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05/10/2018 10:12 CEST | Aktualisiert 05/10/2018 11:06 CEST

Rassisten wollten mich "nach Hause" schicken, also lief ich 2000 Kilometer durch Europa

Wo wir herkommen, ist am Ende nicht das Wichtige. Was zählt, ist, wo wir hinwollen.

Instagram / michaliwanowski

Michal Iwanowski lebt seit seinem Studium in Großbritannien. Die Entscheidung des Königreiches, die Europäische Union zu verlassen, inspirierte den Fotografen zu einem einzigartigen Projekt: Er wollte herausfinden, was Heimat bedeutet – und ging dafür 1900 Kilometer zu Fuß von seiner Wahlheimat Wales in das Land seiner Geburt, Polen.

Als ich vor ein einigen Jahren durch meine Nachbarschaft in Cardiff spaziert bin, sah ich ein Graffiti: “Pole geh heim.” Der Schriftzug machte mich nachdenklich, denn ich war mir nicht sicher, ob er auf mich zutraf, oder nicht. War ich nicht bereits zuhause?

Ich wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Breslau geboren. Ich bin in Polen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auch mein Studium absolvierte ich an der Universität von Breslau. Dann kam mein Auslandssemester in Wales.

Ich habe mich in das Land und seine Leute verliebt. So sehr, dass ich nach Abschluss meines Studiums in Breslau erneut meine Koffer packte und nach Cardiff zog – dauerhaft.  

Inzwischen besitze ich sogar einen britischen Pass. Aber auch den polnischen habe ich noch immer. Ich befinde mich also irgendwie in der Schwebe, was meine nationale Identität anbelangt.

Der 23. Juni 2016 war ein dunkler Tag für mich.

Dass die Briten dafür gestimmt haben, die Europäische Union zu verlassen war ein Schock. Besonders, weil das Votum auch ein Ergebnis des erstarkenden Nationalismus in Europa und einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit war.

► Für viele Polen, die in Großbritannien arbeiten, könnte der Brexit tatsächlich bedeuten, dass sie schon bald “nach Hause” gehen müssen. 

Der Graffiti-Spruch, den ich acht Jahre zuvor bei meinem Spaziergang entdeckt hatte, bekam deshalb eine andere Bedeutung für mich: “Wenn die Briten wollen, dass ich nach Hause gehe, dann mache ich das eben”, dachte ich mir.

Von meiner Wohnung in Cardiff bis in mein Heimatdorf Mokrzeszów sind es 1900 Kilometer. Um zu Fuß auf möglichst direktem Weg dorthin zu gelangen, muss man sechs Länder durchqueren: Wales, England, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Tschechien und Polen.

Im April 2018 setzte ich meinen Rucksack auf, schnürte meine Wanderschuhe zu und marschierte los, von meinem neuen Zuhause in mein altes.

Michal Iwanowski
Michals Fußweg von Cardiff nach Mokrzeszów.

Was bedeutet Heimat?

Mein Ziel war es, Menschen, die mir auf dem Weg begegnen sollten, zu fragen, was Heimat für sie bedeutet. Irgendeinen Sinn musste der 105-tägige Fußmarsch ja haben.

In Addlestone im Süden von England traf ich auf einen Barkeeper. Während er mir einen Tonic einschenkte, erzählte er mir von einem polnischen Busfahrer, den er sehr ins Herz geschlossen habe. “Er ist wie ein Bruder für mich”, sagte er. 

“Hier gibt es viele Migranten, aber ich reduziere sie nicht auf ihre Herkunft. Sie sind keine Ungarn, oder Polen, wir sind alle einfach nur Menschen. Am Ende trinken wir unser Bier doch alle auf dieselbe Weise.”

► In Steenkerke im belgischen Flandern verbrachte ich ein paar Nächte bei Lien. Sie verwaltet eine Unterkunft in einem ehemaligen Pfarramt – ihre verstorbene Mutter hat sie ihr vermacht.

Lien erzählte mir, sie habe sich in Belgien immer zuhause gefühlt – bis ihre Mutter starb. Dadurch sei der Bund, den sie bei ihrer Geburt eingegangen war, aufgelöst worden. Nun betrachtet sie die Welt als ihr Zuhause. 

Mehr zum Thema:Alan Farid Kélo: “In meinem Leben hatte ich noch nie ein Heimatgefühl”

Ihre Geschichte ließ mich an all die vielen Mütter und Kinder denken, die über alle Herren Länder dieser Welt verstreut sind. Wie Zugvögel, die ihr Glück in wärmeren Gefilden suchen, aber doch immer wieder in die eine Richtung schauen.

