POLITIK
01/08/2018 21:47 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 11:57 CEST

Übergriffe in Thüringen: Gezielte Attacken auf Flüchtlingskinder

Sogar Eltern mit Babys wurden attackiert.

Meinzahn via Getty Images
Die Kleinstadt Kahla südlich von Jena – hier passierte eine der rassistischen Übergriffe.
  • Im Juli hat es in Thüringen binnen weniger Tage zwei Übergriffe auf minderjährige Flüchtlinge gegeben.
  • Zahlen zeigen: Es sind alles andere als Einzelfälle.

Zwei brutale Attacken innerhalb von nur fünf Tagen. Ezra, die Erfurter Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, Refugio Thüringen und der Flüchtlingsrat Thüringen schlagen deshalb Alarm

Die Organisationen beobachten eine Häufung gewalttätiger Angriffe auf junge Flüchtlinge in dem östlichen Bundesland:

Am 18. Juli sprachen drei Männer einen 16-Jährigen am Bahnhof in Kahla erst an, dann prügelten sie auf ihn ein und fuhren mit dem Zug davon. Erst im April hatten in Kahla Burschenschafter vier Jugendliche bei ihrer Unterkunft angegriffen und bis in ihre Wohnräume verfolgt.

► Am 23. Juli schoss in Untermaßfeld im Landkreis Schmalkalden-Meiningen ein 35-jähriger Mann mit einer Waffe auf vier junge Flüchtlinge, die auf dem Weg in ihre Unterkunft waren. Den Schüssen soll ein Streit vorausgegangen sein. Laut Pressemeldung wurde niemand körperlich verletzt.

Sogar Säuglinge mussten Übergriffe miterleben

Die Beratungsstelle Ezra hat Zahlen sowohl für das aktuelle als auch für das vergangene Jahr erhoben:

► Demnach sind Ezra im Jahr 2018 bisher drei Angriffe mit drei betroffenen Kindern im Alter bis 13 Jahre und zehn Angriffe mit 19 betroffenen Jugendlichen bekannt. Von den insgesamt 13 erfassten Fällen ist in elf Fällen Rassismus das vermutete Tatmotiv.

2017 wurden 16 Fälle gemeldet, bei denen insgesamt 20 Kinder direkt und mindestens vier indirekt von Gewalttaten betroffen waren. In einigen Fällen hätten Kinder im Säuglingsalter Übergriffe auf ihre Eltern miterleben müssen. Im gleichen Jahr wurden zudem mindestens 19 Jugendliche Opfer von Gewalttaten. “In der Mehrzahl der Fälle waren für die Angriffe rassistische Motive ausschlaggebend”, sagt Christina Büttner von Ezra. 

Konsequentere Ermittlungen gefordert

Refugio Thüringen betreibt psychosoziale Zentren für Flüchtlinge in Jena und Erfurt und leistet therapeutische Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge. Geschäftsführerin Julia Hauck betont:

“Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Gefahr groß, dass sie das Erlebte ohne therapeutische Hilfe nur schwer bewältigen können und die Gewalterfahrung prägend für ihre Entwicklung wird.”

Gemeinsam fordern die drei Organisationen nun von politisch Verantwortlichen und Strafverfolgungsbehörden, das Problem Rassismus zu erkennen und den Betroffenen damit zu zeigen, dass sie ernst genommen werden, wenn man sie schon nicht vor solchen Angriffen schützen kann.

Dies muss auch konsequentere Ermittlungen durch Polizei und Staatsanwaltschaft unter Einbeziehung und klarer Benennung des rassistischen Tatmotives umfassen.

(sk)