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22/02/2018 17:20 CET | Aktualisiert 22/02/2018 17:20 CET

Ratschläge sind auch Schläge: Warum gut gemeinte Tipps oft so wenig helfen

„Man kann einen Menschen nichts lehren; man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.” Das hat Galileo Galilei gesagt, und er hatte Recht. Die meisten Ratgeber entzünden in uns bestenfalls ein Strohfeuer. Sie überlassen dem Leser keine eigenen Entscheidungen und Schlüsse, sondern bedrängen ihn. Ein Plädoyer an alle Ratsuchenden, zuerst auf sich selbst zu hören.

Gidon Wagner
Der beste Rat ist eine Frage, damit der andere eigene Antworten findet

Wenn man ein Jahr lang an einem Buch arbeitet, will man, dass es auch gelesen wird. So wie ich mit meinem Leitfaden “Dein Weg zum Selbstbewusstsein”. Anstatt aber darauf zu setzen, dass es sich in rauen Mengen verkauft, verschenke ich es. Es ist eine Marketing-Aktion. Es ist aber auch das Eingeständnis: es gibt viel zu viele Ratgeber.

Von Junk-Ratgebern und Ratgeber-Junkies

Es gibt zu viele schlaue Werke über alles und für jeden. Sie versprechen, mein Leben als Leser mit schlauen Tipps zu verschönern, ohne dabei in meiner Haut zu stecken. Und jeder Ratgeber macht Hoffnung – dadurch wird man schnell zum Ratgeber-Junkie, der immer wieder neuen Input braucht, um dann morgen alles zu ändern.

Vielen will ich immer sagen: „Lieber Autor, du willst mir erzählen, was richtig für mich ist? Sorry, aber woher willst du das wissen? Du kannst mir aber von deiner Geschichte erzählen und ich versuche, daraus zu lernen.”

Von ihrer Geschichte erzählen die meisten mir bekannten Autoren aber leider nicht, sondern sie verstecken sich hinter ihren (wenn auch gut gemeinten) Tipps, Tricks und Kniffen.

Ratgeber sind tot

Ich finde: Ratgeber sind tot. Das Netz ist durchzogen von Tipps für jede Lebenslage in Blogs, Büchern, Videos und Kursen zu jedem erdenklichen Thema. Juhu! Einmal googlen und schon hat man die Lösung! Könnte man meinen. Man könnte meinen, dass Menschen immer glücklicher werden, weil es immer mehr Hilfen und Rat gibt. Die Fragen werden aber nicht weniger.

Unter meinen Lesern sind viele Menschen, die schon jahrelang viel probieren, um selbstbewusster zu werden. Bücher, Kurse, Podcasts, Videos, Online-Vorträge, Seminare und noch mehr Bücher. Bei vielen scheinen die Effekte immer nur kurz anzuhalten. Danach fühlen sie sich wieder genau wie vor dem Ratgeber.

Tipps gibt es fast unendlich viele, echte Lösungen dagegen selten

Ein positives Gegenbeispiel für Ratgeber war für mich das Anti-Rauch-Buch von Allen Carr, “Endlich Nichtraucher”. Das Buch ist aber nicht wegen seiner schlauen Tipps so gut. Tipps gibt es im Buch tatsächlich fast keine. Vielmehr dreht es die Welt des vom Rauchen geplagten Lesers auf den Kopf. Es holt den Leser genau da ab, wo er steht. Carr, einst Kettenraucher von 100 Zigaretten pro Tag, kannte die Gedankengänge von Rauchern. Und er nahm die Täuschung, Rauchen sei ein Genuss, Stück für Stück auseinander.