Die Nadel ihres Kompasses zeigt immer wieder in Richtung ihrer Mutter. In Richtung Heimat. 

Am Ende trinken wir unser Bier doch alle auf dieselbe Weise.

► In den Niederlanden erweckte ein Kayak meine Aufmerksamkeit. Es stand in einem Garten, an einen einsamen Baum gelehnt. Während ich es betrachtete, kam ein Mann angeradelt und sprach mich an. Es stellte sich heraus, dass es sein Haus war und dass das Kayak seinem Sohn Fredrick gehörte.

Fredrick starb im Alter von 30 Jahren an einem Hirntumor. Der Schmerz des Mannes war spürbar, als er von seinem verstorbenen Sohn erzählte.

“Früher sind wir viel gereist”, sagte er. “Wir hatten ein Wohnmobil mit dem wir nach Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Tschechien gefahren sind. Heute sind wir nur noch zuhause”, erinnert er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, “jetzt, da Fredrick tot ist.”

Wir standen in seiner Einfahrt, vor dem Haus, das er vor 48 Jahren selbst gebaut hat, und sprachen über Heimat. Aber dieser Mann hat sein Zuhause für immer verloren. 

► In Polen, kurz vor dem Ziel meiner Reise, hatte ich einen regelrechten Zusammenbruch.

Ich weiß nicht, ob es die Hitze der vergangenen Wochen war, die meinem Körper und meinem Geist zugesetzt hat, aber ich konnte einfach nicht mehr. Ich schmiss alle meine Sachen ins Gebüsch und war wütend.

Ich zitterte und suhlte mich in Selbstmitleid. 

An diese Frau erinnere ich mich, wenn ich ans Aufgeben denke

Ein paar Stunden später stand ich auf und ging weiter. Und traf auf Cacilie, eine 94-jährige Schönheit. Sie ist das ewig pummelige kleine Mädchen, das jeder kennt und lieb hat.

Cacilie wuchs in Smolec auf, einem kleinen Dorf in der Nähe von Breslau. 

Bis 1945 war Smolec deutsch, doch nach Kriegsende waren die Deutschen gezwungen, die Gegend zu räumen. Eine Prozession, angeführt von ausgemergelten Pferden, zog aus der Stadt in Richtung Westen und mit ihr alle Deutschen.

Als sie sich aufmachten, hatte es -30 Grad Celsius. Die Kinder wussten nicht, wie sie die gefrorenen Brotscheiben essen sollten, die man ihnen in die Hand drückte. 

Der Zug bewegte sich mit schnellen Schritten, 20 bis 30 Kilometer legten die Vertriebenen am Tag zurück. Einige Familien wurden dabei getrennt, Kinder gingen verloren. 

Es kam der Moment, da konnte Cacilies Mutter Gertrude nicht mehr laufen. Sie war zu erschöpft und ließ sich auf einem Grenzstein nieder. Sie wolle keinen Schritt mehr tun, sagte sie. Da ergriff Cacilie ihre Mutter und warnte sie eindringlich: “Ich werde dich so lange ohrfeigen, bis du wieder aufstehst.” Ihre Mutter gab nach. Die ganze Familie überlebte. 

Cacilie und ich plauderten für eine Weile. Sie erinnerte mich an meine eigene Großmutter – sie wurde aus Litauen vertrieben und kam nach Breslau. 

Die verlassenen Häuser der deutschen Familien sollten den wiederkehrenden polnischen Familien als Zuhause dienen. Die Erfahrung der Vertreibung sollte beide Seiten des Konflikts ein Leben lang begleiten.

Cacilie gibt die besten Umarmungen. Wenn ich das nächste Mal im Begriff bin aufzugeben, will ich an sie denken. 

Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? 

Ich habe vieles gelernt auf meiner Reise. Über den Begriff Heimat, aber vor allem über Menschen. Die Begegnungen und die Erfahrungen, die ich unterwegs gemacht habe, haben mir den Glauben an das Gute im Menschen zurückgegeben.

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Wenn ich an die Geschichten meiner Weggefährten zurückdenke, wird mir eine Sache klar: Unser Geburtsort, unser Heimatland – sie formen uns als Menschen, aber nicht unbedingt so sehr, wie wir es oft glauben. Wo wir herkommen, ist am Ende nicht das Wichtige. Was zählt, ist, wo wir hinwollen.

Und so habe ich auch Klarheit bekommen, was meine eigene Identität angeht. Früher hatte ich das Gefühl, meine Persönlichkeit sei gespalten: Ich dachte ich sei sowohl Brite als auch Pole. 

Heute weiß ich, dass es nie eine Frage von “entweder oder” war. Es gab immer nur die eine Identität, die menschliche. 

Michal Iwanowski

Dieses Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt.