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23/05/2018 20:23 CEST | Aktualisiert 24/05/2018 08:53 CEST

Kampf gegen Rechts: Wie ich Neonazis beim Ausstieg helfe

Der Zweifel des Einzelnen kann eine ganze Gruppe zu Fall bringen.

ullstein bild via Getty Images
Die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten in Deutschland steigt seit 2014 kontinuierlich. 

Holger K*. wollte seinen Sohn für die Politik begeistern. Also nahm er ihn mit auf eine linke Montagsdemonstration. Doch der Junge interessierte sich weniger für die Werte und Ziele der Organisatoren, sondern vielmehr für die Gegendemonstranten: Rechtsextreme.

Je mehr sich der Junge mit der Ideologie der Neonazis beschäftigte, desto mehr wurde ihm klar, dass ihre Weltanschauung ein Versprechen gab, das eine Leere in seinem eigenen Leben zu füllen schien: Den Wunsch nach einer richtigen Familie, nach Halt und einem Gefühl von Wertschätzung.

Es gibt viele Wege in den Rechtsextremismus. Und es gibt viele Wege aus ihm heraus. In meiner Tätigkeit für EXIT-Deutschland versuche ich, diese Wege aufzuzeigen und allen, die es wollen, beim Ausstieg zu helfen.

Was ist EXIT-Deutschland?

EXIT-Deutschland ist eine Initiative, die Menschen beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene hilft. Ins Leben gerufen wurde das nichtstaatliche Programm am 24. Mai 2000 unter anderem von Bernd Wagner und Ingo Hasselbach, der früher selbst Neonazi war.

Inzwischen arbeiten dort Erziehungswissenschaftler, Kriminologen, Sozialarbeiter und frühere Neonazis eng zusammen, um Menschen aus der rechtsextremen Szene zu holen. Nach Angaben der Bundesregierung gelang mit Hilfe der Organisation bislang 601 Männern und 96 Frauen der Ausstieg.

Wir betreuen Personen, die in rechten Organisationen aktiv sind und diese verlassen wollen. In der Regel sind die Betroffenen zwischen 25 und 30 Jahre alt und schon mehrere Jahre Teil der Szene.

Allerdings arbeiten wir nur mit Menschen, die sich aus eigenem Antrieb an uns wenden.

In der Regel kommt der erste Kontakt per E-Mail oder Telefon zustande. Wir versuchen zunächst aus der Ferne zu eruieren, unter welchen Umständen der Ausstieg erfolgt und was die größten Hindernisse sind.

Fabian Wichmann hilft Rechtsextremen aus der Szene auszusteigen.

Ausstieg bedeutet oft, liebgewonnene Menschen zurückzulassen

Was den Ausstieg für die meisten schwer macht, ist, dass die Betroffenen oft in enge soziale Strukturen eingebunden sind – ihre Kameraden sind ihre besten Freunde, vielleicht sind auch Familienmitglieder Teil der Szene.

Wenn sie also der Szene den Rücken kehren wollen, müssen sie auch diese liebgewonnenen Menschen hinter sich lassen.

Wobei wir auch schon Fälle hatten, in denen Aussteiger weitere Angehörige aus der rechtsextremen Szene herausgeholfen haben. Zum Beispiel eine Frau, die nach ihrem Ausstieg ihre Mutter – welche sich überhaupt erst wegen der Tochter der Szene angeschlossen hatte – herausholte.

Mehr zum Thema: Die Postergirls der Neuen Nazis: Warum Frauen für die rechte Identitäre Bewegung immer wichtiger werden

► Wenn wir jemandem beim Ausstieg helfen, hat das also nicht bloß eine persönliche Bedeutung für denjenigen, sondern auch eine strategische Relevanz für die Bekämpfung von Rechtsextremismus in Deutschland.