Das Buch ist ein gedankliches Gegengift für Leute, die der Illusion verfallen sind, rauchen sei toll. Die Illusion ist aber das Problem, denn die Entzugserscheinungen selbst sind vergleichbar mit Hunger. Nicht schlimm. Was schlimm ist: die psychische Abhängigkeit. Zu denken, man müsse auf Zigaretten verzichten, wenn man aufhört. Das kann sogar depressiv machen, ist aber die Folge der Gehirnwäsche, nicht des Tabaks. Dabei ist das Aufhören ein Grund zur Freude und das Buch bringt einen wieder zurück auf den Boden dieser Tatsache.

Obendrein liefert Carr noch einige Fakten, die seine psychologischen Gegenmaßnahmen untermauern. Dabei wiederholt er sich im Laufe des Buches immer wieder. Nicht, weil das so ein tolles Stilmittel ist, sondern weil er das Denken seiner Leser wirklich ändern wollte. Bei mir hat das geklappt. Nicht, weil ich seine Tipps beherzigt habe, sondern weil ich in mir selbst das gefunden habe, wovon er spricht. Die Freude allein über die Vorstellung, nie wieder zu rauchen.

Mit reinen Tipps wäre Carr bei mir nicht weit gekommen

Wir leiden an einer Tipp-Überdosis. An einer Klugscheißer-Kultur. Eine Freundin beklagte sich letztens: „Ich will mir nicht von anderen Leuten sagen lassen, wie ich selbstbewusster werde. Ich glaube auch nicht, dass mir jemand sagen kann, was ich tun soll, denn er ist ja nicht ich.“ Ich konnte ihr nur zustimmen. Niemand weiß, was in Sachen Lebensbewältigung wirklich richtig für mich ist. Niemand kann es wissen, weil er eben nicht ich ist und nicht vor meinem Berg aus Herausforderungen steht. Trotzdem versuchen jährlich viele Tausende Leser sich nach den Tipps ihrer Gurus und Ratgeber-Vorbilder zu richten. Der Leidensdruck beflügelt, aktiv zu werden.

Mir ging es mit Tipps solcher Ratgeber bisher immer so: ich habe sie aufgenommen, war von einigen begeistert und motiviert und habe sie für einige Zeit befolgt. Aber wie mit den meisten guten Vorsätzen, bin ich Ihnen nicht all zu lange treu geblieben. Der Alltag und alte Gewohnheiten scheinen alles aufzufressen und platt zu machen, was der eigene Wille einmal auf den Weg gebracht hat. Und am Ende ging es mir oft schlechter als davor, weil ich jetzt auch noch frustriert darüber war, mich nicht an den Ratgeber halten zu können.

Warum man sich nur selbst die besten Ratschläge geben kann

Das eigentliche Problem an Tipps: wer sie gibt, spricht unbewusst nur von sich selbst. Das hilft dem Gegenüber meist gar nicht und kann sogar schaden. Ein Beispiel: Ein Freund klagt über Beziehungsprobleme. Der erste Streit mit der neuen Liebe kam schon nach wenigen Wochen anfänglicher Verliebtheit, obwohl die gemeinsame Wohnung schon ausgesucht ist.

Wenn ich nun selbst von Streits meiner eigenen Beziehung gezeichnet bin, kann ich wütend Tipps geben wie „lass dich nicht auf etwas ein, wo es nur darum geht, dass du dich verändern sollst. Jeder muss sein Leben weiterführen, und zusammenziehen solltet ihr vielleicht gleich sein lassen.“

Aber kann ich wirklich wissen, was für ihn und seine Angebetete wirklich richtig ist? Und spreche ich nicht eher von mir selbst – mir, der sich in seiner Partnerschaft nur all zu oft unter Druck gesetzt fühlte, sich zu verändern? Der zum Schluss heimlich auf dem Weg vom Einkaufen an seinen Zigaretten gezogen hat, weil die Partnerin die Raucherei nicht mehr wollte? Gebe ich wirklich meinem Kumpel Tipps, oder mache ich nicht vielmehr meinem eigenen Frust Luft? Andersrum: Wäre ich gerade frisch verliebt, würde ich ihm nicht wahrscheinlich viel optimistischer gut zureden? „Wird schon wieder. Konzentrier dich drauf, wie gern du sie hast! So kleine Streits machen doch nichts.“ Bla, bla, bla.

