name von Salzenforst bei Bautzen, wurde mit Aufklebern des Fußball-Zweitligisten SG Dynamo Dresden überklebt. 

Warum ist der Hass gegen Sorben so groß? 

► Für uns als Sorben ist das eine brenzlige Situation: Wir wollen die Jugendlichen erreichen. Doch die haben Respekt vor der Thematik. Sie haben Angst und wollen sich nicht mit den Übergriffen auseinandersetzen – erst recht nicht mit der Polizei.

Doch genau deshalb gehen wir an die Öffentlichkeit.

In den vergangenen vier Jahren haben wir viel gelernt: Wir mussten erfahren, wie weit verbreitet unterschwelliger Hass in unserer Gesellschaft ist. Dieser richtet sich nicht nur gegen Ausländer und jene Ethnien, die anders aussehen, sondern zu Teilen auch gegen Sorben.

Ich frage mich: Was bewegt diese Menschen? Warum haben sie einen so großen Hass auf Sorben?

Auch wenn wir eine eigene Kultur und Sprache haben, gehören wir genauso zu Deutschland wie Bayern, Schwaben oder Westfalen.

Die Nazis haben Sorben ins KZ gesteckt

Eine Einteilung in bessere und schlechtere Menschen lehne ich als Christ kategorisch ab.

Menschenrechte stehen allen zu, auch wenn die neuen Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss, Regelungen benötigen. Gerade in letzter Zeit haben mich die polemischen Diskussionen, die sich gegen Menschen richten und keine Lösungen bieten, erschreckt.

Wohin das alles führen kann, haben wir vor 80 Jahren erlebt:

► Damals wurde Sorbisch erst als germanischer Dialekt abgetan, ...

► ... dann sorbische Intellektuelle aus der Lausitz verdrängt, einzelne Vertreter sogar im KZ umgebracht.

► Die Nazis haben unsere Sprache aus dem Alltag ins Private verbannt.

Unsere Gesellschaft braucht Normen. Dazu gehört auch, dass Mehrsprachigkeit normal ist.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung sprechen mehr als eine Sprache. Jeder siebte Europäer ist Angehöriger einer Minderheit. Jeder sollte in seiner Sprache offen leben und handeln können.

Wir leben heute in einem Europa der Möglichkeiten und nicht der Grenzen. Koexistenz ist sehr befruchtend – das lehrt uns auch die europäische Geschichte.

Domowina
Róžant – auch die sorbische Bezeichnung von Rosenthal haben Unbekannte übersprüht

Viele Ostdeutsche haben nach der Wende Leid erfahren

► Immerhin: Der große Teil der Gesellschaft unterstützt uns und hat erklärt: Die Sorben gehören dazu. Auch die Behörden und die Polizei haben bisher schnell und unkompliziert gehandelt.

Ich verstehe, wenn sich die Menschen in Ostdeutschland beschweren. Wahrscheinlich haben viele von ihnen nach der politischen Wende Leid erfahren und sind durch nicht eingehaltene Versprechen frustriert – und gehen deswegen in eine Abwehrhaltung und misstrauen der Politik.

► Klar ist aber auch: An all dem sind nicht die Sorben schuld. Vielmehr sind wir ein Teil derer, die für unsere mehrsprachige Lausitz Perspektiven schaffen können.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.   

Mehr zum Thema: Ein Brief eines Sachsen an alle Wessis, die gerade auf den Osten schimpfen

(jg)