“Wenn ich einen von euch erwischen sollte, ich f**** jeden einzelnen von euch. Ihr seid nichts weiter als schwule *****söhne und ihr braucht gar nicht so zu tun, als ob ihr die Macht hättet. WIR sind die Macht und wir werden Deutschland wieder aufbauen. Ich schwöre euch auf’s Deutsche Reich, der Tag der Rache wird kommen. Und wir kriegen euch alle.”

Auszug aus einer Nachricht, die auf dem Anrufbeantworter von EXIT-Deutschland hinterlassen wurde.

Der Zweifel des Einzelnen kann eine ganze Bewegung zu Fall bringen 

Besonders, wenn es sich bei den Aussteigern um hochrangige Mitglieder der Szene handelt, kann das eine Kettenreaktion auslösen.

Denn wer aussteigt, zweifelt die Weltanschauung der Szene an, und allein aufgrund dieser Tatsache regt sich vielleicht auch bei anderen Mitgliedern erster Zweifel. Oder es gibt ihnen den letzten Ruck, um selbst auszusteigen.

Nicht ohne Grund gilt in rechtsextremen Kreisen der “Verräter” als größter Feind. 

Entsprechend betreuen wir auch Menschen, die nach ihrem Ausstieg auf besonderen Schutz angewiesen sind. Es kommt öfter vor, dass Aussteiger angegriffen werden oder Morddrohungen in Form von toten Tieren zugesendet bekommen.

Es wurden auch schon Mordanschläge auf Aussteiger verübt, die wir betreut haben. Aber nicht immer verläuft ein Ausstieg so dramatisch. 

Daran zeigt sich, dass die Kameradschaft eben doch Grenzen hat. Dass das Versprechen von Zusammenhalt und einem Familienersatz nur unter bestimmten Bedingungen erfüllt wird.

Mehr zum ThemaIch habe ein Jahr lang unter Rechtsextremen in den USA und Großbritannien gelebt – ihre Mordlust ist beängstigend 

Natürlich erhalten auch wir Ausstiegshelfer Drohungen. Unsere Arbeit stellt schließlich eine große Gefahr für die rechtsextreme Szene dar. Einschüchtern lassen wir uns davon nicht.

Jeder Ausstieg ist ein langwieriger Prozess

Unsere Hilfe orientiert sich immer am Bedarf der jeweiligen Person. Hat jemand während seiner Zeit in der Szene zum Beispiel schwere Gewalttaten verübt, kann er psychologische Betreuung in Anspruch nehmen, um diese aufzuarbeiten.

Rechtsextremistisch motivierte Kriminalität in Deutschland nimmt seit etwa 2014 stetig zu. Im Jahr 2016 verzeichneten Sicherheits­behörden insgesamt 1600 rechtsextremistische Gewalttaten.

Grundsätzlich gilt jedoch: Jeder Ausstieg ist ein langwieriger Prozess, denn der Aussteiger muss nach und nach in sein früheres Leben zurückfinden, seine frühere Identität neu entdecken.

Einige fallen dabei in eine Sinnkrise.

Der Ausstieg fällt aber auch deshalb nicht leicht, weil Aussteiger in der Regel von der Gesellschaft kritisch beäugt werden. Es besteht ja immer das Risiko eines Rückfalls.

Das können wir gegen Rechtsextremismus tun

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Radikalisierung selten im Verborgenen stattfindet.

Wenn jemand eine Faszination für rechtes Gedankengut empfindet, will er diese auch kommunizieren, sucht die Konfrontation – sei es in der Schule oder beim Abendessen mit der Familie. 

Unsere Arbeit macht aber deutlich, dass eine kontinuierliche und kritisch-konstruktive Auseinandersetzung um gesellschaftliche Werte am Ende Früchte trägt – und das kann jeder machen.

► Es reicht nicht aus, nur eine “Gegen-Mentalität“ zu entwickeln und zu sagen: “Nazis raus“. Wir müssen kritisch sein und uns darauf konzentrieren, demokratische Werte zu vermitteln und zu leben.

Dieses Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und zur Veröffentlichung angepasst. 

*Name von der Redaktion geändert.

(tb)