Der beste Tipp ist eine Frage

Vielleicht ist der kleine Streit der erste und letzte in der Beziehung meines Freundes. Vielleicht führt mein Tipp, sich das mit dem Zusammenziehen noch mal zu überlegen auch dazu, dass er sich anders entscheidet und sich dadurch eine große Gelegenheit des persönlichen Wachstums in einer Beziehung vorenthält. Meine Tipps waren nichts wert für ihn. Das Beste, was ich für meinen Freund tun kann: ihm zuhören und Fragen stellen. „Willst du denn mit ihr zusammenziehen?“ „Was willst du von ihr?“ “Was genau verletzt oder ärgert dich an ihrem Verhalten?” „Was erwartest du dir von einer Beziehung?“

Tipps werden dann wertvoll, wenn ich direkt etwas daraus lerne

Mein Buch sollte alles anders machen. Ich selbst war jahrelang Jünger der Ratgeberliteratur und bin damit kein Stück weiter gekommen. Erst, als ich begann, wirklich auf mich zu hören, begann ich, kleine Schritte raus aus meiner Ausgebranntheit und Depression zu machen.

Ich wollte unbedingt ein Buch über meine Geschichte und Reise zu mir selbst schreiben. Um anderen Menschen in ähnlichen Situationen eine Hilfestellung geben zu können. Und ja: um damit richtig viel Geld zu verdienen. Aber irgendetwas in mir sagte mir, dass das nicht richtig wäre. Schon das mit dem Geld, aber nicht das mit mir als Ratgeber. Statt meine eigenen Weisheiten anderen aufs Auge zu drücken, fing ich an, Interviews mit Leuten zu führen, die „es geschafft haben“ und von denen ich glaube, dass jeder etwas lernen kann.

Am meisten lerne ich aus eigenen Erfahrungen – am zweitmeisten von den Erfahrungen anderer

Ein Jahr später hatte ich, der Feind der Ratgeber, tatsächlich selbst einen Ratgeber veröffentlicht. Es war mein Buch, über das meine Freundin sich weiter oben in diesem Artikel beklagte. War ich gescheitert? Ich wollte ein Buch schreiben, das nicht in die Ratgeber-Gesänge einstimmt und seinen Lesern nicht vorschreibt, wie sie zu leben haben. Nicht mit einem Einheitsbrei aus Klugscheißerei, sondern mit ganz verschiedenen Rezepten ganz verschiedener, erfolgreicher Persönlichkeiten.

War ich damit gescheitert? Ja und nein. Aus ihrer Sicht schon. Und darauf kommt es an, für sie! Auf ihre Sicht. Auf deine. Auf meine. Für uns alle kommt es nur auf unsere eigene Sicht an, auf unsere eigene Erfahrung und Erkenntnis. Es gibt keine guten Bücher und keine schlechten. Es gibt nur passende Bücher für Menschen, die sie jetzt gerade brauchen.

Alles kann dich weiterbringen

Vielleicht gehörte es zu meinem Weg, erst einmal jahrelang durch Ratgeberliteratur zu stolpern, um dann für mich das einzig wirklich Wichtige zu lernen: Es kommt nur darauf an, was ich glaube. Über mich, andere und die Welt. Und dafür ist meine Erfahrung das Allerwichtigste. Das Zweitwichtigste für mich ist die Erfahrung anderer Menschen, in denen ich mich wiederfinde. Und dann kommen irgendwann an dritter oder vierter Stelle die Ideen von uns Autoren. Mein einziger Tipp dieses Artikels: Glaub uns nicht. Plapper nicht nach, was wir sagen. Probier möglichst viel aus und schau dann, was dich weiterbringt.

Dein Weg zum Selbstbewusstsein – Selbstimpuls Verlag 2018