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30/04/2018 17:18 CEST | Aktualisiert 30/04/2018 17:28 CEST

Ein Ex-Islamist hat mir geholfen, mich vom Rechtsextremismus loszusagen

Was uns verbindet ist viel stärker als das, was uns unterscheidet.

Stefan Wermuth / Reuters
Mitglieder der English Defence League (EDL) bei einer Anti-Islam Demonstration in Birmingham 2013.

Ich bereue es nicht, bei der English Defence League (EDL) gewesen zu sein.

Es ist eine schlimme Gruppe: Sie spaltet, sie ist gnadenlos und egoistisch.

► Aber sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin: zu einem Menschen, der sich jeden Tag gegen Extremismus einsetzt. Sie hat mich zu jemandem gemacht, der etwas bewirken kann.

Hintergrund:

Die English Defence League (Englische Verteidigungsliga, EDL) ist eine ultranationalistische Protestgruppe in Großbritannien. Sie wurde 2009 von Tommy Robinson, einem Mitglied der rechtsextremen British National Party, gegründet und hat enge Verbindungen zur Hooligan-Szene sowie der Rechtsaußen-Partei Ukip. 

Ähnlich wie bei Pegida haben es sich die Mitglieder zur Aufgabe gemacht, die “Islamisierung des Abendlandes” zu verhindern. Die Gruppierung ist stark anti-muslimisch geprägt. 

Meine Heimatstadt ist Lowestoft in Suffolk. Als ich aufwuchs, war fast jeder in meiner Gegend weiß. Wahrscheinlich ist das heute auch noch so. Kontakt zu Muslimen hatte ich folglich kaum.

Ich lebte in einer Sozialbausiedlung und verließ die Schule mit 16 Jahren, um viele Überstunden in einer Hühnerfabrik zu arbeiten. Kurz nachdem meine beiden Kinder geboren waren, hatte ich einen Nervenzusammenbruch und landete im Krankenhaus – mein Partnerin verließ mich am selben Tag.

Die EDL gab mir Halt

Als ich aus dem Krankenhaus kam, hatte ich keinen Job und zwei Kinder, die ich versorgen musste. Meine Freunde hatten mir alle den Rücken gekehrt – sie hielten mich für einen Verrückten.

Bald bekam ich Depressionen. Jeden Tag saß ich alleine zu Hause und schaute fern oder verbrachte Stunden in den sozialen Medien.

Und da fand ich die English Defence League.

Oder besser gesagt: Sie fand mich, weil ich unter ein Video, in dem der Hassprediger Anjem Choudary die britischen Truppen beschimpft, einen Kommentar postete. Das Video machte mich vor allem deshalb so wütend, weil ich zu der Zeit Spenden für die Armee sammelte.

Wenige Minuten nachdem ich meinen Kommentar gepostet hatte, erhielt ich eine Nachricht von jemandem aus der EDL.

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Über Stunden hinweg schrieben wir hin und her. Wir unterhielten uns über meine Arbeit, meinen Glauben und darüber, warum ich diesen Kommentar gepostet hatte. Dann fragte er mich, ob ich die EDL nicht unterstützen wolle und bot mir eine Stelle als Administrator der EDL-Facebookseite an.

Er gab mir das Gefühl, dazuzugehören. Ich sagte Ja.

Steiler Aufstieg als Ultranationalist 

► Heute weiß ich, dass ich mir was vorgemacht habe. Ich war depressiv und generell einfach wütend. Die EDL wusste das für ihre eigenen, egoistischen Motive auszunutzen. Ich wollte dazugehören und diese Leute taten so, als würde ich das.

Die EDL gab mir das Gefühl, dazuzugehören.

Wenn du einmal hineingezogen wirst, dann geht es schnell, dass du vereinnahmt wirst von dieser Welt. Nach kurzer Zeit verbreitete ich islamfeindliche Posts und organisierte Demonstrationen. Ich war gefangen in einem Echoraum.

Ich lernte online so viele Leute kennen, die anscheinend das gleiche dachten wie ich. Und wenn ich sie dann persönlich traf, schien es, als würden wir uns schon Jahre kennen. Wir hatten etwas gemeinsam, ein gemeinsames Ziel, auf das wir hinarbeiteten: Wir wollten unsere Heimat verteidigen.

Ivan Humble
Ivan Humble bei einem Protestmarsch der English Defence League im August 2013.

► Damals war ich fest davon überzeugt, dass alle Muslime schlecht sind. 

Nach und nach wurde meine Mitgliedschaft bei der EDL zu einer Obsession. Ich widmete all meine Zeit unserer Sache, ignorierte sogar meine Kinder. Zudem war ich arbeitslos und lebte von Sozialhilfe.

Innerhalb der EDL hingegen stieg ich steil auf. Nach kurzer Zeit wurde ich vom Gründer der EDL, Tommy Robinson, zum Organisator für die Region East Anglia gemacht.

