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10/07/2018 13:01 CEST | Aktualisiert 10/07/2018 16:08 CEST

"Neger im Dirndl": Was ich mir auf einem Volksfest anhören musste

Was habe ich getan? Das ist meine Kultur. Ich kenne nur Bayern und Österreich. Lederhosen und Bier.

Janinesteeg

Mein Lachen auf diesem Bild täuscht.

Wir haben spontan beschlossen, mit unseren Nachbarn auf das Weinfest in Traiskirchen zu fahren.

Voll motiviert haben wir Mädels uns in die Tracht geworfen. Als wir losgingen, habe mich wunderschön und stark gefühlt. Als ich heimkam war ich den Tränen nahe.  

Im Video oben: So alltäglich ist das Thema Rassismus in Deutschland.

Als gebürtige Bayerin, trage ich immer schon Dirndl. Besonders stolz war ich, weil meine Oma einige Kleider selbst genäht hat.

Im Trachtenverein war ich der Star - eh klar! “Ma wia liab“ haben sie gesagt und die Touristen haben sich darum gerissen, sich mit mir fotografieren zu lassen. 

Standesgemäß sind wir mit der Badener Bahn angereist.

Als wir in Traiskirchen aussteigen, kommen wir keine zehn Meter, ohne den ersten rassistischen Vorfall.

Jetzt hab ich alles gesehen, ein Neger im Dirndl, das kann ich jetzt abhaken.“

Eine Gruppe 16-17-jähriger Jungs. Als ich sie anfahre, ob sie ein Foto zwecks Glaubwürdigkeit wollen, stammeln sie “Entschuldigung” und rennen peinlich berührt an uns vorbei. 

Ich fühle mich wie eine Aussätzige

Beim Fest angekommen. Alle Augen sind auf uns gerichtet. Nein auf MICH! 

Ich höre die Leute reden – “Eine schwarze im Dirndl!“. Augenpaare blicken mich verwirrt, böse oder belustigt an. An den Nachbartischen wird geredet und gestarrt.

Wir holen Essen, nein auch da keine zwei Minuten Ruhe. Ich kann keinen Schritt machen, ohne das Gerede und Gelächter zu hören. 

Ich fühle mich wie eine Aussätzige. Beobachtet und exponiert. Ja, ich weiß, einige haben sich sicherlich gedacht, wie hübsch ich heute aussehe. Ich habe mich gefühlt, wie ein Alien, als wäre ich hier verboten.

Mehr zum Thema: Pfarrer vertrieben: So rassistisch ist ein bayerisches Dorf

Ich resigniere und schaffe es, bis zum Heimgehen nicht auszurasten. In mir kocht es, ich will mit meinen Freunden einfach nur einen feinen Abend haben. 

Eine Dame auf der Toilette, erfahre ich später, freute sich über den Anblick meiner blonden Freundin in Lederhosen. Aber als sie mich sah, wurde ihr wohlwollender Omablick eiskalt. 

Was habe ich getan? Das ist meine Kultur. Ich kenne nur Bayern und Österreich. Lederhosen und Bier.

Privat
Als Kind war Imoan Kinshasa der Star im Trachtenverein.

Der eigenen Kultur beraubt

Ich fühle ich mich meiner selbst beraubt. Für diese Leute ist ein “Neger in Tracht“ eine Karikatur, für den ein oder anderen gar eine Beleidigung.

Am liebsten möchte ich gar nichts mehr damit zu tun haben. Ich schäme mich für Seehofer und Söder, wo ist eure gmiadlicheid zefix? 

Ihr zwingt jeden Menschen mit klarem Verstand quasi dazu, diese „Leitkultur“ abzulehnen. 

Ich für meinen Teil bin tief verletzt und werde in Zukunft gezielt auf Veranstaltungen gehen, wo wir mit weniger Anfeindung zu rechnen haben. 

Ich fühle mich ausgeschlossen und eingeschränkt. Strache und Co. haben Recht: Es gibt No-Go Areas, für mich Mittlerweile definitiv.

Am liebsten würde ich mir die Decke über den Kopf ziehen, mich verstecken und nicht mehr raus gehen. Dieser antrainierte Hass zerfrisst mich innerlich...

Dieser Text erschien zuerst auf Facebook und wurde von Anna Rinderspacher zur Veröffentlichung angepasst.