Ich war davon überzeugt, dass alle Muslime schlecht sind

Und trotzdem: Aus irgendeinem Grund hatte ich immer ein wenig Bedenken, wie viele andere Leute auch, die ich kannte und die ebenfalls schlussendlich die EDL verlassen haben.

Etwa ein Jahr, nachdem ich mich der EDL angeschlossen hatte, demonstrierten wir gegen die Eröffnung einer Moschee in Peterborough. Daraufhin baten uns die Imame um ein Gespräch. Die EDL lehnte ab, doch es war, als hätte sich in meinem Kopf ein Vorhang gehoben.

Ich wurde einen Gedanken nicht los: Wieso wollen diese Menschen mit uns sprechen, obwohl wir so offensichtlich gegen sie sind?

Als ich eines Tages einkaufen war, sah ich, wie ein paar muslimische Frauen in eine Bücherei gingen. Ich folgte ihnen und spähte durch das Fenster: Sie trafen sich dort mit etwa 60 anderen Muslimen. 

Ich fasste mir ein Herz und klopfte an die Scheibe. Ein Mann kam hinaus und ich sagte ihm, dass ich bei der EDL sei und mich gerne mit ihm unterhalten würde. Am nächsten Tag trafen wir uns auf einen Kaffee.

Es sollte nicht unser einziges Treffen bleiben. Wir sprachen über Religion und ich erzählte ihm, dass ich sehr schlecht über den Islam dachte. Er half mir zu verstehen, dass es Unsinn ist, eine ganze Religionsgruppe zu hassen.

Und dann traf ich Manwar Ali, einen ehemaligen Dschihadisten.

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Eine Begegnung mit einem Ex-Islamisten half mir zu verstehen, wie falsch ich lag

Das erste Mal hörte ich von Manwar, als das Gerücht aufkam, er wolle die alte Kirche in Ipswich in eine Super-Moschee verwandeln.

Ich konfrontierte ihn und musste feststellen, dass wir mit unserer Annahme falsch lagen: Er baute ein Gemeindezentrum, das alle benutzen konnten.

Wir begannen uns zu unterhalten und über die Monate wurden wir gute Freunde.

Ivan Humble
Mithilfe seines Freundes Manwar (vorne, dritter von links) gelang Ivan Humble (vorne, zweiter von links) der Ausstieg aus dem Rechtsextremismus.

Jeden Tag brachte er mich dazu, mehr und mehr über meine Ansichten nachzudenken. Er verstand, wie ich dazu kam, die Welt nur noch durch die Linse meines Feindbilds zu sehen, weil er einst selbst in der gleichen Situation gewesen war. 

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► Als mein Vater 2013 an Krebs starb, wandte ich mich nicht an die EDL: Ich wandte mich an Manwar.

Meine Freundschaft zu Manwar hat mir gezeigt, dass Gruppen, die auf Hass und Abspaltung basieren, falsch sind. Ich begriff, dass das nichts damit zu tun hat, britisch zu sein. Und ich begriff, dass das, was uns verbindet, viel stärker ist als das, was uns unterscheidet (eine Philosophie, die ich mir inzwischen habe auf den Arm tätowieren lasen).

Ich will andere Menschen vor der Radikalisierung bewahren

Im Jahr 2014, fünf Jahre nachdem ich der EDL beigetreten war, entschied ich mich, die Gruppe zu verlassen. Leicht war das nicht. 

Für meine ehemaligen Kameraden war ich ein "Rassenverräter". Ich bekam Hassmails und einige Mitglieder drohten mir, mich zusammenzuschlagen.

Einige Zeit nach meinem Ausstieg beschloss ich, eine Hotline zur Meldung von Hassverbrechen anzurufen. Ich wusste, dass die Experten die EDL schon länger beobachteten und bot ihnen an, meine Erfahrungen mit Radikalisierung und Extremismus zu teilen.

Sie luden mich ein, einen Workshop zu leiten. Damit begann für mich ein neues Leben. 

Ich bin stolz auf die Arbeit, die ich heute mache. Ich fahre durchs Land und erkläre den Leuten die verschiedenen Formen des Extremismus. Und ich arbeite als Präventionstrainer für Extremismus bei der Organisation Me and You.

Ich bin stolz darauf, dass ich in der Lage bin, etwas Positives zu bewirken.

Ein Ausstieg aus der rechtsextremen Szene ist nicht leicht. Organisationen wie EXIT Deutschland unterstützen betroffene Personen dabei, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und ein langfristiges Umdenken zu erreichen.

Bei Bedarf leistet EXIT auch Hilfe bei Problemen der Sicherheit von Aussteigern.

Dieser Text wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Anna Rinderspacher zur Veröffentlichung angepasst.

(sk)